Gedankenleser: «In meinem Kopf geht es oft brutal zu und her»
Gedankenleser Tobias Heinemann tritt im Berner La Capella auf. Mit dem BärnerBär spricht er über Wahrnehmung und die Frage, wie frei unser Wille wirklich ist.

Sechs Gegenstände soll ich auf den Tisch legen, sagt Tobias Heinemann. Während ich mein Handy, meine Uhr, meine Brille, meinen Kopfhörer, meine Maus und mein Portemonnaie ausbreite, notiert er etwas auf einem Zettel, faltet ihn zusammen und schiebt ihn unter meinen Laptop.
«Jetzt mach eine Reihe mit den Gegenständen», sagt er. Dann soll ich drei davon zu ihm schieben. Von den restlichen drei soll ich zwei in die Hände nehmen.
Es ist eine einfache Abfolge, nichts wirkt kompliziert oder auffällig. Am Ende liegt das Handy zwischen uns auf dem Tisch. «Öffne jetzt den Zettel», sagt er. Darauf steht: «Das Handy bleibt auf dem Tisch.»
Ich schüttle ungläubig den Kopf. Wie hat er das gemacht? Tobias Heinemann lächelt verschmitzt. Er habe mich gesteuert, sagt er. Sprachlich, aber auch mit seinen Gesten.
Heinemann ist Mentalist. In der Presse wird er oft als «Meister des Gedankenlesens» bezeichnet.

Er lese natürlich keine Gedanken im übernatürlichen Sinn, sondern Reaktionen. Augenbewegungen, Timing, Körpersprache. Daran liest er ab, was im Innern abgeht.
«Die ehrlichen Signale kommen sofort», sagt er. Und er steuert sein Gegenüber. Mit Worten, mit Blicken, mit Händen. Entscheidend sei nicht, wer jemand ist, sondern, was jemand in einem bestimmten Moment denkt – und wie er handelt.
Erste Auftritte hat er bereits als Siebenjähriger im Familienkreis. Später folgen öffentliche Auftritte, zunächst im Gymnasium, dann immer häufiger. Spätestens während seines Gymnasiums wird klar, dass er aus seinen Fähigkeiten einen Beruf machen will.
Einem breiteren Publikum wird Tobias Heinemann vor rund 20 Jahren bekannt, als er für das SRF in der Sendung «Der Gedankenjäger» Menschen auf der Strasse verblüfft. Es folgen zahlreiche TV-Auftritte – in der Schweiz, in Deutschland, in England und sogar im japanischen Staatsfernsehen.
Die Verbindung zu Japan ist eng. Mitte der 1990er-Jahre reist er erstmals dorthin. Das Judo bringt ihn dorthin. Heinemann betreibt den Sport damals auf Leistungsniveau, trainiert auch heute noch regelmässig, wenn es der Tourplan zulässt. «Ich habe mich damals in Japan verliebt, die Kultur, das Essen, alles», sagt er.
Seither kehrt er fast jährlich zurück. Zuletzt trat er im Dezember 2025 in Tokio auf. Bei Auftritten in Japan spricht er Englisch oder arbeitet mit einem Dolmetscher. «Englisch beherrsche ich so gut, dass ich nicht übersetze, sondern in dieser Sprache denke», sagt er. Genau das brauche es, um spontan reagieren zu können.
Einmal habe er in Japan eine Vorstellung auf Deutsch geben müssen, vor Publikum aus der Goethe-Schule. «Das war ein bisschen schwierig, weil das Sprachniveau sehr unterschiedlich war», erzählt er.
Am Mittwoch, 1. April, kommt Tobias Heinemann für einen Auftritt ins La Capella in Bern. Erst zum dritten Mal ist er öffentlich live mit einem abendfüllenden Programm in der Bundesstadt zu sehen. «The Story» heisst es und es ist sein bisher persönlichstes und zugleich vermutlich sein ausgeklügeltstes Programm.
Schach im Kopf
Denn Heinemann denkt praktisch dauernd an seine Arbeit. Beim Warten, beim Gehen, im Auto. Er visualisiert, denkt Szenarien durch, antizipiert Reaktionen. Kurz: Er bereitet sich mental auf das vor, was auf der Bühne geschehen könnte.
«Es ist ein bisschen wie Schach spielen. Ich habe einen Plan, eine Eröffnung – und dann reagierst du darauf, worauf ich wieder reagiere.»
Seine Shows basieren auf vier grundlegenden Techniken: Er liest Reaktionen, lenkt Entscheidungen, arbeitet mit Gedächtnistechniken und nutzt Elemente der Hypnose. Über Jahre hinweg hat er diese Fähigkeiten verfeinert.
Sein Talent zeigt sich früh. Wenn seine Eltern etwas verlegen, fragen sie ihn. «Ich habe einfach immer schon sehr genau beobachtet und mir Dinge gut merken können», sagt er.
Sein erster Berufswunsch: Detektiv. Sein Idol: Sherlock Holmes. Die Faszination für Beobachtung und Analyse begleitet ihn seit der Kindheit.

Ein Musterschüler war Heinemann nicht. Er lernt kaum für Prüfungen, legt sich mit den Lehrern an – und liest im Unterricht auch mal ein eigenes Buch.
Wenn es zählt, strengt er sich an. So schafft er es ans Gymnasium, vor allem, weil er keine Lehre machen will. Die Matura öffnet ihm auch das Tor zum Schauspiel- und Gesangsstudium in London. Sein Eintritt in die Showwelt.
Das Gedächtnis als Werkzeug
Heute kann er sich in Sekunden Kartenfolgen, Zahlen oder Begriffe merken, die ihm das Publikum zuruft. «Das ist eine Technik, die schon die alten Griechen kannten», sagt er. Er arbeitet mit festen inneren Wegen – Räumen oder Orten, die er gut kennt.
Jedem Punkt ordnet er eine Position zu. Was er sich merken will, verknüpft er mit diesen Orten – möglichst ungewöhnlich. Ein Glas steht nicht einfach auf einem Tisch, sondern wird in ihn hineingeschlagen. «In meinem Kopf geht es da oft ziemlich brutal zu und her», sagt er.
So entstehen stabile Verbindungen. Jede Information ist unabhängig abrufbar, die Reihenfolge spielt keine Rolle. Entscheidend ist die Stärke der Assoziation.
Über seine Techniken hat Heinemann ein Buch geschrieben, ein zweites ist in Arbeit.
So faszinierend seine Kunst ist: Übernatürlich ist sie nicht. «Das meiste ist lernbar», sagt er. Er hat ein ganzes Leben investiert, um sie zu perfektionieren.
Braucht er seine Fähigkeiten auch privat? «Nicht bewusst», sagt er. Ausser, wenn er mit Freunden essen geht und ein bestimmtes Restaurant bevorzugt. «Dann helfe ich ein bisschen nach», sagt er und lacht.
Schwarzes Hemd, schwarze Hose, kahlrasierter Schädel – so tritt Heinemann auf. Auch bei unserem Treffen in Bern.
Die Glatze habe er sich schon rasiert, als er noch Haare hatte, sagt er. Wegen des Judos. Schwarz trage er nicht nur wegen der Wirkung. «Es geht um den Fokus: Gesicht und Hände sollen hervorstechen.» Damit lenkt er die Aufmerksamkeit. Auf der Bühne. Oder am Tisch.
Info
«The Story»
von Tobias Heinemann
Datum: Mittwoch, 1. April 2026
Zeit: 20.00 Uhr
Ort: La Capella, Bern








