Berner Renntage – «Kids haben weniger Zeit, Seifenkiste zu bauen»
Ende April wird der Klösterlistutz in Bern zur Rennstrecke: Hunderte Kinder fiebern dem Seifenkistenrennen entgegen. OK-Mitglied Vera Stoll gibt Auskunft.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Berner Renntage finden vom 24. bis 26. April am Klösterlistutz statt.
- Es ist bereits die 39. Ausgabe. Die Durchführung im Jahr 2027 ist gefährdet.
- Vera Stoll ist seit 10 Jahren im OK und beantwortet die wichtigsten Fragen zum Event.
Die Grossen Berner Renntage mit dem Seifenkistenrennen gehören zu den beliebtesten Kinderanlässen der Stadt Bern.
OK-Mitglied Vera Stoll spricht über das Programm, aber auch über Zukunftspläne und darüber, was Kinder sowie Erwachsene von dieser Veranstaltung mitnehmen können.

BärnerBär: Vera Stoll, was macht den Reiz dieses legendären Berner Seifenkistenrennens aus?
Vera Stoll: Dass diese drei Tage die verdiente Belohnung für den Durchhaltewillen und das monatelange Tüfteln und Werkeln der Kinder sind. Sie erfinden und bauen ihre Kisten mit viel Engagement – für ein Erlebnis, bei dem Teamgeist wichtiger ist als der Sieg.
Und natürlich auch, dass die Kinder mit ihren Seifenkisten in einem begleiteten Rahmen «den Stutz abe fresen» können.

BärnerBär: Was ist an den drei Tagen genau geplant?
Stoll: Am Freitag finden nach der technischen Kontrolle die sogenannten Vorläufe mit Geschicklichkeitsfahren, Boxenstopp, Bremstest und Ausrollen statt. Zudem werden die Teams in Kategorien eingeteilt und die Seifenkisten erhalten ihre Startnummern.
Am Samstag kommen die Kinder gestaffelt in zweistündigen Zeitfenstern zu den Testläufen, um die Strecke kennenzulernen. Neben dem Fahren bewerten sie an diesem Tag auch die Zeichnungen der anderen Teams und unterstützen mit dem Verkauf von Souvenirs die Finanzierung der Veranstaltung.
Am Sonntag folgt der grosse Renntag mit drei spannenden Rennläufen und der Siegerehrung.
BärnerBär: Was sind die Highlights des Rahmenprogramms?
Stoll: Das Programm ist so einfach wie wunderbar: Möglichst oft den Hügel hinunterfahren, die anderen Kisten bestaunen, sich mit anderen Teams am Renntreff austauschen und fachsimpeln, sich dort mit Essen und Trinken stärken, weiterfahren, zusammen sein – und am Abend glücklich und müde nach Hause gehen.
BärnerBär: Auf welche Preise können sich die Kinder freuen?
Stoll: Es gibt fast 40 Preise zu gewinnen: für die schönste Zeichnung, für die seifigste Seifenkiste, für die Gesamtsiegerinnen und Sieger pro Kategorie, für jedes Sieger-Team der Vorläufe, für die Pechvögel usw.
Es gibt es für alle Gewinnerinnen und Gewinner einen von Freiwilligen höchst aufwändig dekorierten und selbstgebackenen Kuchen.

BärnerBär: Was können Kinder bei dieser Veranstaltung lernen?
Vera Stoll: Die Kinder lernen sich selbst zu organisieren, Teams zu bilden, Gemeinschaften in den Quartieren zu stärken und gemeinsam auf ein Ziel hin zu arbeiten.
Wir vom Dachverband für offene Arbeit mit Kindern in der Stadt Bern (DOK) schaffen einen Begegnungsraum, in dem junge Menschen tragfähige Beziehungen und Gemeinschaft ausserhalb ihres Familiensystems erleben können.
Dies fördert eigeninitiatives Handeln, damit die Kinder ihre Persönlichkeit ausdrücken und weiterentwickeln können. Sie haben Freude, sammeln Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und erleben viele Glücksmomente.
BärnerBär: Und die Erwachsenen?
Stoll: Eltern und andere Bezugspersonen dürfen lernen auszuhalten, dass sie als Zaungäste weniger Einfluss auf ihre Kinder haben, als sie sich manchmal vielleicht wünschen würden.
Unser Ziel ist es, den Kindern zu ermöglichen, sich an diesem Anlass möglichst selbstständig und auch ohne Begleitung von ihren Bezugspersonen zu bewegen.
BärnerBär: Die Veranstaltung findet mittlerweile zum 39. Mal statt. Was hat sich seit der ersten Veranstaltung getan?
Stoll: Zu Beginn war es ein eher abgeschiedener Anlass mit wenig Publikum. Mit der Verlegung des Rennens an den Klösterlistutz wurde das Rennen zu einem generationenübergreifenden Treffpunkt, zu einem Ort des Sehens und Gesehenwerdens.
Heute zeigt sich, dass viele Kinder weniger Zeit haben, eine eigene Seifenkiste zu bauen. Deshalb werden manche Kisten über mehrere Generationen hinweg genutzt und von Jahr zu Jahr lediglich umgestaltet.

Auch das Seifenkistenrennen hat sich über die Jahre verändert. Die Zeitmessung ist voll digital und wir übertragen das Rennen via Live-Stream ins Internet und in die ganze Welt.
Die Digitalisierung tut dem Rennen keinen Abbruch, im Gegenteil. Seit einigen Jahren möchten immer mehr Kinder an den Grossen Berner Renntagen teilnehmen – und mit ihnen wächst auch die Zahl der Zuschauenden.
«Standortwechsel wäre ein einschneidender Schritt»
BärnerBär: Die Durchführung im Jahr 2027 aufgrund einer möglichen Baustelle ist unsicher. Was ist hier der aktuelle Stand?
Stoll: Wir stehen im Austausch mit den zuständigen Stellen der Stadt und werden im Laufe des Jahres mehr Klarheit haben. Natürlich denken wir bereits über mögliche Alternativen nach.
Dennoch wäre ein Standortwechsel für uns ein einschneidender Schritt, denn wir haben Jahrzehnte hinweg enge Beziehungen zu den Anwohnenden aufgebaut, profitieren von vielen Vorzügen und ihrem grossen Goodwill.
BärnerBär: Gibt es Ideen, das Event in Zukunft noch nachhaltiger oder inklusiver zu gestalten?
Stoll: Inklusion und Nachhaltigkeit gehören zu den zentralen Themen der offenen Arbeit mit Kindern – und wir setzen diese aktiv um. In den vergangenen Jahren haben wir vermehrt Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Quartieren dabei unterstützt, eine eigene Seifenkiste zu bauen und so am Rennen teilnehmen zu können.
Zudem arbeiten wir mit Sonderschulen zusammen. Beispielsweise hat das Schulheim Rossfeld schon mehrfach mit Teams am Seifenkistenrennen teilgenommen.








