Betäubt und vergewaltigt: Es gibt wohl noch viel mehr Fälle

Karin Aebischer
Karin Aebischer

Baden,

Ein Ex-SVP-Politiker soll sich immer wieder an bewusstlosen Frauen vergangen haben. Kriminologe Dirk Baier geht von einer hohen Dunkelziffer solcher Taten aus.

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Der Fall Gisèle Pelicot hat viel ins Rollen gebracht. Trotzdem dürfte die Dunkelziffer solcher Taten immer noch hoch sein. - keystone/pexels

Das Wichtigste in Kürze

  • Seit dem Fall Gisèle Pelicot kommen immer mehr solcher Taten zur Anzeige.
  • Doch: Das ist wohl nur die Spitze des Eisbergs.
  • Denn gemäss Kriminologe Dirk Baier dürfte die Dunkelziffer zehnmal höher liegen.

Der Fall um die drei Frauen, die im Aargau mutmasslich von einem Ex-SVP-Grossrat mehrfach betäubt und missbraucht worden sind, schockiert die Schweiz.

Der Mann sitzt seit 2023 in U-Haft. Die Staatsanwaltschaft Aargau hat Anklage erhoben. Dies unter anderem wegen mehrfacher Vergewaltigung, Schändung, sexueller Handlungen mit Kindern und wegen versuchten Mordes.

Er soll Übergriffe auf die damals minderjährige Tochter seiner ehemaligen Partnerin, auf seine Partnerin sowie auf eine andere erwachsene Frau verübt haben. Erst soll er die Frauen betäubt und sich dann mehrfach sexuell an ihnen vergangen haben. Die Taten hat er zudem gefilmt. Ihm droht lebenslange Haft.

Die wenigsten Vergewaltigungen werden angezeigt

Die Frauen, die den Fall zur Anzeige gebracht haben, gehören zur Minderheit unter den Vergewaltigungs-Opfern. Denn die Anzeigerate ist sehr gering. «Nur etwa zwölf Prozent der Vergewaltigungen werden in der Schweiz angezeigt», sagt Kriminologe Dirk Baier von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW zu Nau.ch.

Und: Bei dieser spezifischen Vergewaltigungsform mit Betäubung werde die Anzeigerate noch einmal niedriger liegen.

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Dirk Baier ist Soziologe und Professor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). - ZHAW

Die Dunkelziffer sei schwierig einzuschätzen, so Baier. Doch er sagt: «Eine erste Schätzung könnte lauten, dass es zehnmal mehr solche Taten im Dunkelfeld gibt als tatsächlich polizeilich angezeigt werden.»

Seine Schätzung resultiere aus der Anzeigerate von zwölf Prozent und der Annahme, dass eben solche spezifischen Vergewaltigungen noch seltener angezeigt werden. «Unter anderem deshalb, weil das Opfer zunächst das Geschehene nicht bewusst wahrnimmt, beziehungsweise es als sexuellen Übergriff einordnen kann.»

«Mehr Fälle kommen ans Licht»

Auch im bekanntesten solchen Missbrauchs-Fall, jenem der Französin Gisèle Pelicot, erfuhr das Opfer nur durch einen Zufall von den Übergriffen des eigenen Ehemannes.

Er betäubte Pelicot jahrelang mit starken Schlafmitteln, vergewaltigte sie bewusstlos und bot sie über das Internet Dutzenden fremden Männern für Vergewaltigungen an.

Seither scheint es, als hätten Fälle von Sedierung mit anschliessendem Missbrauch zugenommen. Das stellt auch Dirk Baier fest. «Derzeit kommen tatsächlich mehr Fälle ans Licht.»

Pelicot
Missbrauchs-Opfer Gisèle Pelicot ist zum Vorbild für viele Frauen geworden. Sie sagt: «Die Scham muss die Seite wechseln.» - keystone

Dies könne auch damit zusammenhängen, dass die Opfer seit dem Fall mutiger oder zumindest sensibilisierter seien. Solch einen Effekt habe man auch nach MeToo feststellen können.

«Wenn in einer Gesellschaft mehr darüber gesprochen wird, dass Opfer sich wehren können und Unterstützung erhalten, offenbaren sie sich auch häufiger», so Baier. Sensibilisierung und Enttabuisierung seien wichtig, betont er.

Aber: Kann es im Gegenzug auf der Täter-Seite auch einen Nachahmer-Effekt geben? «Solch ein Risiko gibt es sicherlich», so Baier.

Wird genug gegen sexualisierte Gewalt getan?

Allerdings werde ja mit der Medien-Berichterstattung nicht nur aufgezeigt, dass und wie solche Taten verübt werden. «Es wird aufgezeigt, dass man damit am Ende nicht davon kommt. Die vermeintliche Tatperson wurde überführt, sitzt nun in Untersuchungshaft und wird sehr wahrscheinlich eine lange Haftstrafe erhalten.»

Insofern könne die ganze Diskussion derzeit auch einen abschreckenden Effekt haben.

Der Ex-Mann von Gisèle Pelicot ist im Dezember 2024 wegen schwerer Vergewaltigung zur Höchststrafe von 20 Jahren Haft verurteilt worden.

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