«Absurd»: Wer aus Zug wegzieht, soll 20'000 Franken erhalten
Mit einer satirischen Initiative macht ein Zuger auf die Wohnungskrise im Kanton aufmerksam. Einheimische, die abwandern, sollen 20’000 Franken erhalten.

Das Wichtigste in Kürze
- Der Zuger Severin Hofer hat die sogenannte «Verdrängungsinitiative» lanciert.
- Weggezogene, die 20 Jahre in Zug lebten, sollen laut seinem Vorhaben 20’000 Franken erhalten.
- Grund dafür ist die Wohnungsnot in der Steueroase Zug.
Die Wohnungsnot ist in der Schweiz ein reales Problem. Insbesondere im Kanton Zug, einer sogenannten Steueroase, zeigt sich die Situation deutlich. 2025 verliessen 5423 Personen den Kanton, 3429 davon wanderten in andere Kantone ab.
Dieser Verdrängungskampf hat einen zentralen Grund: Mit seinen tiefen Steuern und der Standortförderung setzt der Kanton Anreize für Vermögende. Die logische Schlussforderung: Insbesondere Menschen mit geringem Einkommen können sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten.
Der Zuger Autor und Kulturschaffende Severin Hofer möchte diese Entwicklung aufgreifen. Und wählt dafür eine satirische Methode.
Hofer hat die sogenannte «Verdrängungsinitiative» lanciert. Personen, die 20 Jahre im Kanton Zug gewohnt haben, sollen beim Wegzug 20’000 Franken erhalten. Unabhängig davon, ob sie freiwillig gehen oder nicht.
«Raus aus Zug für 20'000 Franken»
Für die Realisierung seiner Initiative hat er vom kantonalen Amt für Kultur eine sogenannte «Carte Blanche» erhalten.
«Aufgrund dieser Möglichkeit kam ich auf die Idee einer Initiative», erklärt Hofer. Auf einer A4-Seite in der Juni-Ausgabe des Magazins «ZugKultur» konnte der 31-Jährige seine Idee anschliessend realisieren.
«Raus aus Zug für 20'000 Franken» prangt auf der Seite. Am 30. Mai wurde die Initiative in die Haushalte versandt.
«Der Rücklauf ist vorhanden, aber noch überschaubar», sagt Hofer auf Anfrage von Nau.ch. Eine genaue Anzahl Unterschriften kann er nicht nennen.
Womöglich sei die Höhe des Betrags auch zu wenig Anreiz, um die Heimat zu verlassen. Doch da in Zug keine Sammelfrist existiert, möchte sich der Kulturschaffende Zeit lassen.
Idee gab es bereits im 19. Jahrhundert
Die Idee ist grundsätzlich nicht neu. Schon im 19. Jahrhundert setzten Gemeinden Anreize, um arme Menschen zum Auswandern zu bewegen. Diese Logik greift die Initiative gewissermassen auf, findet Hofer.
«In der aktuellen Wohnraumdebatte frage ich mich oft, ob die vorgeschlagenen Lösungen mehr als ein paar Scherze sind.»
Hofer: «Werden bei einem ausgetrockneten Wohnungsmarkt Häuserblöcke leergekündigt, finde ich das nicht lustig, sondern zynisch.»
«Vertriebene» wandern in andere Kantone ab
Bislang löse sein Anliegen häufig Schmunzeln aus. «Auf den anfänglichen Lacher folgt oft ein ernsthaftes Gespräch über die persönliche Situation», bemerkt Hofer.
Nicht ganz uneigennützig schiebt der Kulturschaffende nach, dass ihm eventuell irgendwann selbst eine Abwanderung drohe. «Dann würde ich mir für 20'000 Franken eine schöne Zytturm-Skulptur in meinen Aargauer Garten stellen.» Mit LED-Lampen würde er zudem den Sonnenuntergang simulieren.
Der 31-Jährige nimmt damit auch Bezug darauf, dass viele «vertriebene» Zuger in die Kantone Aargau und Zürich abwandern. Insbesondere die Ortschaften Sins oder Knonau sind beliebt.
Vielleicht kaufe der Kanton diese Ortschaften ja irgendwann, «um abgewanderte Zuger Familien wieder willkommen zu heissen».
Kanton beschwichtigt
Der Kanton Zug hält sich auf Anfrage von Nau.ch bedeckter. «Der Inhalt der Zuger Verdrängungsinitiative ist uns bekannt», sagt der Baudirektor Florian Weber auf Anfrage von Nau.ch.
Beschäftigen möchte man sich aber erst damit, wenn die Initiative effektiv eingereicht wurde. Ohnehin habe der Regierungsrat des Kantons Zug auf die zunehmenden Herausforderungen auf dem Wohnungsmarkt reagiert. Man habe eine umfassende wohnpolitische Strategie 2030 entwickelt.
«Diese zielt darauf ab, die angespannte Wohnsituation zu entschärfen und langfristig bezahlbaren Wohnraum für breite Bevölkerungsschichten sicherzustellen.»
Verschiedene wohnpolitische Massnahmen
Die Strategie sehe unter anderem vereinfachte und flexiblere Bauvorschriften vor. «Aufstockungen, Aufbauten oder die Lockerung der Vorgaben für Hochhäuser sollen den Bau von mehr Wohnraum ermöglichen.»

Auch die Stärkung der Kreditvergabe der Zuger Kantonalbank sei eine der Massnahmen. Zudem wolle der Regierungsrat die Verdichtung in Einfamilienhaus-Quartieren fördern.
Ob der Kanton die Verdrängungsinitiative auch als Ausdruck von Frust über die aktuelle Wohnraumsituation versteht? «Über die Beweggründe von Severin Hofer können wir keine Auskunft geben», sagt Weber.
Vorschlag ist «völlig absurd»
Der Mieterinnen- und Mieterverband erachtet die Initiative als wenig zielführend. Präsident Carlo Sommaruga schreibt auf Anfrage von Nau.ch: «Dieser Vorschlag ist völlig absurd und trägt in keiner Weise zur Lösung der Wohnungskrise bei.»
«Die Zwangsräumung eines Mieters gegen eine geringe Zahlung schafft keinen zusätzlichen Wohnraum.» Sie ermögliche es dem Vermieter bloss, die Wohnung künftig zu einem höheren Marktpreis zu vermieten.
Die gesamtschweizerische Wohnungskrise lasse sich nicht lösen, indem man Bürger «von einem Kanton in den anderen vertreibt».
Sommaruga schlägt sogleich eine andere Idee vor: «Am wirksamsten wäre es, pro neu geschaffener gemeinnütziger Wohnung 20'000 Franken als nicht rückzahlbaren Zuschuss zu zahlen.»
So könne eine langfristige Wirkung der investierten Mittel auf dem Wohnungsmarkt garantiert werden – im Gegensatz zu einer einmaligen Auszahlung.

















