Boomer wollen Enkel zum Spass – Töchter unter Druck

    Bettina Zanni
    Bettina Zanni

    Zürich,

    Die Schweiz steckt in einem Geburtentief. Manche Boomer können es aber kaum erwarten, Grosseltern zu werden.

    Enkelkinder
    Beim Wunsch nach Enkelkindern tragen manche Boomer die rosarote Brille. - keystone

    Das Wichtigste in Kürze

    • Immer weniger 20- bis 39-Jährige wollen Nachwuchs bekommen.
    • «Manchmal wird die Grosselternrolle idealisiert», heisst es bei Pro Senectute.
    • Laut einer kinderfreien 37-Jährigen üben manche Senioren mit Enkelwunsch Druck aus.

    Die Chancen, Grosseltern zu werden, sind gesunken. Inzwischen wollen 17 Prozent der 20- bis 29-Jährigen keine Kinder. Vor zehn Jahre waren es noch sechs Prozent.

    Auch die 30- bis 39-Jährigen haben laut Bundesamt für Statistik (BFS) zunehmend keinen Kinderwunsch. Im selben Zeitraum ist ihr Anteil von neun auf 16 Prozent angestiegen. Auf der anderen Seite stehen Boomer-Eltern, die es kaum erwarten können, Grosseltern zu werden.

    «Wir beobachten, dass dieses Thema häufiger zur Sprache kommt.» Dies sagt Peter Burri Follath, Mediensprecher bei der Altersorganisation Pro Senectute, zu Nau.ch.

    Menschen bekämen heute tendenziell später und oft auch weniger Kinder. «Manche bedauern es, die Erfahrung der Grosselternschaft nicht zu machen.»

    «Vorstellung einer besonderen Beziehung»

    Der Wunsch nach Enkelkindern geht über das Ziel hinaus, dass eine neue Generation die Familie weiterführt. Für viele Seniorinnen und Senioren seien Enkelkinder eine grosse Bereicherung, sagt Peter Burri Follath.

    «Im Vordergrund steht meist die Vorstellung einer besonderen Beziehung zu einer jüngeren Generation.» Viele Menschen wünschten sich den Austausch, gemeinsame Erlebnisse und die Möglichkeit, Wissen und Erfahrungen weiterzugeben.

    Verpasst man etwas, wenn man keine Enkelkinder hat?

    Gleichzeitig leisten Grosseltern laut Burri Follath einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag, indem sie Familien bei der Kinderbetreuung unterstützen.

    Tatsächlich würde das System Schweiz ohne Grosseltern wanken. Jährlich leisten sie 160 Millionen Stunden Kinderbetreuung. 42 Prozent der Grosseltern mit Enkelkindern unter 13 Jahren betreuen diese laut BFS mindestens einmal pro Woche.

    Mehr als Guetzli backen

    Beim Wunsch nach Enkelkindern tragen manche Boomer die rosarote Brille. «Manchmal wird die Grosselternrolle idealisiert», sagt Peter Burri Follath. Tatsächlich seien viele Grosseltern heute stark engagiert und übernähmen regelmässig Betreuungsaufgaben.

    Gleichzeitig gehe es bei der Grosselternschaft für die meisten nicht nur um Betreuung. «Sondern vor allem um die Beziehung zu den Enkeln.»

    Die amerikanische Autorin Veronica Bareman beschreibt auf dem Portal «Business Insider», wie sie sich getäuscht hat. Vor der Geburt ihres ersten Enkelkindes habe sie sich vorgestellt, wie die Enkelkinder zu ihr nach Hause kämen. «Wir würden Guetzli backen und in einer speziellen Grosi-Spielzeugkiste wühlen», schreibt die Mitfünfzigerin.

    Enkel
    Die amerikanische Autorin Veronica Bareman hat sich das Grossmuttersein süsser vorgestellt. - Facebook

    Ihre Schwiegertochter habe jedoch gedacht, dass sie zu ihnen nach Hause komme und helfe, so Bareman. «Die regelmässigen Fahrten zu meinen Enkeln nach Hause bedeuteten Stunden auf der Strasse und meine Komfortzone zu verlassen.»

    Grosseltern würden die meisten, wenn ihre Kräfte nachliessen. «Obendrein noch Reisen und zankende Kleine ist anstrengend.»

    «Sind vielleicht auch froh, nicht hüten zu müssen»

    Trotzdem kann der Gedanke, den Eltern keine Enkelkinder zu schenken, gerade Töchter unter Druck setzen. Nadine Gloor ist Co-Gründerin der Plattform «kinderfrei-leben.ch».

    «Ich bin 37 und habe vor sieben Jahren entschieden, dass ich keine Kinder will», sagt sie. Gewusst habe sie es aber schon viel länger.

    Aus dem Umfeld höre sie von Seniorinnen und Senioren, die gerne Enkel hätten. «Und auch Druck ausüben.» Es gebe aber auch solche, welche die Entscheidung akzeptierten. «Und vielleicht auch froh sind, nicht hüten zu müssen.»

    Sie persönlich habe sich ein schlechtes Gewissen gemacht, ihren Eltern keine Enkel zu schenken, sagt Gloor. Sie habe dies aber auch angesprochen. «Sie akzeptierten meinen Wunsch.»

    Auf ihrer Plattform widmet sie einen Blogeintrag auch dem Thema «Enkelfrei». Dort lässt sie eine Frau zu Wort kommen, die keine Geschwister hat. «Ich bin ein Einzelkind und hatte immer das Gefühl, ich muss meinen Eltern doch ein Enkelkind schenken», sagt diese.

    Die Tochter fragte ihre Eltern, ob sie es schlimm fänden, wenn sie keine Grosseltern würden. Diese hätten geantwortet: «Für uns ist alles gut. Hauptsache, du bist zufrieden und glücklich, das ist uns das Wichtigste.»

    Enkelfreie finden Erfüllung woanders

    Kinderfreie enthalten ihren Eltern keine essenzielle Rolle im Leben vor. «Die Entscheidung für oder gegen Kinder ist eine persönliche Lebensentscheidung», sagt Peter Burri Follath. Diese sollte selbstbestimmt getroffen werden können.

    «Gleichzeitig ist es verständlich, dass viele Eltern sich Enkelkinder wünschen.» Beides habe Platz. «Die Freiheit der jüngeren Generation und der Wunsch der älteren Generation nach bereichernden Beziehungen zu Enkelkindern.»

    Eltern, welche die Entscheidung ihrer Kinder akzeptierten, finden laut dem Mediensprecher Erfüllung in Freundschaften, Freiwilligenarbeit oder anderen generationsübergreifenden Beziehungen.

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    Kommentare

    User #3176 (nicht angemeldet)

    Sie wollen die Enkel nicht nur zum Spass, sondern auch um die Fehler mit den eigenen Kindern vergessen zu machen. Ist meistens so.

    User #3095 (nicht angemeldet)

    Boomer wollen auch die 13.AHV zum Spass.

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