Chemie-Cocktails sind in Schweizer Seen «weit verbreitet»
Der Zugersee sorgt wegen PFAS und anderen Schadstoffen für Schlagzeilen. Experten sagen: Das Problem betrifft viele Schweizer Gewässer.

Das Wichtigste in Kürze
- Phosphor, PFAS und Mikroverunreinigungen sind in Schweizer Gewässern weit verbreitet.
- Der Zugersee ist kein Einzelfall, weist aber wegen der Tiefe besondere Probleme auf.
- Bei langlebigen Schadstoffen wie PFAS bleibt die Belastung eine Herausforderung.
Im Zugersee sammeln sich laut Fachleuten seit Jahrzehnten Phosphor, PFAS und weitere Mikroverunreinigungen.
Eine vom Zuger Ingenieur und Gemeinderat David Meyer lancierte Initiative will das Problem mit einer speziellen Tiefenwasser-Kläranlage bekämpfen.
Doch Experten betonen gegenüber Nau.ch: Der Zugersee ist kein Einzelfall.

Doch der Reihe nach: Fahrt aufgenommen hat die Story durch die Idee von Meyer. Wie zuerst «Zentralplus» berichtete, schlägt der GLP-Gemeinderat vor, Wasser aus den tiefen Schichten des Zugersees abzupumpen.
In einer speziellen Anlage soll es anschliessend von Schadstoffen gereinigt werden.
Ziel sei es, unter anderem PFAS, Phosphor sowie Rückstände von Medikamenten und Pestiziden aus dem See zu entfernen.
Gegenüber der Zeitung sagte Meyer: «Der Zeitpunkt für die Initiative ist jetzt der richtige.» Zudem bezeichnete er die Belastung der Fische im See als «Cocktail» aus tausenden chemischen Stoffen.
Schadstoffe in Schweizer Gewässern weit verbreitet
Die Idee ist also da für ein Problem, das nicht nur den Zugersee betrifft. Denn auf Anfrage von Nau.ch erklärt das Bundesamt für Umwelt (BAFU): Phosphor, PFAS und Mikroverunreinigungen seien in Schweizer Seen und Flüssen «weit verbreitet».
Besonders in Gewässern mit hohem Abwasseranteil würden häufig erhöhte Konzentrationen von Mikroverunreinigungen und PFAS festgestellt. Weniger belastet seien oft Gewässer in bewaldeten Einzugsgebieten.
Ähnlich beurteilt dies die Gewässerschutzorganisation Aqua Viva. Die Organisation teilt mit: «Der Zugersee ist daher kein Einzelfall, sondern steht stellvertretend für Herausforderungen, die viele Schweizer Gewässer betreffen.»
Neben PFAS gelangen unter anderem Pestizide, Industriechemikalien oder Rückstände aus Medikamenten in die Gewässer. Solche Stoffe können heute deutlich besser nachgewiesen werden als noch vor einigen Jahrzehnten.
Zugersee hat besondere Voraussetzungen
Weshalb ist das Problem in Zug besonders akut? Laut dem Wasserforschungsinstitut Eawag weist der Zugersee spezielle Voraussetzungen auf.
«Der Zugersee ist stark mit Nährstoffen belastet. Phosphor ist dabei entscheidend», sagt Andri Bryner, Hydrologe und Medienverantwortlicher des Wasserforschungsinstituts Eawag, zu Nau.ch.

Das Wasser durchmische sich ausserdem im See nur schlecht. Daher könnten sich Schadstoffe und Nährstoffe in den unteren Wasserschichten und im Sediment anreichern.
Gleichzeitig fördere die hohe Phosphorbelastung das Wachstum von Algen. Beim Abbau dieser Biomasse werde Sauerstoff verbraucht, was Fischen in grösseren Tiefen zunehmend Probleme bereite.
Bryner betont jedoch, dass sich langlebige Schadstoffe auch in anderen Seen in tieferen Wasserschichten und Sedimenten ansammeln können.
Experten zweifeln an Kläranlage im See
Die von Gemeinderat Meyer vorgeschlagene Tiefenwasser-Kläranlage stösst bei Fachleuten allerdings auf Skepsis.
«Ein Hinaufpumpen und Behandeln des Tiefenwassers in einer Kläranlage erachten wir als nicht praktikabel», sagt Bryner.
Dafür wären grosse Anlagen sowie erhebliche Mengen an Fällmitteln nötig. Zudem müsste der dabei entstehende Schlamm aufwendig entsorgt werden.
Aus Sicht der Eawag würden solche Massnahmen vor allem Symptome bekämpfen. Für langfristige Verbesserungen müsse der Eintrag von Nähr- und Schadstoffen reduziert werden.
Beim Phosphor sei insbesondere die Landwirtschaft gefordert. Laut Bryner stammen rund 70 Prozent der Phosphoreinträge in den Zugersee aus der Landwirtschaft.
Bei Phosphor grosse Fortschritte erzielt
Dabei zeigt die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte auch positive Beispiele.
Laut BAFU waren Schweizer Gewässer bis in die 1980er-Jahre stark mit Phosphat belastet – insbesondere durch Waschmittel.
Nach dem Phosphatverbot von 1986 und dem Ausbau der Abwasserreinigung gingen die Belastungen deutlich zurück. Im Rheineinzugsgebiet seien die Phosphorkonzentrationen seit damals um rund 90 Prozent gesunken.
Auch Aqua Viva verweist auf diese Erfolge. Viele Seen und Flüsse hätten sich dank Kläranlagen, strengeren Vorschriften und technischen Verbesserungen deutlich erholt.
PFAS bleiben grosse Herausforderung
Bei PFAS und anderen langlebigen Mikroverunreinigungen sei die Situation jedoch komplizierter. Solche Stoffe bauen sich nur sehr langsam ab und können sich in Umwelt und Organismen anreichern.
Für die Bevölkerung bestehe nach heutigem Wissensstand beim Kontakt mit Seen und Flüssen meist keine akute Gesundheitsgefahr, erklärt das BAFU. Dennoch stehen PFAS im Verdacht, langfristige gesundheitliche Auswirkungen zu haben.
Aqua Viva fordert deshalb strengere Massnahmen an der Quelle. «Die Schweiz hat beim Gewässerschutz viel erreicht, doch bei langlebigen Schadstoffen wie PFAS gilt: Am wirksamsten ist es, Einträge gar nicht erst entstehen zu lassen. Denn was einmal im Wasser ist, lässt sich nur sehr schwer wieder entfernen.»
Klar ist: Der Fall Zugersee macht ein Problem sichtbar, das weit über die Kantonsgrenzen hinausreicht.















