Zentrum Paul Klee: Kurt Schwitters – ein Künstler für Krisenzeiten

Andrea Bauer
Andrea Bauer

Bern,

Das Zentrum Paul Klee widmet Kurt Schwitters eine Ausstellung.

Kurator Martin Waldmeier
Kurator Martin Waldmeier freut sich sehr, dass er in seiner Ausstellung erstmals auch Arbeiten von Kurt Schwitters zeigen kann, die man hierzulande noch gar nie gesehen hat: Porträts, Landschaften und Werke aus dem Exil. - Daniel Zaugg

Der BärnerBär trifft Martin Waldmeier kurz vor der Vernissage in seiner neuen Ausstellung. Noch ist es ruhig in den Räumen, ein paar letzte Handgriffe hier, ein kurzer prüfender Blick dorthin.

Waldmeier hat «Schwitters. Grenzgänger der Avantgarde» kuratiert und führt durch eine Ausstellung, die einen Künstler zeigt, der sich nie auf eine einzige Form festlegen liess.

BärnerBär: Martin Waldmeier, viele verbinden Kurt Schwitters vor allem mit Dada, Collagen und dem Merzbau. Was macht ihn gerade heute wieder interessant?

Martin Waldmeier: Kurt Schwitters versuchte in seinen avantgardistischen Werken, aus den Bruchstücken seiner Zeit nach dem 1. Weltkrieg etwas Neues zu schaffen. Er wollte Resten, Fragmenten und scheinbar Wertlosem und Weggeworfenem eine neue Bedeutung geben. Er sah seine Aufgabe darin, dem Chaos und der Instabilität seiner Zeit wieder Ordnung und Harmonie entgegenzubringen.

Kurt Schwitters
Kurt Schwitters zählt zu den bedeutendsten Vertretenden der internationalen Kunstavantgarde der Zwischenkriegszeit. - Daniel Zaugg

Gewisse Künstler verspotteten ihn deshalb als hoffnungslosen Romantiker, obwohl sie seine Leistungen durchaus auch anerkannten. Aber genau solche Spannungen machen ihn heute interessant: Schwitters zeigt, dass Kunst auf Krisen und Umbrüche reagieren kann, auch ohne direkt politisch sein zu müssen.

BärnerBär: Wenn Sie nicht mit dem Merzbau anfangen dürften: Wie müsste man Kurt Schwitters erklären?

Waldmeier: Kurt Schwitters war ein Künstler, der Kunst und Leben vereinen wollte. Seine Kunst entstand aus den Bruchstücken des Alltags. Daraus liess er Collagen und Materialbilder entstehen. In jeder Collage steht ein Stück Leben, aber auch Bruchstücke der Wirklichkeit um ihn herum.

Seine Bilder stellen die Welt zwar nicht direkt dar, aber sie sind trotzdem indirekt ein Abbild der damaligen Zeit – und davon, wie er selbst diese Zeit erlebt. Für ihn war Kunst in erster Linie Ausdruck von individueller Freiheit, die man auf Blatt und Leinwand erleben kann, und ein Mittel, um zumindest im Kleinen eine bessere Welt zu schaffen.

Gehst du gerne in Ausstellungen?

BärnerBär: Was fasziniert Sie persönlich an Schwitters?

Waldmeier: Natürlich seine Vielfalt, aber auch seine Konsequenz. Er hat seine künstlerische Vision auch unter schwierigsten Bedingungen weiterverfolgt. Er gab seinen ganzen materiellen Besitz auf, um weiter an seiner Kunst arbeiten zu können.

Er musste aus Nazideutschland fliehen, lebte im Exil und verlor sein Umfeld und viele seiner Arbeiten. In Norwegen und in England erhielt er kaum Anerkennung für seine Kunst und lebte grösstenteils arm und einsam. Kaum jemand wusste dort, dass er einst ein berühmter Avantgardist gewesen war.

Trotzdem blieb er seiner Kunst und seiner Vision treu und arbeitete im Stillen weiter, ohne Ausstellungen. Das finde ich sehr beeindruckend. Es ist schwer, sich heute ein solches Künstlerschicksal vorzustellen.

BärnerBär: Sie sagen, seine Kunst wurde nicht immer verstanden?

Waldmeier: In den avantgardistischen Kreisen natürlich schon, obwohl er heute in der Schweiz nicht zu den ganz bekannten Namen wie etwa Klee oder Picasso gehört. Die breite Masse aber konnte mit seiner Kunst nicht viel anfangen.

Schwitters musste seinerzeit viel Kritik einstecken, seine Kunst wurde als Abfallkunst verspottet. Als zweites Standbein hat er deshalb auch avantgardistische Werbegrafik gemacht und war auch in diesem Bereich ein Pionier.

Ausstellung Schwitters
Die Ausstellung im Zentrum Paul Klee. - Daniel Zaugg

Im Exil hat er dann viele Porträts und Landschaftsbilder gemalt, die ihn finanziell knapp über die Runden kommen liessen. Viele Bilder hat er auch gegen Material oder Unterkunft eingetauscht.

BärnerBär: Was war Ihnen bei dieser Ausstellung besonders wichtig?

Waldmeier: Ich wollte die ganze Bandbreite von Schwitters zeigen. Er war nicht nur Collagekünstler, sondern auch Schriftsteller, Gestalter, Maler und ein wichtiger Pionier des raumbezogenen Arbeitens, der Installationskunst.

Der Merzbau ist dabei zentral: eine Art künstlerischer Kosmos, in dem sich Leben und Kunst begegnen, und in dem er viele Dokumente seines Lebens mit eingebaut hat. Für viele Künstlerinnen und Künstler ist der Merzbau bis heute eine wichtige Inspiration.

In der Ausstellung zeigen wir einen Nachbau des Merzbaus auf der Grundlage historischer Fotografien, die erhalten geblieben sind. Der eigentliche Merzbau in Hannover wurde 1943 vollständig zerstört.

Auch zeigen wir mit vielen Fotos, wie Schwitters in Norwegen und in England versuchte, neue Merzbauten zu errichten, von denen heute nur noch Teile erhalten sind.

Schwitters
Waldmeier hat «Schwitters. Grenzgänger der Avantgarde» kuratiert. - Daniel Zaugg

BärnerBär: Worauf sind Sie besonders stolz?

Waldmeier: Dass wir so viele Meisterwerke von Schwitters hier versammeln konnten. Aber auch auf die Bereiche, wie diesen hier hinten zum Beispiel, in denen Arbeiten zu sehen sind, die man hierzulande noch nie gesehen hat: Porträts, Landschaften und Werke aus dem Exil.

Diese Seiten seines Schaffens stehen weit weniger im Fokus als die berühmten Collagen. Dabei erzählen sie sehr viel über ihn. Als Künstler, aber auch als Menschen.

BärnerBär: Warum war das so?

Waldmeier: Weil man in der Kunstszene fand, diese Bilder seien zu konventionell, zu kitschig. Nur seine Collagen und Materialbilder galten als Meisterwerke. Man glaubte, Schwitters hätte Landschaftsbilder und Portraits nur zum Überleben gemalt, weshalb man sie ignorieren könne.

Dem ist aber nicht so: Schwitters hat zeitlebens solche Bilder gemalt, und zwar leidenschaftlich und mit viel technischem Können. Deshalb sind diese Bilder eine äusserst spannende Komponente des Menschen Schwitters.

INFO

Schwitters. Grenzgänger der Avantgarde

Kurt Schwitters (1887–1948) zählt zu den bedeutendsten Vertretenden der internationalen Kunstavantgarde der Zwischenkriegszeit. Er war ein eigenwilliger Grenzgänger, der mit seiner Kunst eine unverwechselbare Synthese aus Kunst, Design und Literatur schuf.

20.3.2026 bis 21.6.2026

Man sieht, wie breit sein künstlerisches Spektrum war und wie er auch in schwierigen Lebensphasen auf das zurückgriff, was er handwerklich hervorragend beherrschte. Es gibt nur sehr wenige Beispiele von modernen Künstlern, die gleichzeitig in so verschiedenen Stilen gemalt haben.

BärnerBär: Was macht diese Porträts so besonders?

Waldmeier: In den Landschaftsbildern erkennt man seine Begeisterung für die Natur. Vor allem das raue Norwegen faszinierte ihn. Man erkennt auch, dass der Übergang zwischen Landschaftsmalerei und abstrakten Bildern fliessend ist. Diese auf den ersten Blick verschiedenen Bildarten haben also doch überraschend viel miteinander zu tun.

Bei den Portraits hingegen spürt man sein Interesse an den Menschen. Während seiner Internierung auf der Isle of Man porträtierte er zahlreiche Mitinternierte: Künstler, Intellektuelle, politische Flüchtlinge. In diesen Bildern liegt zwar viel Zurückhaltung, aber auch viel Nähe.

Sie erzählen von Entwurzelung, von der Unsicherheit dieser Menschen und der Schwere jener Situation, von der ja auch Schwitters selbst betroffen war. In gewisser Weise sind es Selbstportraits, denn Schwitters teilte mit diesen Menschen das Schicksal, auf der Flucht zu sein. Wie auch viele andere Künstler seiner Generation.

Gefällt dir die Kunst von Kurt Schwitters?

BärnerBär: In der Ausstellung sind auch Fotografien zu sehen.

Waldmeier: Schwitters war kein Fotograf, aber ein sehr guter Beobachter der Umwelt. Wir zeigen etwa ein Fotoalbum aus Norwegen, wo sichtbar wird, wie sich Schwitters mit Formen und Strukturen der Natur befasste. Vieles davon taucht auf unterschiedliche Weise auch in seinen abstrakten Arbeiten dieser Zeit wieder auf, und diese Übergänge kann man in der Ausstellung sehen.

BärnerBär: Was sollen Besucherinnen und Besucher aus dieser Ausstellung mitnehmen?

Waldmeier: Vielleicht vor allem dies: dass Kunst ein Mittel sein kann, sich in einer widersprüchlichen Welt einen eigenen, harmonischen Raum zu schaffen. Schwitters hat viele persönliche Krisen, tragische Verluste und das Exil erlebt und trotzdem unbeirrt weitergearbeitet und seinen eigenen Weg verfolgt. Darin liegt bis heute für mich etwas Tröstliches und gleichzeitig Ermutigendes.

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