Das Vermächtnis einer bewegten Fotografin
Gertrud Vogler (1936-2018) wurde in den 1980er-Jahren bekannt als Fotografin der Zürcher Jugend- und Frauenbewegung, der offenen Drogenszene und der repressiven Politik all dem gegenüber. Die Monografie «Soziale Brennpunkte» würdigt ihr Werk erstmals umfassend.

Gertrud Vogler war Verkäuferin, wurde jung Witwe und zog ihre beiden Söhne allein auf. In den 1970er-Jahren brachte sie sich das Handwerk der Fotografie selber bei und war ab dann immer dort, wo es brannte. «Züri bränn» mit allem, was dazugehörte: Wut, Gewalt und Gegengewalt, Lebenslust, Wohnungsnot, Rausch und Elend. Sie fotografierte an Demos, auf dem Platzspitz, an Punkkonzerten, in besetzten Häusern und Hüttendörfern – auch im Berner Zaffaraya.
Dennoch hat Gertrud Vogler keine Sensationsbilder gemacht. Im Gegenteil: Ihre Bildsprache war unprätentiös, manchmal fast beiläufig, und immer vom Respekt den Fotografierten gegenüber geleitet. Sie selber fiel nicht auf unter den meist jungen, bewegten Menschen: Mit über fünfzig wirkte sie schlank, mit halblangem, offenem Haar und wachem Blick wie eine von ihnen.
«'Ach, lasst doch die, die gehört ja schon zum Inventar.'» So soll der Einsatzleiter 1989 seine Polizisten im Zürcher Platzspitz zurückgepfiffen haben, als sie Gertrud Vogler trotz Presseausweis während einer Razzia aus dem 'Needle Park' werfen wollten«, schrieb Chris Bänziger in Voglers Fotoband «Nur saubergekämmt sind wir frei» (1990).
Nun schreibt Daniela Janser, Kulturwissenschaftlerin und Journalistin der WoZ-Redaktion in der neuen Monografie über die immer sehr authentisch wirkenden Personenporträts der Autodidaktin: «'Zum Inventar' zu gehören, war gewissermassen Voglers Porträttechnik. Beinahe unsichtbar zu werden und mit einem sozialen Raum zu verschmelzen, erlaubte es ihr, Menschen so zu fotografieren, als ob sie unbeobachtet wären.»
Die Monografie «Gertrud Vogler. Soziale Brennpunkte. Fotografien aus einer Zeit im Umbruch 1975–2000», herausgegeben von Silvan Gertsch, Journalist, und Stefan Länzlinger, Historiker, präsentiert Voglers Werk in neun Blöcken. Darunter sind auch Fotoreportagen zum Leben der Jenischen, zum Wandel der Arbeitswelt oder zu den Ritualen von Subkulturen. Beim Durchblättern des Buches spürt man das prägende und gestaltende Engagement der Fotografin, die dieses Jahr neunzig geworden wäre.
In der sogenannten zweiten Frauenbewegung kämpfte Gertrud Vogler für das Stimmrecht, die gesetzliche Gleichstellung und ein entsprechendes Eherecht; sie war dabei, als die ersten Frauenhäuser ihren Betrieb aufnahmen, natürlich mit der Kamera. Sie fotografierte die Frauen dort, machte sie nach dem Motto «das Private ist politisch» sichtbar und schützte durch die Wahl der Perspektive dennoch die Identität der Betroffenen.
Arbeiterinnen und Telefonistinnen stellt sie in ihren beruflichen Aufgaben vertieft dar – konzentriert und kompetent. Eindrücklich ist auch, wie sie die Veränderung der Arbeitsplätze dokumentiert, etwa mit der Einführung der ersten Computer bei der damaligen PTT.
Ab- und Ausgrenzung gab es für Gertrud Vogler nicht. Sie begegnete den Menschen auf Augenhöhe und – wie sie oft sagte – «weil ich verstehen will». Einzig in ihrer eigenen Gilde hat sie sich klar distanziert vom Ellbögeln und Konkurrenzdenken, vom aggressiven «Schiessen» gut verkäuflicher Bilder. Testamentarisch verfügte sie, dass ihre Bilder niemals für rein kommerzielle Zwecke wie Werbung verwendet werden dürfen.
Ab 1981 bis zu ihrer Pensionierung 2003 war Gertrud Vogler Bildredaktorin bei der linken Wochenzeitung WoZ und prägte deren Erscheinungsbild mit. Ihr eigenes, umfangreiches Gesamtwerk von 250'000 Schwarzweiss-Negativen übergab sie 2013 in vierzig grossen Schachteln dem Schweizerischen Sozialarchiv in Zürich. Seither werden die Bilder dort digitalisiert, laufend erschlossen und publiziert. Ein Schatz für die Nachwelt – lebendig, facettenreich und aufschlussreich.*
*Dieser Text von Tina Uhlmann, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.






