«Aggressivität nimmt zu»: Personal schlägt nach Schuss in Zug Alarm

Rowena Goebel
Rowena Goebel

Unteres Emmental,

Es ist bekannt: Im ÖV ist der Ton rauer geworden. Der Schuss in einem Berner Regionalzug ist jedoch eine neue Eskalationsstufe – das Personal ist alarmiert.

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Der Schuss in einem Regionalzug im Emmental ist eine neue Eskalationsstufe, wenn es um spontane Streitereien im ÖV geht. (Archivbilder) - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Schussabgabe bei einem Streit zwischen zwei Zugpassagieren beschäftigt das ÖV-Personal.
  • Weder der zuständigen Bahngesellschaft BLS noch der Gewerkschaft waren bisher solche Vorfälle bekannt.
  • Die Gewerkschaft des ÖV-Personals sagt: Die Aggressivität im öffentlichen Verkehr nehme weiter zu.
  • Die SBB gibt an, nicht mehr Zwischenfälle zu registrieren, aber gröbere.

Die Meldung sorgte im Emmental für Schock: Am Samstagabend eskalierte ein Streit in einem Zug zwischen Hasle-Rüegsau und Burgdorf BE derart, dass einer eine Schusswaffe zückte.

Und beim Zücken blieb es nicht: Der junge Mann gab einen Schuss in den Boden ab, wie die Kantonspolizei Bern am Wochenende mitteilte.

Hintergrund: Zwei Personen, die sich offenbar kennen, gerieten laut Polizei zunächst verbal aneinander.

Fühlst du dich im Schweizer ÖV sicher?

Einer von ihnen setzte danach Pfefferspray gegen den anderen ein, worauf dieser ihn mutmasslich mit einem Messer bedrohte. Dann folgte die Total-Eskalation und der Schuss in den Boden.

18-Jähriger bleibt nach Schuss vorläufig in Haft

Inzwischen ist bekannt: Bei den Beteiligten handelt es sich um einen 17- und einen 18-Jährigen aus Syrien, wie die Polizei gegenüber Nau.ch bestätigt. Die Schusswaffe gezogen hat der ältere von ihnen.

Dazu, ob er auch Polizeibeamte damit bedrohte und ob er sie legal erworben hatte, gibt die Polizei keine Auskunft. «Selbstverständlich laufen diesbezüglich Abklärungen», sagt Polizeisprecherin Lisa Schneeberger.

Der 18-Jährige ist bisher nicht wieder auf freiem Fuss. «Der Mann ist vorläufig festgenommen. Die Untersuchungshaft wird beantragt.»

Neue Eskalationsstufe: Schusswaffendrohung gabs noch nie

Aggressive Passagiere, Streitereien und gar tätliche Angriffe auf Zugpersonal: Das Thema ist nicht neu. Zuletzt schlugen ÖV-Mitarbeitende bereits mehrfach Alarm, weil der Ton rauer und die Fahrgäste streitlustiger und gewaltbereiter geworden sind.

Schon einmal, im Jahr 2018, zog ein Mann bei einem Streit in einem Zürcher Regionalzug eine Schusswaffe. Sie stellte sich später aber als Schreckschusspistole heraus, ein Schuss wurde nicht abgefeuert.

Andere schwere Gewalttaten wie die Geiselnahme in einem Westschweizer Zug 2024 oder die Messerattacke in St. Gallen 2016 waren geplant. Gleiches gilt für die tödliche Brandstiftung in einem Postauto in Kerzers FR diesen Frühling.

Der Schuss in der Berner S-Bahn bedeutet jedoch eine neue Eskalationsstufe, wenn es um spontane Streitereien im ÖV geht. Wie Susanne Hählen von der BLS erklärt, gab es bei der betroffenen Bahnbetreiberin noch nie einen derartigen Vorfall.

«In unseren Zügen kam es bisher noch nicht zur Bedrohung durch eine Schusswaffe», sagt sie zu Nau.ch. Auch der Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV sind schweizweit keine solchen Zwischenfälle bekannt.

Lokführer hörte laute Geräusche

In diesem Fall waren laut der BLS zwar keine Mitarbeitenden direkt involviert.

Der Lokführer hörte jedoch nach Abfahrt in Burgdorf Steinhof laute Geräusche, wie Susanne Hählen von der Bahnbetreiberin Nau.ch berichtet.

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Am Bahnhof Burgdorf wurden die zwei streitenden Passagiere schliesslich von der Polizei angehalten. - keystone

«Da er sich bereits auf der Strecke befand, fuhr er bis Burgdorf, wo anschliessend die Polizei intervenierte», sagt Hählen. «Dem Lokführer geht es gut und er konnte und wollte seinen Dienst fortsetzen.»

«Wenn sogar Schusswaffen im Spiel sind, verstärkt das die Angst»

Und das dürfte wohl immer häufiger nötig werden.

Denn: «Die Aggressivität gegenüber dem Personal nimmt weiter zu», sagt Barbara Keller von der Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV zu Nau.ch.

«Verbale Übergriffe gehören für viele Mitarbeitende leider zum Alltag. Es kommt sogar immer wieder zu körperlichen Angriffen. Von einer Entspannung der Situation kann keine Rede sein.»

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Manchmal genügt schon der Hinweis auf ein fehlendes Billett, dass es eskaliert, sagt Barbara Keller von der Gewerkschaft des ÖV-Personals. - keystone

Die Gewerkschaft nehme beim Verkehrspersonal eine grosse Besorgnis und Verunsicherung wahr.

«Wer täglich Billette kontrolliert, Reisende informiert oder in Konfliktsituationen eingreifen muss, weiss nie, ob eine eigentlich banale Situation plötzlich eskaliert.» Manchmal genüge schon der Hinweis auf ein fehlendes Billett.

«Wenn dann sogar Schusswaffen oder andere Waffen im Spiel sind, verstärkt das die Angst zusätzlich», sagt Keller. «Das Sicherheitsgefühl nimmt ab.»

SBB: «Vorfälle sind gröber geworden»

Auch die SBB beschäftigt die Schussabgabe im Emmental. «Der Vorfall in einem BLS-Zug macht uns betroffen», sagt SBB-Sprecherin Carmen Hefti zu Nau.ch. Man verurteile jede Form von Gewalt und nehme jeden Gewaltvorfall sehr ernst.

«Solche Vorfälle sind zum Glück aussergewöhnlich», gibt sie zwar zu bedenken. Trotzdem: «Aggressionen gegenüber unserem Personal machen uns Sorgen.»

Bei täglich rund 1,39 Millionen Reisenden komme es durchschnittlich zu rund zehn verbalen oder physischen Aggressionen gegen SBB-Personal.

«Die Anzahl solcher Vorfälle ist in den letzten Jahren zwar stabil geblieben; einzelne Vorfälle sind jedoch gröber geworden.»

Gewerkschaft fordert Massnahmen

Die Gewerkschaft des Verkehrspersonals fordert Massnahmen. «Es braucht mehr Personal für mehr Sicherheit, Doppelbegleitungen in Zügen und eine stärkere Präsenz der Transportpolizei. Zudem fordern wir die konsequente Meldung aller Übergriffe sowie eine verbindliche Nachbetreuung und psychologische Unterstützung für Betroffene.»

Braucht es mehr Sicherheitsmassnahmen im Schweizer ÖV?

Ebenso brauche es geschützte Fahrerkabinen, stille Alarme und wirksame Präventionsmassnahmen im Busbereich.

«An der Sicherheit des ÖV-Personals darf nicht gespart werden», sagt Keller. «Investitionen in die Sicherheit sind Investitionen in die Sicherheit aller Reisenden.»

Bodycams und Co.: Diese Massnahmen gibt es bereits

Die BLS-Sprecherin betont, dass Mitarbeitende nach Sicherheitsvorfällen betreut würden. Nach Wunsch könnten sie auch psychologische Unterstützung anfordern.

Und bei der SBB heisst es: «Die SBB nimmt Rückmeldungen und Sorgen ihrer Mitarbeitenden ernst und entwickelt ihre Sicherheitsmassnahmen laufend weiter.»

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Die Transportpolizei trägt seit 2024 schweizweit Bodycams. - keystone

Dazu gehörten unter anderem die Präsenz von Transportpolizei und Sicherheitsdiensten, Deeskalationsschulungen, Zweierbegleitungen, Videoüberwachung in vielen Zügen sowie Melde- und Unterstützungsprozesse.

Und: «Seit September 2024 setzt die SBB Transportpolizei schweizweit Bodycams ein.» Derzeit wird geprüft, ob auch Kundenbegleiterinnen und -begleiter Bodycams einsetzen dürfen.

SBB rät Passagieren, «sich herauszuhalten»

Und wie soll man sich als Mitpassagier verhalten, wenn ein Konflikt im Zug eskaliert?

«Reisenden empfehlen wir, sich aus gefährlichen Situationen herauszuhalten», sagt Carmen Hefti. Zudem solle man nötigenfalls Abstand schaffen und Vorfälle umgehend dem Zugpersonal oder den zuständigen Behörden melden.

«Moderne Züge verfügen zudem meist über einen Notfallknopf, der sich im Eingangsbereich der Wagons befindet. Durch Betätigen des Notfallknopfs wird via Mikrofon eine direkte Verbindung zur Einsatzleitzentrale der Transportpolizei aufgebaut.»

Wichtig sei es, die Telefonnummer der Transportpolizei 0800 117 117 und die Nummern weiterer Notfall- und Blaulichtorganisationen im Handy abzuspeichern. «So sind sie im Ernstfall schnell zur Hand und es können sehr wertvolle Sekunden gespart werden.»

Kommentare

User #4858 (nicht angemeldet)

Aber die Besitzer mit korrekten Waffenerwerbsschein sollen das Problem sein 🤣

User #2490 (nicht angemeldet)

Super, der nächste Alarm! Freu mi!

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