Auf einem grossen Feld unweit der Berner Innenstadt entsteht ein für die Schweiz einzigartiges Projekt: ein Containerdorf für Geflüchtete aus der Ukraine. Bald sollen die ersten 200 Bewohnenden einziehen.
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Container werden für das Dorf für ukrainische Geflüchtete auf dem Berner Viererfeld installiert (KEYSTONE/Peter Klaunzer) - Keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Noch wird gebaggert, geschottert und gekiest auf dem nördlichen Teil des Viererfelds.

Der Aushub wurde zu Hügeln aufgeschüttet. Sie wurden begrünt, so dass es demnächst hier schon recht wohnlich aussehen sollte. Vielleicht werden ja auch ein paar Sonnenblumen spriessen, hoffte die Stadtberner Gemeinderätin Franziska Teuscher.

Von den rund 450 Containern, die dereinst das «Ukraine-Dorf» bilden, sind erst einige auf dem Gelände. Das Verwaltungs- und Schulgebüde steht schon. Von einem Laster wird gerade ein Wohncontainer abgeladen.

Die Siedlung wird etappenweise fertiggestellt. Insgesamt sind fünf Wohnmodule für maximal tausend Personen geplant. In ihnen gibt es Küchen, sanitäre Anlagen und Internetzugang. Neben den Wohneinheiten gibt es auch Räume für Schule, soziale Aktivitäten und für Beratung.

«Viel Platz hat eine Familie in einem Wohncontainer nicht, aber die Siedlung soll auch nicht zu »einem Wartsaal« werden, wie Teuscher an einem Medienrundgang am Donnerstag betonte. Vielmehr soll das Containerdorf ein Ankommen ermöglichen. Nach ein paar Monaten, so das Ziel, sollten die Schutzsuchenden aus der Ukraine in Bern eigene Wohnungen finden.

Das dürfte keine einfache Sache werden bei dem tiefen Leerwohnungsbestand in Bern. Die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung sei aber gross, lobte Teuscher «die Willkommenskultur» in der Stadt Bern.

Tatsächlich leben von den aktuell rund 6400 ukrainischen Schutzsuchenden im Kanton Bern rund 4500 bei Gastfamilien. Die übrigen in Kollektivunterkünften. Im Moment erlebt der Kanton Bern gerade etwas weniger Zustrom aus der Ukraine.

«Das gibt uns die Möglichkeit, kurz durchzuschnaufen und alles für die nächste Welle zu ordnen», sagte Gundekar Giebel, Sprecher der Kantonalen Gesundheits- und Sozialdirektion am Rande des Medienrundgangs. Doch die Situation in der Ukraine und damit die Flüchtlingsströme blieben äusserst unberechenbar.

Alexander Ott von der Stadtberner Einwohnerkontrolle verwies etwa auf die prekäre Lage in Moldawien und Transnistrien. Plötzlich setzten von dort Flüchtlingsströme ein.

Das Berner Containerdorf sei daher nicht überdimensioniert, betonte der Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried dezidiert. «Wir bereiten uns auf alle möglichen Szenarien vor», sagte er. Auch zu den Kosten für Bau und Betrieb des Containerdorfs machte von Graffenried keine Angaben. Die Planung sei viel zu dynamisch, um Kostenschätzungen abzugeben. «Wir werden am Ende wissen, was das kostet - wie das schon bei der Pandemie der Fall war», sagte von Graffenried.

Das Projekt für das Containerdorf wurde tatsächlich quasi über Nacht aus dem Boden gestampft - unbürokratisch und rasch sollte es gehen. Das heiss zunächst auch ohne entsprechende Baubewilligung. Die Gesuche und Unterlagen wurden nachgereicht. Ein Vorgehen, das auch Kritik hervorrief. Immerhin: die Stadt hat mittlerweile eine Bewilligung erhalten, dass sie vor dem Vorliegen der eigentlichen Baubewilligung bereits am Containerdorf arbeiten kann.

Erst wenn die ordentliche Bewilligung da ist, kann das Dorf seinen Betrieb aufnehmen, wie die Stadtbehörden am Donnerstag einräumten. Für den Betrieb im Auftrag der Stadt zuständig ist die Flüchtlingshilfe der Heilsarmee.

Die Bewohnenden des Containerdorfes sollen dort möglichst selbständig leben, ihren Alltag gestalten und aktiv mitwirken, so die Erwartung. Nebst Bildungs- und Gesundheitsversorgungsangeboten wird es im «Dörfli» auch eine Schule geben.

Mehrere hundert Kinder könnten sie dereinst besuchen. Sie werden in sogenannten Willkommensklassen unterrichtet - im Halbtagesmodus. Dabei geht es vor allem darum, Deutsch zu lernen und das Leben in der Schweiz kennen zu lernen. Darüber hinaus gilt es aber auch, den Anschluss an den Lehrplan in der Ukraine nicht zu verlieren.

Für die bis zu 30 Klassen braucht es Lehrpersonal. Laut Teuscher gingen trotz Lehrermangels im Kanton Bern erfreulich viele Bewerbungen ein.