Kult-Betrieb bald 40: So radeln Berner Velokuriere in die Zukunft
Mikro-Hubs, Cargobikes und emissionsfreie Transporte: Co-Geschäftsleiter Marco Braun erzählt, wie sich der Berner Velokurier für die nächsten Jahre aufstellt.

Das Wichtigste in Kürze
- Velokurier Bern bietet Logistiklösungen an und betreibt eine eigene Essensplattform.
- Monatlich werden 7500 Sendungen zugestellt und 25'000 Kilometer geradelt.
- Marco Braun ist seit 2016 beim Velokurier Bern tätig und beantwortet die BärnerBär-Fragen.
Seit fast 40 Jahren sind die Velos des Velokuriers Bern in der Stadt und im Kanton unterwegs und gehören für viele zum Stadtbild.
Marco Braun, Co-Geschäftsleiter und verantwortlich für den Verkauf, spricht über das aktuelle Geschäft, die Konkurrenz, Chancen sowie die Veränderungen seit der Firmengründung.
BärnerBär: Können Sie einen Einblick in die Geschichte von Velokurier Bern geben?
Marco Braun: Der Velokurier Bern wurde 1988 von einer kleinen Gruppe von Menschen gegründet, 1991 folgte die Genossenschaftsgründung.
In den Anfangsjahren befanden sich Büro und Disposition in einer Privatwohnung. Arbeitsvelos und Helme gehörten dem Betrieb und wurden geteilt. Kommuniziert wurde über Pager und Telefonkabinen.
Erst 1993 kam der analoge Funk, der bis heute im Einsatz ist. 1995 gründeten Mitarbeitende den Velokurierladen in der Lorraine, der ebenfalls bis heute besteht.
Die Zahl der Mitarbeitenden wuchs über die Jahre stetig an – heute sind wir rund 70.
BärnerBär: Was macht Sie als Genossenschaft besonders?
Braun: Wir streben flache Hierarchien an. So diskutieren wir beispielsweise unser Leitbild, das Awareness-Konzept und die Geschäftsstrategie gemeinsam.
Zudem haben wir einen einheitlichen Lohn.

BärnerBär: Wie sind Sie aktuell mit dem Geschäft zufrieden? Gibt es wachsende Konkurrenz?
Braun: Durch Corona hat sich das Geschäft durchaus verändert. Unternehmen führen Transporte öfter selbst durch, um die eigenen Mitarbeitenden auszulasten. Im Express-Bereich sind wir aber nach wie vor nicht zu schlagen.
Schwierig wird es dagegen bei höherem Sendungsvolumen und grossem Gewicht. Die Obergrenze pro Sendung liegt bei rund 30 Kilogramm, beziehungsweise einem Kubikmeter pro Sendung.
Im Bereich Food Delivery haben wir grosse Konkurrenz durch die Marktriesen. Da wir über ein geringeres Budget verfügen, ist es nicht einfach, mit den digitalen Prozessen mitzuhalten.
Wir haben jedoch einen treuen Stamm an Kundinnen und Kunden, der unsere lokale Verankerung schätzt.
BärnerBär: Führen Sie auch Transporte ausserhalb des Kantons, beziehungsweise auf internationaler Ebene durch?
Braun: Schweizweit sind wir über Swissconnect organisiert und mit anderen Velokurierbetrieben vernetzt. Die Transporte können bei uns aufgegeben werden und die Sendungen werden am selben Tag zugestellt.
Durch dieses Netzwerk können wir Sendungen noch am selben Tag von Bern in die hinterste Ecke der Schweiz transportieren – mit möglichst geringem CO₂-Ausstoss.
Internationale Transporte beschränken sich auf Deutschland.
BärnerBär: Was sind aktuelle Chancen, beziehungsweise Herausforderungen für Sie?
Braun: Die Verkehrsberuhigung in der Innenstadt sowie das Thema Wirtschaftsverkehr bieten uns die Chance, das Thema City-Logistik und Last-Mile-Delivery voranzutreiben.
Dank Disposoftware und standardisierter Schnittstellen haben sich unsere Prozesse sowie die Zusammenarbeit im Netzwerk vereinfacht.

BärnerBär: Was hat sich seit der Firmengründung vor fast 40 Jahren geändert?
Braun: In den ersten zehn Jahren war alles noch deutlich analoger. Ein Grossteil der Sendungen bestand aus Gut-zum-Druck-Unterlagen in Papierform für PR-Agenturen, Filmrollen, Bauplänen oder Briefpost. Die Veloanhänger waren noch klein und selten im Einsatz – das meiste passte in den Rucksack.
Geblieben sind die Laborproben. Diese machen auch heute einen grossen Teil des Volumens aus.
Insgesamt sind die Sendungen jedoch im Laufe der Zeit immer grösser geworden. Heute verfügen wir deshalb über grosse Cargovelos und eine Anhängerflotte, um die gesamte Palette – von Laborproben und Dokumenten bis hin zu Skigepäck und Tannenbäumen – fachgerecht zu transportieren.
Wir haben ein sehr breites Angebot und transportieren Sendungen für viele Branchen. Dadurch stehen wir wirtschaftlich gut da.
BärnerBär: Helfen Ihnen teure Spritpreise und ein steigendes Nachhaltigkeitsbewusstsein in der Gesellschaft?
Braun: Bei einem Teil der Kundinnen und Kunden sicher. Für die meisten muss der Transport jedoch vor allem günstig sein, was die Branche leider nach wie vor zu einem Tieflohnsektor macht.
BärnerBär: Sie diskutieren im Hinblick auf das 40-Jahre-Jubiläum ein Re-Branding. Als Teil davon soll auch der Firmenname inklusiver werden. Was können Sie uns dazu sagen?
Braun: Wir wollen als Betrieb nicht stehen bleiben, sondern uns weiterentwickeln. Deshalb haben wir laufend Themen zu diskutieren. Das macht uns zu einem modernen, dynamischen Betrieb. Genauere Details können wir dazu nicht nennen.

BärnerBär: Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?
Braun: Nach der Testphase der Verlagerung der Sendungen vom Lieferwagen aufs Lastenfahrrad prüfen wir, ob dies in einem Mikro-Hub in der Peripherie der Stadt erfolgen kann. Derzeit geschieht dies in unserer Zentrale.
Längerfristig streben wir die Realisierung eines City-Hubs an, der von mehreren Logistikakteuren genutzt werden kann.
Grundsätzlich möchten wir das Velo weiterhin als Transportmittel und die emissionsfreie Logistik in Bern und darüber hinaus etablieren. Und so einen Beitrag zur Gestaltung einer lebenswerten Stadt leisten.








