Dänen prangern Grüsel-Beizen an Tür an – Idee für die Schweiz?

Riccardo Schmidlin
Riccardo Schmidlin

Bern,

Dänische Restaurants müssen vor dem Eintreten offenlegen, wie hygienisch sie sind. Auch in der Schweiz gibt es Forderungen nach einem solchen Smiley-System.

Dänemark
Links unbefriedigend, rechts überzeugend: Restaurants in Dänemark müssen die Resultate ihrer Lebensmittelkontrollen mit Smileys transparent machen. - Nau.ch

Das Wichtigste in Kürze

  • Dänemark kennt ein Smiley-System für Restaurants.
  • Auch in der Schweiz stösst ein solches Transparenzsystem auf offene Ohren.
  • Experten warnen aber vor Druck aufs Gastronomiepersonal.

In Dänemark gibt es die besten Restaurants der Welt. Im Gourmet-Paradies werden weder der Geschmack, die Qualität noch die Hygiene dem Zufall überlassen.

Schon seit 2001 hängen an den Restauranttüren Smileys. Das System wurde 2023 vereinfacht und überarbeitet.

Ein Smiley bedeutet «keine Anmerkungen», ein neutrales Gesicht heisst «Anordnung, einstweilige Verfügung oder Unterlassungsverfügung».

Dänemark
Dänemark kennt diese drei Smileys an Restauranttüren. - Screenshot findsmiley.dk

Und ein Lätsch meint «Verwaltungsstrafen, Anzeige bei der Polizei oder Entzug der Genehmigung».

Konsumentenschutz lobt Dänen-Smileys

Auf dem Aushang, der verpflichtend vor jedem Restaurant oder Lebensmittelladen hängt, sind die Resultate der letzten drei Kontrollen zu sehen. Er informiert transparent über die aktuellen Hygiene- und Qualitätsbewertungen.

Kontrolliert wird in Dänemark dreimal jährlich. Mit einem QR-Code kann kontrolliert werden, ob das Zertifikat auch tatsächlich gültig ist.

Wäre das auch etwas für die Schweiz?

Ja, heisst es beim Konsumentenschutz. «Eine vereinfachte Offenlegung – ob mit Smileys oder einer anderen Kennzeichnung – ist wünschenswert.» Das sagt Josianne Walpen, Leiterin Ernährung, zu Nau.ch.

Warum?

«Weil diese Transparenz für Konsumentinnen und Konsumenten wichtig ist und es für die sauber arbeitenden Restaurants eine gute Werbung wäre.» Dazu würden jene mit Verbesserungsbedarf motiviert, besser zu werden.

Bist du für ein Smiley-System für Restaurants in der Schweiz?

Auch Reputations-Experte Bernhard Bauhofer kann dem Smiley-System zunächst Positives abgewinnen.

«Das schafft eine Orientierung und sorgt für Transparenz», sagt er zu Nau.ch. «Ein Kunde überlegt sich zweimal, ob er in ein Restaurant mit schlechtem Kontrollergebnis gehen will.»

Experte warnt vor Druck auf Personal

Er findet gut, dass nicht nur das letzte Resultat, sondern auch die Smileys der drei letzten Kontrollen gezeigt werden. «Somit wird ersichtlich, ob sich ein Betrieb verbessert oder verschlechtert, wodurch der Aushang repräsentativer wird.»

Gleichzeitig warnt Bauhofer: «Ein Smiley- oder Ampelsystem vereinfacht vieles und kann der Vielschichtigkeit der Kontrollen nicht gerecht werden. Es ist für die Gäste nicht ersichtlich, warum ein Restaurant schlecht abgeschnitten hat.»

Bernhard Bauhofer
Reputations-Experte Bernhard Bauhofer sieht bei einem Smiley-System auch viele Risiken. - Linkedin

Noch mehr geben dem Experten aber die Auswirkungen für das Personal zu denken. «Diese öffentlichen Smileys setzen das Management unter Druck, möglichst gut abzuschneiden, damit eine Kontrolle nicht zum Geschäftsrisiko wird. Und dieser Druck wird dann an die Mitarbeitenden weitergegeben.»

In der Gastronomie sei der Druck ohnehin schon riesig, gibt Bauhofer zu bedenken. «Werden die Betriebe mit neuen Regeln oder Anforderungen drangsaliert, wird es irgendwann zu viel: Sie können den Standards nicht mehr gerecht werden.»

Bundesrat sieht keinen Handlungsbedarf

In der Schweiz sind gemäss Lebensmittelgesetz die Lebensmittelkontrolleure der Schweigepflicht unterstellt. In einer Antwort auf eine Anfrage von SP-Nationalrätin Gabriela Sutter im letzten Jahr sah der Bundesrat derzeit keinen Handlungsbedarf.

Grund: Ein früherer Vorschlag für mehr Transparenz wurde vom Parlament abgelehnt.

Zudem argumentierte der Bundesrat, dass Detailberichte vertraulich bleiben sollten, um Fehlinterpretationen und Imageschäden für Betriebe zu vermeiden. Stattdessen werden anonymisierte Daten veröffentlicht, die einen allgemeinen Überblick geben.

SVP-Nationalrat wünscht sich mehr Transparenz

Derzeit ist kein Vorstoss zum Thema hängig. Doch von der SVP gibt es Zuspruch für mehr Transparenz – nämlich vom St. Galler Nationalrat Lukas Reimann.

«Das stärkt einerseits das Vertrauen der Konsumentinnen und Konsumenten in Gastrobetriebe», sagt er. «Andererseits stärkt es den Ruf der grossen Mehrheit aller Gastrobetriebe, die sich an Hygienevorschriften halten und einen guten Job machen.»

Lukas Reimann
Der St. Galler SVP-Nationalrat fordert eine Offenlegung von Grüsel-Beizen. - keystone

«Natürlich soll nicht jede kleine Beanstandung öffentlich gemacht werden», sagt Reimann. «Aber wenn wiederholt Hinweise der Lebensmittelkontrolle ignoriert werden und die Gesundheit der Menschen gefährdet ist, dann braucht es eine Publikation.»

Die heutige Situation würde stattdessen Gerüchte befeuern. Und: «Konsumenten bleiben lieber gleich ganz zu Hause, weil sie nicht wissen, um welchen Betrieb in ihrer Gegend es sich handelt.»

Ein Smiley-System wie in Dänemark macht er hingegen nicht zum Thema.

Gastrosuisse: «Hygiene-Pranger nicht zielführend»

Der Branchenverband Gastrosuisse sieht das Offenlegen von beanstandeten Betrieben kritisch. «Ein Hygiene-Pranger ist nicht zielführend», sagt Sprecherin Iris Wettstein zu Nau.ch.

Lebensmittelkontrollen seien Momentaufnahmen. Und: Nicht jede Beanstandung sei gleichermassen schwerwiegend, betont Wettstein.

Wird bei Schweizer Gastrobetrieben genau genug hingeschaut?

«Eine Offenlegung des Namens führt zu Fehlinterpretation und kann dem Ruf eines Betriebs dauerhaft schaden. Selbst dann, wenn nie eine Gefährdung der Gäste bestand, Mängel umgehend behoben wurden oder inzwischen sogar ein Betreiberwechsel stattgefunden hat.»

Gerade für kleine, inhabergeführte Betriebe sei das existenzbedrohend.

Lebensmittelkontrollen reichen aus

Darum beurteilt der Gastroverband ein Smiley-System wie in Dänemark «ebenfalls kritisch», wie Wettstein sagt.

«Ein solches System greift zu kurz, weil es die Komplexität der Kontrollresultate auf eine stark vereinfachte Darstellung reduziert.»

Gastrosuisse spricht von einer «Schein-Transparenz». Zielführender seien präventive Massnahmen wie Schulungen oder Unterstützung bei der Selbstkontrolle.

Der Verband betont, dass für ihn die Lebensmittelsicherheit «höchste Priorität» habe. Die Schweiz verfüge bereits heute über ein wirksames System, um diese sicherzustellen.

Zuger Beizen können Kontrollbericht freiwillig aufhängen

Der Kanton Zug stellt seit 2009 als erster Kanton die sogenannte amtliche Qualitätsbescheinigung für Lebensmittelbetriebe aus. Das ist ein Kontrollbericht, den sie sichtbar aufhängen können.

Den Betrieben ist es allerdings freigestellt, ob sie die amtliche Bescheinigung ihrer Kundschaft von sich aus zugänglich machen wollen.

Dennoch rühmt sich der Kanton auf seiner Website: Die Ergebnisse sind nach zehn Jahren erfreulich: Über 80 % der Betriebe werden als «sehr gut» oder «gut» beurteilt.

Es zeigt sich zudem, dass im Verlauf der letzten zehn Jahre mehr Betriebe als «sehr gut» eingestuft wurden. Der Anteil der Betriebe mit der Bewertung «gut» hat dafür leicht abgenommen.

Der Anteil ungenügender Betriebe im Kanton Zug blieb immer unter zwei Prozent.

Kommentare

User #3140 (nicht angemeldet)

Gute Idee. Bitte umsetzen.Schreibe blind, wei mir die Werbung die Sicht verdeckt.

Luxy-1

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