«Brutale Erfahrung»: Hier spielen Schweizer CEOs Obdachlose
Schweizer CEOs haben eine Nacht lang Obdachlosigkeit simuliert – für den guten Zweck. Nur eine «Selfie-Show»? Ein Ex-Obdachloser nimmt die Bosse in Schutz.

Das Wichtigste in Kürze
- Schweizer Wirtschaftsführer schlafen eine Nacht auf der Strasse.
- Die CEOs wollen durch den Selbstversuch auf die Problematik aufmerksam machen.
- Die CEOs müssen dabei betteln und klauen.
- Während die einen die ««Selfie-Show» kritisieren, loben andere die Aktion.
Es sei eine «brutale Erfahrung» gewesen, schreibt Claudio Minder auf Linkedin. Der selbsternannte Schuhmacher der Nation (und Mister Schweiz im Jahre 2000) schlief letzte Woche eine Nacht auf der Strasse.
Gemeinsam mit fünf weiteren Schweizer CEOs veranstaltete der Chef des Schuhunternehmens Kybun Joya den «CEO Sleepout».
Sprich: Die Bosse spielten eine Nacht lang obdachlos.
«Als CEOs befinden wir uns sonst in einer komfortablen Situation und gut gekleidet. Der Rollentausch war eine wertvolle Erfahrung: Plötzlich stiessen wir auf Ablehnung, nur weil wir verwahrlost aussahen», schildert Minder auf Anfrage von Nau.ch.
Die Eine-Nacht-Obdachlosen schliefen bei fünf Grad auf Karton in einer Fussgängerpassage. «Ich bekam kaum ein Auge zu», so Minder.
CEOs bibbern – und müssen Essen klauen
Doch auf dem Programm stand nicht nur das Schlafen auf der Strasse. Die CEOs durften nur eine Wasserflasche und einen Schlafsack bei sich haben, aber kein Geld.
Heisst: Um an Essen zu kommen, mussten sie betteln. Und klauen!
Das Bezahlen holten die CEOs nach dem Versuch nach.

Dafür, dass der «CEO Sleepout» möglichst nahe an die Realität herankam, sorgte Thomas Feurer, Gründer und Präsident des Hilfswerks Endlesslife. Er war früher selbst jahrelang obdachlos und suchtkrank.
Als die Anfrage von Schuh-CEO Claudio Minder kam, sagte er sofort zu. Denn Endlesslife führt in St. Gallen eine Notschlafstelle und betreibt aufsuchende Gassenarbeit. Das Hilfswerk ist auch in der Suchtarbeit fest etabliert.
«Obdachlose brauchen auf dem Arbeitsmarkt echte Chance»
Die Aufgabe war klar: «Ich wollte den Wirtschaftsführern zeigen, was der Alltag von Obdachlosen wirklich bedeutet. So ein Leben sucht sich niemand freiwillig aus.»
Die Aktion solle Unternehmern ein neues Verständnis vermitteln – und im besten Fall Türen öffnen. Denn für Feurer ist klar: «Obdachlose müssen auf dem Arbeitsmarkt wieder eine echte Chance erhalten.»
Gleichzeitig relativiert er die Erfahrung der CEOs: «Eine Nacht auf der Strasse kann die Realität nur ansatzweise abbilden.» Es sei lediglich «eine Mikrosequenz aus einem Leben», das andere dauerhaft führen müssten.
Der entscheidende Unterschied: «Die CEOs konnten jederzeit abbrechen. Obdachlose können ihrer Situation nicht so schnell und einfach entkommen.»
Umso wichtiger sei es gewesen, gewisse Situationen bewusst zu inszenieren – etwa das Betteln oder das Stehlen von Essen. Das entspreche der Realität. «So merkt man, wie schlimm es ist, wenn man etwas klauen muss.»
Obdachlose täten das nämlich nicht aus Leichtsinn, sondern aus purer Not.
CEOs plötzlich mit «Ablehnung, Verachtung und fehlendem Respekt» konfrontiert
Besonders bewegt haben ihn die Reaktionen der CEOs: «Ablehnung, Verachtung und fehlender Respekt gegenüber sucht- und armutsbetroffenen Menschen und deren Not, die sie auf der Gasse vielfach spürten: Das hat bei ihnen bleibenden Eindruck hinterlassen.»
Und Feurer weiter: «Es sind auch Tränen in den Augen gesichtet worden.»
Das bestätigt auch der Initiator Claudio Minder.
Die Erfahrung sei «extrem eindrücklich» gewesen, sagt er. Gleichzeitig zeigt er Verständnis für kritische Stimmen: «Zu Recht wird gesagt, dass man in einer Nacht nicht erleben kann, was Obdachlose wirklich durchmachen.»
Schuh-CEO zeigt Verständnis für Alkohol und Drogen auf der Strasse
Der «CEO Sleepout» sei deshalb nur ein Eintauchen gewesen – «kein vollständiges Abbild».
Besonders prägend seien für ihn die Begegnungen mit Betroffenen gewesen. «Ich hatte überraschend gute Gespräche. Viele sind gescheit – da fragt man sich schon, warum sie überhaupt in dieser Situation sind.»
Dabei habe er auch eine harte Realität kennengelernt: «Viele greifen zu Alkohol oder Drogen, um das Leben auf der Strasse überhaupt auszuhalten – Gerade bei diesen Temperaturen.»

Minder sieht aber auch strukturelle Hürden. «Damit sich etwas ändert, braucht es beide Seiten: Den Willen der Betroffenen – aber auch echte Chancen.»
Gerade daran fehle es oft. «Ohne Wohnadresse oder Betreibungsauszug ist es fast unmöglich, wieder Fuss zu fassen.» Hier sei die Gesellschaft gefragt.
Kritiker sprechen von «Selfie-Show»
Kritik an der Aktion gab es auch wegen Fotos auf Social Media. Einige hätten von einer «Selfie-Show» gesprochen.
Minder will sich auf diese Vorwürfe nicht einlassen.
Für ihn zählt ohnehin etwas anderes: «Viele reden – wir haben es gemacht.» Jeder Teilnehmer habe mindestens 2000 Franken gespendet, insgesamt seien rund 20'000 Franken zusammengekommen.
Und: Die Aktion solle zum Nachdenken anregen. «Es ist einfach zu kritisieren. Aber besser ist es, sich selbst einmal damit auseinanderzusetzen.»
Experte: «CEOs sollten besser soziale Rechte stärken»
Yann Bochsler forscht an der Fachhochschule Nordwestschweiz zu Armut und Obdachlosigkeit. Er blickt mit gemischten Gefühlen auf den «CEO Sleepout».
«Positiv ist, dass Betroffene direkt einbezogen wurden und Geld gesammelt wurde», sagt er zu Nau.ch.
Doch: «Eine Nacht kommt nicht an die Lebensrealität her. Das wirkt schnell wie ein PR-Stunt», gibt Bochsler zu bedenken.
Dass CEOs eine Nacht lang Obdachlose spielen, hält er für wenig zielführend.
«Vielmehr sollten sie ihre Rolle kritisch hinterfragen und prüfen, wie sie soziale Rechte stärken können. Zudem sollten sie sich stärker für mehr Wohnraum einsetzen und Wege finden, Obdachlose in den Arbeitsmarkt zu integrieren.»

Letztendlich sollten nicht persönliche Erfahrungen, sondern strukturelle Gründe für Obdachlosigkeit im Zentrum stehen. «Und die Frage, wie nachhaltig Lösungen geschaffen werden können.»
Simon Bucher von der Schweizer Heilsarmee sieht es ähnlich. «Zentral ist, dass eine solche Aktion respektvoll umgesetzt wird und sie keine Klischees bedient.» Der Fokus soll auf strukturellen Ursachen von Obdachlosigkeit und wirksamer Unterstützung liegen.
Sensibilisierung braucht Fakten
Grundsätzlich könnten solche Initiativen hilfreich sein, weil sie auf eine bestehende Problematik aufmerksam machen. «Problematisch wird es, wenn Obdachlosigkeit ‹inszeniert›, Betroffene unsichtbar gemacht oder das Thema als individuelles ‹Erlebnis› verkürzt wird.»
Er ergänzt: «Inszenierungen wie diese können Aufmerksamkeit und Gesprächsanlässe schaffen, Medienpräsenz erzeugen und womöglich auch Spenden auslösen.»
Jedoch sei die Sensibilisierung dann am stärksten, wenn die Aktion mit Fakten, Kontext und konkreten Handlungsoptionen verbunden werde.
Wie viele Obdachlose es in der Schweiz konkret gibt, wird statistisch nicht erhoben. Eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz aus dem Jahr 2022 schätzt diese auf 2200 Menschen.











