Mehrfach in Psychi: Jetzt unterstützt Andreas Wisler (53) Betroffene
Andreas Wisler hat schwere Jahre hinter sich. Nach Psychosen, Sucht und Rückfällen setzt er sich heute für mehr Offenheit und Unterstützung für Betroffene ein.

Das Wichtigste in Kürze
- Andreas Wisler war lange psychisch krank und kämpfte mit gefährlichem Substanzkonsum.
- Durch Therapien und viel Arbeit an sich selbst fand der Emmentaler den Weg zurück.
- Heute ist er als Coach tätig und unterstützt Betroffene.
- Bei der «Mad Pride» in Bern am Samstag wird Wisler eine Achtsamkeitsübung vorführen.
Am 10. Oktober findet anlässlich des Welttags der psychischen Gesundheit von 15 bis 18 Uhr auf dem Bundesplatz die «Mad Pride» statt. Diese setzt sich für mehr Sichtbarkeit und Inklusion von Menschen mit psychischen Erkrankungen ein. Wir geben einem der Betroffenen ein Gesicht.
Der 53-jährige Andreas Wisler wohnt im Emmental, arbeitet zu 80 Prozent bei den SBB in Bern und ist zudem selbstständig tätig. Was ganz gewöhnlich tönt, verbirgt jedoch einen langen Leidensweg.
«Ich befand mich in schwierigen Lebensphasen, in denen ich versuchte, Stress durch Alkohol- und Cannabiskonsum zu bewältigen», erinnert er sich. «Zudem hatte ich mehrmals Psychosen und war in der geschlossenen Psychiatrie in Münsingen.»
Dabei hat er gemerkt, dass viele aus seinem Umfeld nicht darüber sprechen wollten. Vor allem bei Bewerbungen stiess er durch den offenen Umgang mit seiner psychischen Erkrankung immer wieder auf Schwierigkeiten.
Strategien entwickelt
Durch Therapien und jahrelange Arbeit an sich selbst, etwa durch Bewegung und Meditation, ist es ihm gelungen, einen Weg aus Substanzkonsum und psychischer Erkrankung zu finden, wobei auch mehrere Rückfälle dazugehörten.

«Ich habe gelernt, meine Gefühle besser wahrzunehmen und Strategien zu entwickeln, besser mit Stress und Herausforderungen umzugehen», so der Emmentaler. Dazu gehöre auch, das eine oder andere Mal Nein zu sagen, wenn es ihm gerade zu viel sei.
Während er selbst immer offen mit seiner psychischen Erkrankung und der Sucht umging, war er erstaunt darüber, dass man so wenig darüber spricht, obwohl es so viele Menschen betrifft.
«Psychische Erkrankungen sind nach wie vor ein grosses Tabu. Das kann dazu führen, dass sich Betroffene zu spät Hilfe holen.» Nicht zuletzt durch die Vernetzung und den Kontakt mit anderen Betroffenen hat er Kraft gefunden.
Heute unterstützt er als Coach Betroffene
Heute engagiert er sich im Rahmen seiner Tätigkeit als Coach im Bereich Resilienz und psychische Gesundheit für mehr Sichtbarkeit und entwickelt mit Betroffenen Wege, um ihren Gesundheitszustand zu verbessern: «Leider gibt es nach wie vor viele Vorurteile und Stigmatisierungen, und Betroffene schämen sich. Hilfe zu suchen, ist keine Schwäche, sondern eine Stärke.»
Er rät Betroffenen, verschiedene Wege auszuprobieren, langsam einen Schritt weiterzugehen und nicht zu streng mit sich selbst zu sein.

Als Unterstützung für Betroffene in Bern erwähnt er das Recovery College, ein innovatives Bildungsangebot für Menschen mit psychischen Krisenerfahrungen, wo auch Wisler ein Modul leitet, sowie das Living Museum, einen offenen Kunstraum für Menschen mit psychischen Belastungen. Zudem engagiert er sich für das emMENTAL-Netzwerk psychische Gesundheit.
Wisler wünscht sich neue Normalität
Bei der «Mad Pride» wird Wisler vor allem im Ruhebereich dafür sorgen, dass Menschen, denen es zu viel wird, zur Ruhe kommen können. Zudem wird er auf der Bühne eine Achtsamkeitsübung moderieren.

Wisler betont, wie wichtig es ist, der psychischen Gesundheit durch den offenen Umgang ein Gesicht zu geben und ausreichend niederschwellige Angebote und Begegnungsräume zur Verfügung zu stellen.
«Es gibt in Bern bereits verschiedene Angebote, diese sollten jedoch noch ausgebaut werden. Besonders die langen Wartelisten bei Therapien sind ein Problem», so Wisler.
Für die Zukunft wünscht er sich, dass es bei der Arbeit genauso selbstverständlich ist zu sagen: «Ich war kurz bei der Psychiaterin», wie über einen Arztbesuch wegen einer Verletzung zu sprechen: «Es sollte normal sein, über psychische Erkrankungen zu sprechen. Niemand sollte Nachteile befürchten müssen, wenn er offen damit umgeht.»








