Komponist Jean-Luc Darbellay wird 80 und sprudelt nur so vor Ideen

Michèle Graf
Michèle Graf

Bern,

Immer noch eine Strophe mehr: Auch nach hunderten Kompositionen kommen Jean-Luc Darbellay täglich neue Musikideen. Sein Erfolgsgeheimnis: Familie und Aare.

Darbellay
Weit gereist, aber stets von Bern inspiriert: Komponist Jean-Luc Darbellay. - Daniel Zaugg

Manchmal liegt es daran, zur richtigen Zeit, den richtigen Menschen zu treffen. So begann auch die Musikkarriere eines der grössten zeitgenössischen Schweizer Komponisten mit der Faszination für ein Geige spielendes Mädchen.

Anfang der Fünfzigerjahre in einer Berner Primarschule: Jean-Luc Darbellay hört an einer Weihnachtsaufführung Mitschülerin Brigitte zu. «Ich war auf den ersten Ton fasziniert und verliebt. Ich dachte, ich muss nun auch Geige lernen», erinnert er sich heute versonnen.

Zwar war der Geigenunterricht von mässigem Erfolg gekrönt, aber die musikalische Begeisterung sollte den Jungen aus der Luisenstrasse nicht mehr loslassen. Später wurde er erst Teil einer Jazzband, Klarinettist, Arzt, Komponist und Dirigent.

Heute, kurz vor seinem 80. Geburtstag, blickt Darbellay auf ein Œuvre mit anhin 366 Werken zurück. Viele seiner Erfolge habe er, wie er selbst sagt, auch seiner Frau Elsbeth zu verdanken, mit der er seit über 50 Jahren verheiratet ist.

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Jean-Luc Darbellay: «Ich war auf den ersten Ton fasziniert und verliebt.» - Daniel Zaugg

Sie teilt nicht nur seine Faszination für Musik, sondern lernte mit ihm auch zusammen Klarinette. Elsbeth Darbellay beschreibt ihren Mann als Musikbegeisterten, dem auch nach hunderten Kompositionen immer noch neue Noten einfallen.

Sie liebt seine Kreativität. «Und er war auch ein guter Arzt, der den Menschen immer zugehört hat.»

Zweisprachig aufgewachsen

Der zweisprachig aufgewachsene Komponist ist zudem ein Kenner der Stadt Bern. Er habe noch nie überlegt hier wegzuziehen und erzählt begeistert von Napoleon, Einstein, Walser, Wölfli und Lenin.

«Bern ist ein kleines Universum.» Auch über die Entstehung des Kirchenfeldquartiers weiss er Bescheid, über Berner Brücken und die Aare. Der Fluss hat es ihm besonders angetan.

Wasser ist eben eine gute Metapher: Der Komponist zeitgenössischer Stücke sieht in den Verzweigungen und Strömen Melodien, die zusammenwachsen und dann wieder auseinander bersten.

Der Fluss und die perfekten Spiegelungen der Häuserfassaden darin, inspirieren ihn immer wieder. Oft geht er an der Aare spazieren, fotografiert den Fluss.

In seinem Musikzimmer im oberen Stock des historischen Hauses an der englischen Anlage mit Blick auf das Bundeshaus, die Altstadt und das satte Grün sagt er: «Sehen Sie, ich könnte ein Dosentelefon zum Bundeshaus spannen.»

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Kurz vor seinem 80. Geburtstag, blickt Darbellay auf ein Œuvre mit anhin 366 Werken zurück. - Daniel Zaugg

Im Gegensatz zur heutigen weltweiten Machtpolitik findet er, dass Musik die Menschen verbinde. «Sie spricht für sich, gerade in Zeiten, wo so vieles zerredet wird», sagt er. Der pensionierte Arzt kann der Musik auch gesundheitlich viel abgewinnen.

«Man hat herausgefunden, dass sich die Hirnströme von Musikern und Zuhörern harmonisieren. Der Eindruck der Musik überträgt sich, ganz ohne Sprache.» Nirgends sei es so schön still, wie im Konzert bei einer Generalprobe.

Musikbegeisterte Familie

Das hat er auch auf seinen zahlreichen Musikreisen und unzähligen Konzerten erlebt. Zusammen mit seiner Frau reiste er nach Russland, Amerika, Ungarn, Frankreich und nach Asien, oft nach Japan.

Heute reisen sie ihren Kindern nach. Musik ist bei den Darbellays stets ein Familienprojekt: Tochter Noëlle-Anne und Sohn Olivier sind beide Profimusiker. Mit Hornist Olivier waren die Darbellays schon in Krasnojarsk und China, wohin sie auch das Schweizer Alphorn mitbrachten.

Natürlich sind die Enkel genauso musikbegeistert. «Clara spielt Geige und Felipe Cello», erzählt Elsbeth Darbellay. Gerade erst konnten die stolzen Grosseltern ihre Enkelkinder mit dem Orchester für Alte Musik «Les Passions de l’Âme» hören.

Am Klavier im Musikzimmer kleben noch farbige Punkte auf den Tasten, im Lift hängen Kinderzeichnungen. Noch sind die Werke des Grossvaters für die Jüngsten zu schwer.

Hörst du gerne klassische Musik?

«Aber er hat ihnen vier kurze Stücke geschrieben, die sie jetzt bei einem Privatkonzert vortragen werden. Sie üben schon begeistert», sagt Elsbeth Darbellay.

«Garagenband»

Moderne Popmusik würde bei dem hochmusikalischen Ehepaar nie aus dem Radio schallen, geben sie amüsiert zu. «Höchstens alte Chansons beim Autofahren.»

In seiner Jugendzeit spielte Darbellay in einer Jazz Band, wechselte von der Geige zur Klarinette. Seine frühere Musiklehrerin sah es pragmatisch: «Du musstest nur das richtige Instrument finden.»

So probte der junge Darbellay stundenlang lautstark mit seiner «Garagenband», auch wenn es das Wort damals noch nicht gab. Einer seiner Bandkollegen wurde später der Mitgründer des Gurten Festivals: Ueli Fricker.

Da er aus einer Medizinerfamilie stammte, entschloss sich der junge Musiker ebenfalls Arzt zu werden. Erst im Alter von 36 begann er mit dem Komponieren und entwickelte einen besonderen Lebensrhythmus.

Tagsüber Arzt, nachts Komponist. «Das war nur möglich, weil meine Frau mir den Rücken freigehalten hat», resümiert Darbellay und erklärt: «Ich schlief zwischen elf und drei Uhr morgens. Dann stand ich auf und komponierte. Nachts ist dieses Haus magisch, man hört nur den Fluss.»

Elsbeth und Jean-Luc Darbellay sind seit über 50 Jahren verheiratet.
Elsbeth und Jean-Luc Darbellay sind seit über 50 Jahren verheiratet. - Daniel Zaugg

Um sechs Uhr legte er sich dann noch mal eine Stunde hin und legte einen Mittagsschlaf ein. Diesen Rhythmus hielt er über 30 Jahre durch und konnte so pro Jahr bis zu zehn Stücke schaffen, die auf der ganzen Welt gespielt wurden.

Der Komponist errang zahlreiche Preise, Frankreich ernannte ihn gar zum Ritter der Künste und Literatur. Besonders stolz ist er aber auf die Berner: Bei einem Wettbewerb des Berner Symphonieorchesters wählten sie vor einigen Jahren seine Komposition blind aus mehreren Einreichungen zur besten aus.

2004 schafft der kosmopolitische Musiker es, dass die World Music Days in der Schweiz stattfanden: ein einmaliges Ereignis. Die Delegation aus 70 Ländern reiste dafür extra in einem Sonderzug inklusive Ausstellung quer durch die Schweiz.

In einer Woche hörten sie drei bis vier Konzerte pro Tag. Im Gespräch mit dem Komponisten gehen immer neue Türen und Abzweigungen auf, so reich ist sein Musikwissen und Erfahrungsschatz.

Mit tiefer Verbundenheit nennt er die Namen seiner musikalischen Idole und Wegbegleiter, von denen manche gute Freunde geworden sind: Pierre Boulez, Siegfried Palm, John Cage, Fabio Luisi.

Blick in das Musikzimmer
Blick in das Musikzimmer. - Daniel Zaugg

Doch welches Stück fehlt noch in seinem Repertoire? Da muss der Komponist nicht lange überlegen. «Ja, ich hätte gerne mal eine grosse Oper komponiert.» Zu Beginn seiner Karriere erdachte er eine kleine Oper, die in der Dampfzentrale uraufgeführt wurde: «Es ist ein bisschen Wasser, das uns trennt».

Wieder was mit Wasser: Die Musiker mussten damals gar in einem Becken spielen. «Und im Keller tropfte es durch die Decke», muss Darbellay lachen. Seine Augen leuchten, wenn er sich an solche Highlights zurückerinnert.

71 Tagebuch-Bände

Gerne setzt der Komponist künstlerische Werke, wie die von Paul Klee, in Musik um, zum Beispiel «Ein Garten für Orpheus» von 1926. Das Bild besteht aus unendlich vielen vertikalen, horizontalen und diagonalen Strichen.

Darbellay betrachtet es genau: «Klee wohnte damals im Quartier und genoss die gleiche Aussicht wie ich.» Er interpretiert: «Sehen Sie, hier ist eine Treppe, die ins Wasser führt. Damals war Hochwasser

PERSÖNLICH

Jean-Luc Darbellay, geboren am 2. Juli 1946 in Bern, verheiratet, ist Arzt, Komponist, Dirigent und Klarinettist. Er begründete 2002 das zeitgenössische Festival L’art pour l’Aar mit.

So übernahm er für seine Komposition das Auf und Ab der Striche und schuf Noten, die versetzt angeordnet sind und Mikrokanons ergeben.

Auf solche Ideen zu kommen, fällt ihm nicht schwer: «Wenn die ersten Noten auf dem Papier stehen, geht es meist ganz schnell. Die erste Stufe ist, im Voraus zu hören, was man schreiben will», erklärt er den Prozess. Skizzen macht er keine, zeichnet alles von Hand auf.

Auch mit 80 Jahren sprudelt er noch vor Ideen und wünscht sich eigentlich nur, dass es so weitergeht wie bisher. Er denkt nicht gross über das Alter nach. Er sortiere nur mehr als früher. «Und in meinen Tagebuch-Bänden bin ich bei Nummer 71», sagt er beiläufig.

In zwei Jahren feiert eines der von ihm und seiner Frau gegründeten Orchester auch sein 50. Jubiläum. Wieder so ein Familienprojekt. Und wie sollte es anders sein, den runden Geburtstag wird Jean-Luc Darbellay natürlich mit der Familie an einem See inklusive Privatkonzert feiern.

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