Darum gibt es in der Schweiz kaum Amok-Taten
Der Kriminologe Dirk Baier nennt drei Gründe, warum es in der Schweiz im internationalen Vergleich selten zu Amok-Taten kommt.

Das Wichtigste in Kürze
- Kriminologe Dirk Baier nennt drei Gründe, warum es in der Schweiz im internationalen Vergleich selten zu Amok-Taten kommt.
- Ein Faktor ist, dass es weniger Ungleichheit gibt.
Die Amok-Tat von Aarau erschüttert die Schweiz. Expertinnen und Experten sagen gar, dass das Sicherheitsgefühl in der Schweiz durch solche Taten leidet.
Im internationalen Vergleich sind Amokläufe in der Schweiz sehr selten. «Die meisten Amokläufe geschehen in den USA», sagt Kriminologe Dirk Baier.
Amok-Taten gibt’s überall – am meisten in den USA
Die schwersten Fälle von Amokläufen erfolgten hingegen ausserhalb der USA, so zum Beispiel in Norwegen oder Neuseeland.
Die Schweiz an einer spezifischen Stelle in einem Ranking zu verorten, findet Baier denn auch nur bedingt aussagekräftig. Solche Taten seien in allen Ländern der Welt sehr selten. Mit dem Zuger Attentat (2001) war auch die Schweiz schon betroffen.

«Prinzipiell gibt es in der Schweiz eine recht hohe Schusswaffenverfügbarkeit in den Haushalten. Dies ist eine Voraussetzung für den Einsatz im Rahmen von Amok.»
Drei Gründe, dass es hier weniger Amok-Taten gibt
Dass es in der Schweiz im internationalen Vergleich aber weniger Amok-Taten passieren, habe mindestens drei Gründe.
«Erstens gibt es in der Schweiz eine stärkere Sozialkontrolle. Man schaut hier stärker aufeinander, weil sich das Leben in überschaubaren sozialen Kontexten wie kleineren Gemeinden abspielt.»

Zweitens seien gute Strukturen geschaffen worden, die der Vorbeugung schwerer Gewalt dienen.
Baier meint damit den Gewaltschutz und das Bedrohungsmanagement der Polizei. Aber auch Beratungsstellen und psychiatrische Kliniken. Personen, die sich auf einem problematischen Weg befinden, können frühzeitig unterstützt werden.
«Drittens», so Baier, «ist die Ungleichheit in der Schweiz geringer. Es werden hier weniger Menschen sozial an den Rand gedrängt, Armut wird besser vorgebeugt; dies ist ein gewaltpräventiver Faktor.»
«Restrisiko» bleibt
In der «SRF Rundschau» sagte der forensische Psychologe Jérôme Endrass: Ein «Restrisiko» gebe es in einer nicht komplett überwachten Gesellschaft immer.
«Man kann nicht alle Straftaten verhindern. Wir haben in der Schweiz aber ein sehr gut ausgebautes Bedrohungsmanagement. Es wird einiges erkannt, davon bekommt man aber nichts mit.»
Eine Umfrage bei den Kantonspolizeien ergibt keine Aufschlüsse, wie viele Amok-Taten in der Schweiz verhindert werden. Eine Statistik zu Amok-Versuchen gibt es nicht. Zudem ist dies auch schwierig zu erfassen.
Vom Ankündigen zur Umsetzung ein grosser Schritt
Die Prävention von Amok findet auf verschiedenen Ebenen statt, sagt Baier. Einerseits gebe es Gewaltprävention, zum Beispiel an Schulen.

Andererseits könnte man den Punkt so definieren, dass die Polizei konkrete Tatvorbereitungshandlungen zum Anlass nimmt, um zu intervenieren. Etwa die Ankündigung einer Tat auf Social Media oder der Erwerb von Waffen und Munition.
Aber: «Selbst dann wäre aber nicht sicher, ob die Amoktat tatsächlich stattgefunden hätte.» Zwar sei sogenanntes Leaking ein relevanter Warnhinweis. «Vom Ankündigen zur Tatumsetzung ist es aber dennoch ein grosser Schritt.»
Baier schliesst: «Aus meiner Sicht braucht es hierzu letztlich auch gar keine exakte Zahl. Ich bin mir sicher, dass die Polizei, aber eben so viele andere Menschen in der Gesellschaft, signifikant zur Prävention von Amok beigetragen haben in der Vergangenheit.»











