So kämpfen Berner Architektinnen für mehr Sichtbarkeit
23 Frauen, 11 Themen: Eine neue Ausstellung in Bern will Architektinnen und Planerinnen sichtbarer machen. Die Macherinnen erklären, was es damit auf sich hat.

Das Wichtigste in Kürze
- «Architektinnen und Planerinnen im Gespräch» zeigt die Braubranche aus Frauenperspektive.
- Die Vernissage findet am 21. August um 18 Uhr auf dem Kornhausplatz in Bern statt.
- Der BärnerBär hat im Vorfeld mit den Organisatorinnen gesprochen.
Die Bernerinnen Isabel Schmid (32) und Marie-Annick Staehelin (39) haben das Konzept und die Planung der Ausstellung «Architektinnen und Planerinnen im Gespräch» erarbeitet.
Im Interview sprechen sie über die Sichtbarkeit von Frauen in der Baubranche, weibliche Vorbilder und die Bedeutung von Netzwerken.
BärnerBär: Wie ist die Idee zu dieser Ausstellung entstanden?
Isabel Schmid: Im November 2025 hat die erste gemeinsame Generalversammlung von frau+sia und ABAP stattgefunden. Marie-Annick und ich haben uns spontan gemeldet, als es darum ging, ein Projekt zu entwickeln, das die Netzwerke und die dahinterstehenden Frauen sichtbarer macht.

Marie-Annick Staehelin: Anfänglich sollte alles nur online publiziert und als Broschüre intern versendet werden. Wir haben aber schnell gemerkt, dass uns das nicht reicht und wir mehr Sichtbarkeit wollen.
Deshalb haben wir uns für das Format einer Plakatausstellung im öffentlichen Raum entschieden, um ein möglichst breites Publikum zu erreichen. Dafür haben wir innert kurzer Zeit 23 spannende Frauen gefunden, die über 11 Themen sprechen.
BärnerBär: Warum muss man diese Ausstellung besuchen?
Staehelin: Die Plakate behandeln verschiedene Themen und regen zum Nachdenken über unsere gebaute Umwelt an. Die Themen sind bewusst so gewählt, dass der Inhalt auch für Menschen aus anderen Berufsfeldern spannend ist.
Beim Warten aufs Tram reicht es vielleicht nur für einen kurzen Einblick. Wer mehr Zeit hat, kann richtig eintauchen und alle Gespräche via QR-Code lesen.

BärnerBär: Architektinnen und Planerinnen prägen die gebaute Umwelt wesentlich, sind aber im öffentlichen Raum und in Fachdiskursen oft weniger sichtbar als ihre männlichen Kollegen. So steht es im Flyer zur Ausstellung. Woran liegt das?
Schmid: Im Studium sind Männer und Frauen zu je 50 Prozent vertreten. Im Berufsalltag begegnen wir aber viel weniger Frauen.
Einerseits liegt das an der fehlenden Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie. Bei der Familiengründung wollen viele Frauen nach dem kurzen Mutterschaftsurlaub Teilzeit arbeiten. In der Architektur das Pensum zu reduzieren und trotzdem noch eine projektleitende Position haben – das ist schwierig.
Staehelin: Kommt hinzu, dass sich Frauen oft weniger zutrauen als ihre männlichen Kollegen und schneller im Hintergrund verschwinden.
BärnerBär: Warum ist Ihnen der öffentliche Raum als Ausstellungsort wichtig?
Schmid: Wir wollen auch Leute ansprechen, die nicht in unseren Berufsfeldern tätig sind. Wäre die Ausstellung nur digital, würde sie wieder nur von den Fachkreisen beachtet werden, die die Netzwerke bereits kennen.
Staehelin: Uns ist es auch wichtig, jungen Frauen Lust auf unsere Berufe zu machen. Eine Architektin, Landschaftsarchitektin oder Raumplanerin auf einem Plakat in der Innenstadt zu sehen – das könnte Karrierewünsche anstossen. Oftmals fehlt es jungen Frauen an weiblichen Vorbildern.

BärnerBär: Was bedeutet für Sie denn Sichtbarkeit von Architektinnen und Planerinnen?
Schmid: Wie bereits erwähnt sind viele Frauen tendenziell im Hintergrund tätig. Wenn dann doch eine Frau als Projektleiterin in einer Sitzung die Führung innehat, wird diese teilweise noch immer nicht von allen ernst genommen.
Staehelin: Wir wollen Anerkennung als aktive Akteure in der Baubranche.
BärnerBär: Im Flyer zur Ausstellung steht ebenfalls, dass sie das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie bewusst ausklammert. Wieso?
Schmid: Das Thema liegt uns am Herzen. Wir beide haben Kinder und könnten viel über den täglichen Balanceakt zwischen dem Muttersein und der Tätigkeit als selbstständige Architektin erzählen.
Nur ist uns aufgefallen, dass wir bei neuen Bekanntschaften fast immer auf dieses eine Thema angesprochen werden, die Männer aber fast nie. Diese Tendenz wollten wir mit unserer Ausstellung nicht noch fördern.
BärnerBär: Wie kam es zur Zusammenarbeit zwischen ABAP und frau+sia Bern?
Staehelin: Beide Netzwerke verfolgen ähnliche Ziele und haben begrenzte Ressourcen. Ehrenamtliche Arbeit ist keine Selbstverständlichkeit und Vereine haben oftmals Mühe, neue Mitglieder anzuwerben. Wenn sich dann auch noch zwei Netzwerke auf so kleinem Raum konkurrenzieren, macht das einfach keinen Sinn.

BärnerBär: Welche Diskussionen möchten Sie mit der Ausstellung anstossen?
Schmid: Es geht um flexible Bauten, verantwortungsvolles Planen, Dichtestress – Themen, die uns alle etwas angehen.
Staehelin: Es geht uns darum, den Austausch zu öffnen und bewusst zu machen, dass wir letztlich mit denselben Herausforderungen konfrontiert sind. Ausserdem ist es wichtig zu wissen, dass wir mit unseren Problemen nicht allein dastehen.
Das Netzwerk, dem wir angehören, verfügt über sehr viel Wissen und Erfahrung, das uns dabei helfen kann, auch schwierige Fragen gemeinsam zu lösen.
Die Ausstellung
Isabel Schmid ist Architektin und hat vor zwei Jahren mit ihrem Partner das Architekturbüro «soft» in Bern gegründet. Mit dem Start in die Selbstständigkeit wurde sie Mitglied bei frau+sia. Marie-Annick Staehelin leitet seit 2023 das «Atelier Spolia» in Bern als Architektin. Davor gründete sie 2017 das «Atelier Neume» in Basel. Sie ist seit zwei Jahren Mitglied von frau+sia und zudem im Vorstand des Architekturforums Bern tätig.
Architektinnen und Planerinnen im Gespräch
Die Ausstellung «Architektinnen und Planerinnen im Gespräch» auf dem Kornhausplatz in Bern startet am 21. August mit einer Vernissage um 18 Uhr und dauert bis am 4. September. Auf elf Plakaten geben 23 Architektinnen und Planerinnen Einblick in ihre Sicht auf Themen wie Ethik, Nachhaltigkeit und Flexibilität. Die ausgestellten Texte sind Zusammenfassungen von Interviews, die über QR-Codes vollständig gelesen werden können.
Organisiert wird die Ausstellung gemeinsam von der ABAP (Arbeitsgruppe Berner Architektinnen und Planerinnen) und frau+sia Bern, der Regionalgruppe Bern des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverbands (SIA). Mit der Ausstellung startet die Zusammenarbeit der beiden Frauennetzwerke. Gemeinsam wollen sie Synergien nutzen, ihre Kräfte bündeln und die Sichtbarkeit von Architektinnen und Planerinnen in der Öffentlichkeit stärken. Künftige Veranstaltungen sollen ebenfalls gemeinsam organisiert werden.








