Benzin-Schock: Arbeitsweg wird für viele Schweizer zur Kostenfalle

Stephan Felder
Stephan Felder

Bern,

Benzin und Diesel sind so teuer wie lange nicht. Arbeitnehmende und KMU können kaum ausweichen. Sie fordern Entlastung.

Benzinpreise
Die Benzinpreise sind in der Schweiz aktuell hoch wie selten. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Diesel kostet bis zu 2.50 Franken, Benzin vielerorts rund 2.20 Franken.
  • Travailsuisse fordert bei den Löhnen mindestens einen Teuerungsausgleich.
  • KMU müssen höhere Treibstoffkosten teils an ihre Kundschaft weitergeben.

Der Blick auf die Zapfsäule lässt Autofahrerinnen und Autofahrer in der Schweiz derzeit das Blut in den Adern gefrieren.

Für einen Liter Diesel werden Preise von bis zu 2.50 Franken fällig. Für einen Liter Bleifrei muss man vielerorts um die 2.20 Franken berappen. Damit kostet eine Tankfüllung rasch mehr als 100 Franken!

Für viele Privatpersonen und Betriebe wird das zum Problem. Denn sie sind auf ihre Fahrzeuge angewiesen.

Auch die Politik wird aktiv: Nationalrat Thomas Knutti (SVP) hat eine Petition lanciert und fordert den Bund zum Handeln auf. «Es braucht jetzt eine rasche und pragmatische Lösung», schreibt Knutti. Er fordert mit seiner Petition eine sofortige Aussetzung der Mineralölsteuer auf Treibstoffe.

Thomas Knutti
SVP-Nationalrat Thomas Knutti fordert per Petition eine sofortige Aussetzung der Mineralölsteuer auf Treibstoffe. - keystone

Wie gehen die Menschen in der Schweiz mit den hohen Spritpreisen um? Nau.ch hat bei verschiedenen Stellen nachgefragt.

Arbeitsweg wird deutlich teurer

«Je nach Situation muss mit deutlichen Mehrkosten gerechnet werden», sagt Thomas Bauer, Leiter Wirtschaftspolitik bei Travailsuisse.

Besonders betroffen sind Beschäftigte in Industrie, Handwerk, Bau, Detailhandel, Pflege und Gastgewerbe. Sie können oft weder im Homeoffice arbeiten noch auf den ÖV umsteigen. Etwa wegen Schichtarbeit oder schlechter Verbindungen auf dem Land.

Betreffen dich die hohen Sprit-Preise persönlich?

Insgesamt pendelt rund die Hälfte der Arbeitnehmenden mit dem Auto. Menschen mit tiefen und mittleren Einkommen können die Mehrkosten schlechter auffangen. Zudem besitzen sie seltener ein Elektroauto.

Auch andere Kosten steigen

Und: Teures Öl belastet das Budget nicht nur an der Zapfsäule. Laut Bauer verteuert es auch das Heizen und die Lebensmittel. Hinzu kommen höhere Krankenkassenprämien.

Einen Stellenwechsel oder ein kleineres Pensum erwartet Bauer vorerst dennoch kaum. Dazu müssten die Treibstoffpreise über längere Zeit sehr hoch bleiben. Viele Betroffene hätten ohnehin wenig Möglichkeiten, ihren Arbeitsweg anzupassen.

Thomas Bauer
Thomas Bauer, Leiter Wirtschaftspolitik bei Travail.Suisse, fordert einen Teuerungsausgleich bei den Löhnen. - keystone

Travailsuisse fordert deshalb mindestens einen Teuerungsausgleich bei den Löhnen: «Ein Ausgleich mindestens dieser Teuerung beim Lohn erachten wir als zwingend.»

Mehr Homeoffice könne ebenfalls helfen, den Teuerungsausgleich aber nicht ersetzen.

«Irgendwann geht das Budget nicht mehr auf»

Wie schnell höhere Mobilitätskosten zum Problem werden, sieht auch Budgetberatung Schweiz. Geschäftsführer Philipp Frei spricht von einer spürbaren Mehrbelastung für Haushalte mit tiefen und mittleren Einkommen.

Laut Frei sind die Treibstoffpreise innert kurzer Zeit um 20 bis 30 Prozent gestiegen. Allein deswegen suchten zwar nur wenige Menschen eine Beratung. Es sei aber ein weiterer Budgetposten, der deutlich teurer werde.

Mal sind es 50 Franken mehr im Monat, mal 30 Franken an einer anderen Stelle. «Aber alle diese kleinen Beträge reissen zusammengenommen halt doch ein Loch in viele Budgets», sagt Frei.

Restaurantbesuch
Auf Restaurantbesuche wird verzichtet, wenn das Budget wegen anderer Ausgaben zu klein wird. - keystone

Gespart werde zunächst meist bei Freizeitaktivitäten, Restaurantbesuchen oder Ferien. Bei sehr knappen Budgets würden aber auch notwendige Anschaffungen aufgeschoben.

Besonders Familien geraten laut Frei unter Druck. Teilweise reiche das Geld trotz Arbeit und einer bereits bescheidenen Lebensweise nicht mehr aus. «Und irgendwann lässt sich der Gürtel nicht mehr enger schnallen.»

Ab welchem Mehrbetrag ein Haushalt aus dem Gleichgewicht gerät, lasse sich nicht pauschal sagen. Entscheidend sei, wie viel Geld nach den notwendigen Ausgaben noch übrig bleibe. Bei einem bereits knappen Budget könnten schon kleine Preissteigerungen problematisch werden.

Fahrgemeinschaften, weniger Fahrten oder der Umstieg auf Velo oder Roller könnten punktuell helfen. Für Menschen im Schichtbetrieb oder in ländlichen Gebieten seien solche Lösungen jedoch häufig keine echte Alternative.

Sprit ist für viele KMU ein Produktionsfaktor

Doch die hohen Preise belasten nicht nur Arbeitnehmende und Privathaushalte. Besonders betroffen sind auch Transport- und Logistikunternehmen, Bau- und Gartenbaubetriebe sowie Montage- und Reparaturfirmen.

Dasselbe gilt für ambulante Dienste und Unternehmen mit vielen Beschäftigten im Aussendienst.

«Bei ihnen ist Treibstoff kein frei wählbarer Konsum-, sondern ein Produktionsfaktor.» Das sagt Patrick Dümmler, Ressortleiter Wirtschaftspolitik beim Schweizerischen Gewerbeverband (sgv).

Weitere Belastungen entstehen indirekt: Lieferungen, Materialtransporte und die Entsorgung werden ebenfalls teurer.

Gerade kleinere Betriebe verfügen laut Dümmler meist weder über grosse Einkaufsvolumen noch über breite Margen. Auch ihre Fahrzeugflotte können sie nicht kurzfristig ersetzen.

Bereits wenige zusätzliche Rappen pro Liter summieren sich bei mehreren Fahrzeugen auf Tausende Franken pro Jahr. Gleichzeitig steigen auch die Kosten für Material, Löhne und Versicherungen.

Kundschaft zahlt mit

KMU versuchen, Fahrten zu bündeln, Leerfahrten zu vermeiden und anderswo zu sparen. Doch der Spielraum ist begrenzt.

Bleiben die Spritpreise hoch, landen die Mehrkosten teilweise bei der Kundschaft. Dümmler empfiehlt für neue Offerten Treibstoffzuschläge oder Preisanpassungsklauseln. Bei laufenden Festpreisaufträgen bleiben die Betriebe jedoch darauf sitzen.

Welche Massnahmen sollen von der Politik getroffen werden?

Dauerhaft hohe Kosten könnten Investitionen und Ausbildungsplätze gefährden. Einzelne Betriebe könnten gar in ihrer Existenz bedroht werden.

Spritpreise erschweren Personalsuche

Teure Arbeitswege verschärfen zudem den Fachkräftemangel. Besonders betroffen sind ländliche Betriebe sowie Unternehmen mit frühem Arbeitsbeginn, wechselnden Einsatzorten oder Pikettdiensten.

Die höheren Pendelkosten verkleinern laut Dümmler den Einzugsradius bei der Personalsuche und erhöhen den Lohndruck.

Berufsverkehr
Der Berufsverkehr wird in der Schweiz trotz der hohen Spritpreise nicht einfach verschwinden. - keystone

Bei den Lösungen setzen die beiden Verbände unterschiedliche Schwerpunkte. Travailsuisse fordert einen Teuerungsausgleich bei den Löhnen und langfristig Investitionen in die Elektrifizierung des Verkehrs.

Der Gewerbeverband verlangt dagegen eine Senkung staatlicher Belastungen und realistische Steuerabzüge für unvermeidbare Arbeitswege. Neue Abgaben und Verbote lehnt er ab.

Klar ist: Wer beruflich auf das Auto angewiesen ist, kann den hohen Spritpreisen kurzfristig kaum entkommen.

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