«ChoschtBar»: 44 Leute gegen Food-Waste!
Die «ChoschtBar» in Zofingen AG rettet Lebensmittel vor dem Abfall. Dahinter stehen 44 Freiwillige, die sich gemeinsam gegen Food-Waste engagieren.

Ein Klingeln an der Hintertür, dann das Rattern eines Rolltors: Im LED-Licht des Wareneingangs der Aldi-Filiale in Rothrist türmen sich Hunderte Kilo Lebensmittel, säuberlich verpackt in Plastikkisten.
Trotz eisiger Temperaturen haben sich Alexandra Fischer und Bea Wildhaber eingefunden. Beide werfen einen kurzen Blick auf den Berg, dann krempeln sie sinnbildlich die Ärmel hoch.
Wären sie nicht hier, würde der Essensberg im Abfallcontainer landen. Doch nicht mit dem Verein ChoschtBar: Er sammelt bei Privatpersonen und Supermärkten Esswaren kurz vor dem Ablaufdatum ein und gibt sie am Standort in Zofingen kostenlos ab.
In seiner zehnjährigen Geschichte ist die ChoschtBar vom kleinen Player zu einem der grössten Anti-Food-Waste-Projekte der Region avanciert. Inzwischen verwertet der Verein acht bis neun Tonnen Lebensmittel im Monat.

Und vor dem Wareneingang der Aldi-Filiale Rothrist wird der löbliche Vorsatz Realität. In mühseliger Handarbeit sortieren die Frauen die Ware in Kisten und streichen bei den Verpackungen die Barcodes mit einem Stift durch.
«Damit die Kunden die Ware nicht im Laden umtauschen können», erklärt Fischer, welche auch im Vorstand des Vereins sitzt. Das sei nur ein Punkt im Vertrag, den die ChoschtBar mit der Aldi- Filiale geschlossen hat.
Und es ist längst nicht die einzige Vorgabe, an die sich die ChoschtBar hält. «Wir halten uns zudem an die Bundesvorgabe von Foodwaste.ch», sagt Fischer.
Beim Sortieren liegt das Kopfschütteln oft nicht weit: Orangenaus Spanien, Bananen aus Indonesien, Blaubeeren aus dem fernen Simbabwe. «Einfach hierher transportiert, nur damit es weggeworfen wird», so Fischer.
Dabei erweist sich der Löwenanteil der Ware als tadellos, nur vereinzelt muss eine zerquetschte oder verdorbene Frucht aussortiert werden. Schnell wird klar: Zwei Autos reichen nicht.
Doch Fischer kann auf das breite Netz der ChoschtBar zurückgreifen, dem inzwischen 44 Personen angehören. In Windeseile ist ein weiterer Fahrer aufgeboten, der auch noch beim Sortieren hilft.
Alle sind willkommen
Mit drei voll beladenen Autos geht es zum Standort an der Bifangstrasse 1 in Zofingen AG. Etwas versteckt hinter einem Imbiss liegt der kleine, aber feine Treffpunkt der Choscht-Bar. Schon jetzt steht eine ganze Reihe von Leuten Schlange
Das ist kein Zufall: Anders als etwa die Caritas verlangt die ChoschtBar keine Bedürftigkeitsprüfung. Will heissen: Die Tore stehen allen offen.
Etwas zurückgeben
So breit wie die Besucherinnen und Besucher ist auch das Team hinter der ChoschtBar. Eugen zum Beispiel: «Für mich war klar, dass ich mich nach meiner Pensionierung ehrenamtlich engagieren wollte», erzählt er.
«Ich habe 45 Jahre lang für Geld gearbeitet, jetzt wollte ich etwas zurückgeben.» Mit beiden Beinen im Erwerbsleben steht dagegen Mahiya. Schon in ihrer Heimat Sursee engagierte sie sich für ein ähnliches Projekt. Als sie nach Zofingen zog, war die Choscht-Bar deshalb die logische Wahl, um ihr Engagement weiterzuführen.

Bei aller Verschiedenheit haben die beiden etwas gemeinsam: Auch zu Hause achten sie darauf, möglichst wenig Lebensmittel wegzuwerfen. «Es überrascht mich, wie schnell Leute Esswaren wegwerfen», sagt Mahiya. Oft lande die Ware schon einen Tag nach dem Ablaufdatum im Abfall.
Breites Publikum
Beide bestätigen auch das diverse Bild, das sich in der Schlange vor der ChoschtBar zeigte. «Es sind finanziell schwache Leute hier, bis hin zu Menschen mit teuren Autos», sagt Mahiya. Eugen ergänzt: «Unser Credo ist es, Lebensmittel zu retten. Ein wohlhabender Mensch kann dazu genauso beitragen.»
Damit die Verteilung fair abläuft, hat die ChoschtBar ein «Löösli-System» ausgearbeitet. Der Zugang wird dabei per Los bestimmt, sodass nicht einige wenige sehr früh anstehen und zu viel einstecken. Denn eine Bezugsgrenze kennt die ChoschtBar nicht, es gilt lediglich das Gebot: so viel mitnehmen, wie man auch wirklich essen kann.
Zudem achteten die Helfenden beim Verteilen darauf, dass auch wer zuletzt an die Reihe kommt, noch einen fairen Anteil bekommt. Bleibt etwas übrig, wird die Ware nach draussen gestellt und kann jederzeit bezogen werden.
Kreativ kochen und Kontakte knüpfen
Hermann Wilhelmstätter und seine Frau Romy aus Oftringen schätzen das Angebot nicht nur wegen der unentgeltlichen Natur und der «guten Sache», sondern auch wegen der Kreativität, die es verlangt. «Man weiss nie, was man bekommt», schmunzelt der gelernte Koch.
So sei er in der Küche immer wieder gefordert, aus dem Angebot etwas Neues zu zaubern. Während Wilhelmstätter vor allem an den menschlichen Gaumen denkt, hat die rüstige Rentnerin Ruth ihre Hühner im Sinn.
In ihrer Tasche finden sich zahlreiche Waren, die nicht mehr an die Leute abgegeben werden können, für die Hühner aber einen Gaumenschmaus darstellen, etwa abgepackte Salate nach Ablaufdatum oder alte Rüebli.
«Die ChoschtBar ist eine tolle Sache», sagt sie mit einem Lächeln. Für sie ist sie auch ein Treffpunkt. «Seit ich pensioniert bin, war ich immer nur zu Hause», erzählt sie. Hier habe sie schon viele Kontakte knüpfen können, selbst mit Menschen, die kaum Deutsch sprechen.

«Viele konnten fast kein Wort, und inzwischen kann ich ganz normal mit ihnen sprechen!»
Topmodernes Inneres
Die ChoschtBar ist die Summe ihrer Engagierten, die sie Tag für Tag tragen. Alle Mitglieder arbeiten ehrenamtlich, selbst die Spesen für die Fahrten übernehmen sie aus eigener Tasche. Als eine Art «Lohn» teilen sie die kürzlich abgelaufenen Lebensmittel, die nicht öffentlich weitergegeben werden dürfen, unter sich auf.
Auch intern engagieren sich die Mitglieder mit voller Passion, und das Ergebnis wirkt keineswegs nach Vereinsmief, sondern topmodern. Deborah Vise gestaltete eine neue, zeitgemässe Webseite. Die Einsatzplanung leitet Mirjam Hofer, die neben Alexandra Fischer im Vorstand sitzt, und zwar professionell:
Organisiert wird der gesamte Betrieb innerhalb einer App, über die sich die Freiwilligen für ihre Einsätze koordinieren. Pläne, Einsatzzeiten und vieles mehr lassen sich bequem digital einsehen. Ohne dieses Fundament wären die Einsätze kaum möglich.
«Das ist alles rollend entstanden», erinnert sich Fischer. Mit der Zeit sei aus einer kleinen Sache etwas Grosses geworden, das schliesslich auch Leute mit verschiedensten Fähigkeiten angezogen habe.
Sorge um Unterkunft
Sorgenfrei ist die ChoschtBar damit aber nicht. Im letzten Jahr hat die Wohnbaugenossenschaft Domum das Baurecht für die «Untere Vorstadt» erhalten, der Standort an der Bifangstrasse soll deshalb weichen.
Die ChoschtBar sucht nun nach einem neuen Standort. Wie es mit ihr weitergeht, ist also ungewiss. Klar ist nur: Die Lebensmittel, die sie rettet, und die Menschen, die sich dafür einsetzen, werden weiterhin gebraucht.
Bis ein neuer Standort gefunden ist, läuft der Betrieb an der Bifangstrasse in Zofingen AG weiter, Abend für Abend, Kiste für Kiste.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Aarauer Nachrichten» erschienen.








