Alle drei Tage wird in Zürich ein Wohnhaus leergekündigt!
Seit 2010 haben 32'000 Menschen in Zürich wegen Leerkündigungen ihr Zuhause verloren. Besonders betroffen sind die Kreise 9 und 11.

Das Wichtigste in Kürze
- Seit 2010 haben 32‘000 Menschen in Zürich ihr Zuhause wegen einer Leerkündigung verloren.
- Betroffen sind primär «Verdichtungsgebiete» in den Kreisen 9 und 11.
- Ein Ersatzneubau bringt oft die doppelte Miete ein.
Ein abgewetztes Sofa steht verloren vor der Baustellenabsperrung; darauf ein Zettel: «Gratis.» Das Haus daneben wird als nächstes abgerissen, vor der Eingangstüre liegen haufenweise Müll und alte Kleider. Die alten Mieterinnen und Mieter wurden herausbefördert, um Platz zu machen für die, die deutlich mehr Miete zahlen können.
Ein paar Schritte weiter ziehen Bauarbeiter bereits die Mauern für die neuen Wohnungen hoch. Aus der Türe auf der anderen Strassenseite flitzt ein Kindergartenkind auf seinem Trottinett und grüsst das Nachbarskind.
Die Baugespanne auf dem Dach drohen wie Scheidungsrichterinnen und Scheidungsrichter: Die Freundschaft dieser Kinder hat keine Zukunft, auch deren Zuhause wird bald vom Bagger plattgemacht. Die Szenen spielen mitten in Altstetten – dem Epizentrum des Zürcher Kündigungswahns.

Nirgendwo in der Stadt werden mehr Wohnhäuser leergekündigt als hier im Kreis 9. Und die Abrisswelle ist noch lange nicht vorbei. Bagger und Baulärm gehören seit Jahren zum Quartier.
Tausende betroffen
Zwischen 2010 und 2024 hat dieser Baggerboom der Immobilienbranche über 16’000 Wohnungen ausradiert. Alle drei Tage wird in Zürich ein Wohnhaus abgerissen. Dies zeigen Zahlen von Statistik Zürich, die «Tsüri.ch» exklusiv vorliegen.
16’000 Wohnungen sind eine abstrakte Zahl. Weil in einer durchschnittlichen Zürcher Wohnung zwei Personen leben, haben damit rund 32’000 Menschen ihr Zuhause verloren.
Die Zürcher Abrisswelle hat in den letzten 15 Jahren rechnerisch die gesamte Bevölkerung von Altstetten oder einer mittelgrossen Stadt wie Wetzikon auf die Strasse gesetzt.
Klar: Wo am meisten abgerissen wird, entstehen in der Folge auch die meisten neuen Wohnungen. Mehr als die Hälfte aller neuen Wohnungen im vergangenen Jahr entstand in den Kreisen 9 und 11, also in Altstetten, Albisrieden und Zürich Nord.
Im Kreis 11 nahm der Wohnungsbestand um fast 900 Wohnungen zu, stärker als in jedem anderen Kreis. Doch dies ist für die bisherigen Mieterinnen und Mieter kein Grund zur Freude.
ETH-Forscher David Kaufmann bringt das Problem gegenüber «Tsüri.ch» auf den Punkt: «Auch wenn ich 100 Wohnungen durch 500 ersetze, gibt es immer noch 100 Parteien, die verdrängt werden – und zwar erneut vor allem Personen mit tiefem Einkommen.»
Die Zahlen des ETH-Forschers offenbaren die knallharte Zürcher Realität: Die neuen Mieterinnen und Mieter verdienen im Schnitt 3623 Franken mehr im Monat als jene Menschen, die für den Neubau aus ihren Wohnungen geschmissen wurden. Und Altstetten ist nicht allein.

Die Kündigungsflut trifft die Stadt im Westen und Norden mit voller Härte: Auch in Wiedikon (Kreis 3) und Oerlikon/Seebach (Kreis 11) wurden Tausende Wohnungen plattgemacht. Während in der schicken Innenstadt kaum noch etwas zum Abreissen steht, werden die Quartiere am Rand systematisch umgepflügt.
Die Stadt nennt diese Orte «Verdichtungsgebiete». Für Familien, Rentnerinnen und Rentner, und Arbeiterinnen und Arbeiter bleibt kaum noch Platz.
Nach dem Bagger
Über 70 Prozent aller Leerkündigungen (11’377 Wohnungen) gehen gemäss den städtischen Zahlen auf das Konto von privaten Immobiliengesellschaften, Fonds und spekulativen Investorinnen und Investoren. Zum Vergleich: Baugenossenschaften machen 26 Prozent aus, die öffentliche Hand gerade einmal 3,4 Prozent.
Kritikerinnen und Kritiker würden einwenden: «Das entspricht doch genau den Besitzanteilen in der Stadt!» Doch das ist ein Nebenschauplatz. Denn der wichtige Unterschied liegt darin, was nach dem Bagger kommt: Während Genossenschaften Wohnraum zur Kostenmiete vermieten, nutzen die Investorinnen und Investoren die Leerkündigung als Renditesteigerung.
Die Rechnung der Kommerziellen ist einfach: Altbauten werden nicht sanft repariert, sondern komplett geleert und abgerissen. Denn ein Ersatzneubau bringt auf dem überhitzten Zürcher Wohnungsmarkt oft die doppelte Miete ein.
Leerkündigung?
Für diese Recherche wurden die Rohdaten von Statistik Stadt Zürich für die Jahre 2010 bis 2024 ausgewertet. Als Leerkündigung gilt nach städtischer Definition jedes Bauprojekt, bei dem ein Wohnhaus vollständig geräumt wird. Gebäudeabbrüche sind in dieser Bilanz ebenfalls enthalten. Nicht berücksichtigt sind Bauten mit weniger als sechs Wohnungen, Gebäude jünger als 15 Jahre sowie Spezialunterkünfte wie Pflege- oder Studierendenwohnungen.
Wer seit 15 Jahren im Sihlfeld oder in Altstetten gewohnt hat, kann sich die neuen und luxuriösen Grundrisse schlicht nicht mehr leisten. Die Politik befeuert das Treiben in den Kreisen 9, 3 und 11 seit Jahren mit den Entwicklungsplänen.
Zwar fordert der Stadtrat verdichtetes Bauen, doch die Kehrseite dieser Verdichtung tragen die Mieterinnen und Mieter. Ohne griffigen Schutz für die Mieterinnen und Mieter bleibt Zürich ein El Dorado für Renditejäger.
Hinweis
Dieser Artikel aus dem «Tagblatt Zürich» ist zuerst bei «Tsüri.ch» erschienen.
Das Stadtmagazin Tsüri.ch berichtet seit 2015 unabhängig, kritisch und konstruktiv über das Leben in der Stadt Zürich. Das digitale Lokalmedium hat sich als feste Stimme für urbane Politik, Kultur, Nachhaltigkeit und Gesellschaft etabliert. Neben täglichen Recherchen auf der Website erreicht die Redaktion ihr Publikum vor allem über das prägende «Züri-Briefing» per E-Mail sowie über Podcasts und Anlässe. Ausgewählte Beiträge erscheinen ab sofort auch im «Tagblatt der Stadt Zürich».








