Oli Kehrli: Kann der letzte Berner Troubadour von der Musik leben?

Redaktion
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Bern,

Zwanzig Jahre Chansons – und jetzt ein Liebesbrief an die Berner Sprache. Der Berner Troubadour Oli Kehrli hat ein neues Album mit vielen Gästen veröffentlicht.

Troubadour Oli Kehrli
Troubadour Oli Kehrli tritt mittlerweile seit 20 Jahren auf. - zVg

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Berner Oli Kehrli ist mittlerweile seit 20 Jahren als Troubadour aktiv.
  • Soeben ist seine neue LP erschienen, auf der u.a. auch Pedro Lenz vertreten ist.
  • Am 11. März 2026 findet im Bierhübeli das Jubiläumskonzert statt.
  • Oli Kehrli wird bei diesem Konzert von viel Prominenz begleitet.

BärnerBär: Oli Kehrli, was ist ein «Tscholi»?

Oli Kehrli: «Tscholi» ist ein alter berndeutscher Ausdruck für einen allzu gutmütigen, leichtgläubigen Menschen.

BernerBär: Im neuen Song mit Bubi Rufener, «Tscholi», holen Sie viele fast vergessene Berner Wörter zurück. Wollen Sie die Mundart aktiv bewahren?

Oli Kehrli: «Tscholi» erzählt einerseits die traurige Geschichte eines Menschen, der im Leben keinen Platz mehr findet. Gleichzeitig spiegelt das Lied genau dieses Gefühl auch sprachlich: Viele der alten Berner Ausdrücke, die darin vorkommen, haben heute ebenfalls kaum mehr Raum. So wird die Figur im Lied gewissermassen zum Sinnbild für Wörter, die langsam aus unserem Alltag verschwinden.

Mir geht es nicht darum, moralisch aufzutreten, sondern aufzuzeigen, wie sich unsere Muttersprache verändert. Und dass es schade wäre, alte Begriffe ganz zu verlieren. Einige jüngere Zuhörende fühlen sich an «ds Totemügerli» erinnert – mit dem Unterschied, dass all diese Wörter tatsächlich existieren.

Oli Kehrli Troubadour
Der Berner Troubadour Oli Kehrli bei einem seiner Auftritte. - zVg

BernerBär: Was bedeutet Ihnen die Berner Liedermacher-Tradition – und wie führen Sie diese weiter?

Oli Kehrli: Es war ein grosses Privileg, die «Berner Troubadours», mit Ausnahme von Mani Matter, persönlich kennenzulernen. Von Jacob Stickelberger, meinem Chanson-Ziehvater und Freund, habe ich zudem enorm viel gelernt und durfte oft mit ihm auftreten. Dafür bin ich sehr dankbar. Mit grossem Respekt blicke ich auf ihr Werk, möchte ihren Geist aber zeitgemäss weitertragen. Ohne zu kopieren, sondern indem ich meinen eigenen Weg gehe. Und musikalisch auch einmal die Nebenstrassen erkunde.

BernerBär: Sie stehen bald seit 20 Jahren auf der Bühne. Hat sich Ihr Publikum verändert – oder Sie sich ihm angepasst?

Oli Kehrli: Im Kanton Bern ist mein Publikum unverändert bunt gemischt, ausserkantonal eher älter. Seit wir vor fünf Jahren die Band gegründet und Pop-Elemente eingebaut haben, erreichen wir zusätzlich ein jüngeres Publikum. Ich folge seit jeher meiner Leidenschaft, meinen Ideen und mache Musik, die aus mir kommt. Nicht Musik, die jemand hören will.

Oli Kehrli Band
Die Band von Oli Kehrli (von links): Lukas Iselin (Piano und Akkordeon), Oli Kehrli (Gitarre und Gesang), Dominik Grossenbacher (Drum und Percussion) sowie Marco Mazotti (Bass). - zVg

Berner Bär: Was hat Sie über zwei Jahrzehnte hinweg motiviert?

Oli Kehrli: «Zwanzig Jahre unbedingt!» – der Titel meines neuen Albums – klingt vielleicht wie ein Schuldspruch, ist für mich aber ein Freispruch. Es ist ein Geschenk, meiner Leidenschaft seit 20 Jahren nachgehen zu dürfen. Mich motiviert die Freiheit, meine Ideen umzusetzen und mich musikalisch immer wieder neu zu entdecken. Und dann sind da diese Momente: Rückmeldungen von Menschen, die mir mitteilen, dass ein Chanson sie berührt, inspiriert oder begleitet hat.

BärnerBär: Kann der letzte Berner Troubadour von der Musik leben?

Oli Kehrli: Es ist ein Privileg, dass ich rund elf Jahre vollständig von der Musik leben konnte. Auch dank vieler Privatauftritte. Vor drei Jahren wurde ich mit 49 Jahren erstmals Vater, jüngst zum zweiten Mal, und gleichzeitig wurde die Plansicherheit für Konzerte immer kurzfristiger. Mit 40 Jahren habe ich nebenbei ein Jus-Studium begonnen und vor rund drei Jahren abgeschlossen. Seit einem Jahr arbeite ich nun Teilzeit als Jurist, während ich weiterhin meiner Leidenschaft für die Musik nachgehe.

Berner Bär: Welche Lieder aus Ihren Anfängen würden Sie heute anders schreiben?

Oli Kehrli: Viele Songs meines ersten Albums spiele ich heute nur noch, falls gewünscht, an Privatanlässen. Anders schreiben würde ich sie nicht. Sie sind ein Teil von mir, auch wenn ich heute nicht mehr hinter jedem Inhalt stehe. Man entwickelt sich – und das ist gut so.

Oli Kehrli Platte
Die Jubiläumsplatte von Oli Kehrli wurde am 12. Dezember 2025 veröffentlicht und wird im März 2026 im Bierhübeli getauft. - zVg

Berner Bär: Welche Themen beschäftigen Sie heute stärker als früher?

Oli Kehrli: Meine Themen wachsen mit mir. Seit ich Vater geworden bin, hat sich mein Blick aufs Leben noch einmal stark verändert. Heute geht’s viel auch um Vergänglichkeit, Beziehungen und das Bewusstsein, den Moment wirklich zu geniessen.

BärnerBär: Können Sie ein Beispiel nennen?

Oli Kehrli: Ein schönes Beispiel ist der Song «Biss i d Platte» mit Pedro Lenz. Als mein Sohn Falco zu krabbeln begann, bekam er eine meiner LPs in die Hände. Er verewigte sich darauf mit einem Biss und dem Abdruck seiner ersten Zähne. Jedes Mal, wenn ich die Platte auflege, erinnere ich mich an diesen Moment. Und mir wird bewusst, dass die Zeit uns mal trennen mag, die Liebe aber für immer eingraviert bleibt.

Pedro Lenz Kehrli
Oli Kehrli im Studio mit Pedro Lenz und Lukas Iselin. - zVg

BernerBär: Der bekannte Autor Pedro Lenz ist gleich mit zwei Songs vertreten. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?

Oli Kehrli: Pedro Lenz ist ein langjähriger Kollege, mit dem ich schon oft auf der Bühne stand. Ich schätze ihn sehr – menschlich wie künstlerisch. Ich freue mich, dass er bei zwei neuen Songs seine unverkennbare Handschrift eingebracht hat. Es sind poetische, aufgeladene Chansons, in denen sein Beitrag perfekt eingebettet ist.

BernerBär: Neben Bubi Rufener und Pedro Lenz sind weitere Gäste dabei…

Oli Kehrli: Ich freue mich sehr über die Vielfalt auf dem Album. Mit allen verbindet mich eine lange Verbundenheit, und alle repräsentieren für mich in musikalischer Form die Stadt Bern. Im Chanson «Foutu bonheur» unterstützt mich Opernsängerin Claude Eichenberger. Es ist ein Lied darüber, dass wir eigentlich grosses Glück haben, aber oft Fehler suchen, statt dankbar zu sein.

Spannend ist auch die Zusammenarbeit mit meinem Freund Francis Foss, der in den 80ern u.a. mit Stephan Eicher die Band «Starter» gründete und als Synthie-Pop-Pionier unterwegs war. Mit ihm tauche ich in dem Chanson «Quand du es là» wieder in diese Zeit ein.

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Musiker Oli Kehrli und YB-Star Guillaume Hoarau geben gemeinsam ein Ständchen. - zVg

BärnerBär: Am 11. März 2026 starten Sie im Bierhübeli Ihre Jubiläumstour. Wen wird man alles auf der Bühne sehen?

Oli Kehrli: Neben meiner Band und den Gästen der neuen Platte sind unter anderem Violin-Solistin Gwendolyn Masin und YB-Legende Guillaume Hoarau dabei. Ich freue mich riesig, dass der Vorverkauf schampar gut angelaufen ist.

BernerBär: Zum Schluss ein anderes Thema: Sie sind ein grosser YB-Fan und haben auch schon etliche Auftritte mit Guillaume Hoarau gehabt. Wie ist die aktuelle Gefühlslage?

Oli Kehrli: Es riecht nach Aufbruchsstimmung, seit Gerardo Seoane zurück ist. Es scheint ein Ruck durchs Team zu gehen – das macht Hoffnung. «On verra».

Kommentare

User #1756 (nicht angemeldet)

Berndütsch im Mundartrock geht mit voll auf den Sack. Seit Polo und co. Also 50 Jahren dominiert dieser Dialekt unsere Musik. Ich danke allen anderen, Specht, Taxi und all die, welche nicht in diesem grässlichen Dialekt singen.

User #3066 (nicht angemeldet)

wer ist/wahren, die original Berner Troubadours? Danke für Info

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