1 Million Logiernächte: Leidet Stadt Bern schon unter Overtourism?
Über eine Million Logiernächte und volle Gassen: Bern ist bei Touristen beliebt. Tourismuschefin Manuela Angst ordnet die Zahlen im Interview ein.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Stadt Bern zählt inzwischen über eine Million Logiernächte pro Jahr.
- Besonders im Sommer wird es in der Altstadt punktuell eng – etwa rund um den Zytglogge.
- Für Bern Welcome steht aber nicht die Gäste-Menge im Fokus, sondern längere Aufenthalte.
BärnerBär: Frau Angst, selbst an graunassen Wintertagen prägen Touristinnen und Touristen das Bild der Innenstadt. Ist Bern zur Ganzjahresdestination geworden?
Manuela Angst: Bern hat dank seiner vielseitigen Angebote das Potenzial, das ganze Jahr über attraktiv zu sein – und entsprechend sehen wir auch im Winter Gäste in der Innenstadt.
Gleichzeitig bleiben die Sommermonate für Bern zentral: Sie generieren im Jahresverlauf klar die meisten Logiernächte.
BärnerBär: Können Sie das in Zahlen ausdrücken?
Angst: Im Februar liegen wir in den letzten zwei Jahren konstant bei rund 50’000 bis 60’000 Logiernächten, während der Juli als Spitzenmonat bei rund 120’000 liegt – also doppelt so hoch.
BärnerBär: In den Spitzenmonaten – sie haben gerade den Juli erwähnt – kommt es in den Gassen der Altstadt auch mal zum Gedränge. Leidet Bern punktuell bereits unter Overtourism?
Angst: Grossevents wie die Frauen-Fussball-Europameisterschaft, der Boulder Weltcup oder das Gurtenfestival – um nur einige zu nennen – haben letzten Sommer viele Gäste in die Schweizer Hauptstadt gezogen.
An gewissen Tagen oder zu bestimmten Uhrzeiten konnte dies zu einem erhöhten Gästeaufkommen bei manchen Sehenswürdigkeiten führen.

BärnerBär: Wo zeigt sich der «Dichtestress» am meisten?
Angst: Wie in jeder Stadt gibt es auch in Bern klassische Highlights, die bei einem Städtetrip besonders häufig besucht werden. Bei uns sind diese vor allem in und rund um die Altstadt.
Dazu zählen typischerweise der Zytglogge, das Bundeshaus, das Berner Münster, der Bärenpark sowie Aussichtspunkte wie der Rosengarten.
BärnerBär: Wie begegnet Bern Welcome diesen Herausforderungen?
Angst: Uns liegt eine lebendige und attraktive Stadt, in der sich sowohl die Bevölkerung als auch Gäste wohlfühlen, am Herzen. Darum setzen wir auf klare Information, saisonale Inspiration und Angebote, damit sich Besuche besser über Zeiten und Orte verteilen.
Als Beispiel: Unsere neue Highlight Audiotour ermöglicht, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten flexibel im eigenen Tempo zu entdecken und dabei unterschiedliche Wege durch die Stadt kennenzulernen.
Ergänzend fördern wir die An- und Abreise mit dem öffentlichen Verkehr als einfache, nachhaltige Option.
BärnerBär: Mit den Sehenswürdigkeiten wären wir wieder bei der sehr gut besuchten Altstadt...
Angst: Wir möchten unsere Gäste ermutigen, für Bern mehr Zeit einzuplanen und neben den bekannten Orten auch weitere Seiten der Stadt und Region kennenzulernen.
Dafür bieten sich Ausflüge in die Umgebung an – etwa in den Naturpark Gantrisch, ins Emmental, Richtung Laupen oder in den Oberaargau.

BärnerBär: Mehr Zeit für Erkundungen hat, wer auch in Bern übernachtet. Wie hat sich die Hotelauslastung entwickelt?
Angst: In den letzten Jahren hat die Anzahl der Übernachtungen in der Destination Bern zugenommen – von rund 830'000 Logiernächten 2018 (in der Stadt Bern) bis zu etwas über einer Million im vergangenen Jahr.
In der Stadt Bern werden diese vor allem von Business-Reisenden generiert. Unser Ziel ist es, den Anteil der Übernachtungsgäste zu erhöhen, die mehr Zeit in Bern einplanen – und nicht nur für einen kurzen Tagesausflug kommen.
Das wiederum trägt zu einer höheren regionalen Wertschöpfung bei.
BärnerBär: Gemäss der jüngsten Hotellerie-Statistik hatte die Stadt Bern 2025 weniger Logiernächte und Gästeankünfte als im Vorjahr. Dies trotz diversen Grossanlässen und der neuen Festhalle. Wie erklären Sie sich das?
Angst: Für 2025 verzeichneten wir in der Destination Bern rund 20’000 Logiernächte weniger als im Vorjahr. Über das Gesamtjahr entspricht das einer moderaten Veränderung und bewegt sich weiterhin über der Marke von einer Million Logiernächten.
Unser Ziel ist ein nachhaltiger und bevölkerungsverträglicher Tourismus. Dabei steht nicht die Masse der Gäste im Zentrum steht, sondern die Aufenthaltsdauer und die Qualität des Aufenthaltes.

BärnerBär: Wie profitieren Bevölkerung und Wirtschaft von den Besucherzahlen?
Angst: Tourismus schafft in der Stadt Bern und den Teilregionen Gantrisch, Emmental, Laupen und Oberaargau Wertschöpfung und Arbeitsplätze, weil Gäste Hotels, Gastronomie, Kulturangebote und den Detailhandel nutzen.
Zusätzlich profitieren Einheimische davon, dass Angebote und Erlebnisse breiter getragen und weiterentwickelt werden.
BärnerBär: Woher kommt die Mehrheit der Besucherinnen und Besucher überhaupt?
Angst: Gemäss den aktuellen Logiernächte-Statistiken stammen die meisten Übernachtungsgäste aus der Schweiz, gefolgt von Deutschland.
In der Advents- und Weihnachtszeit sehen wir zudem traditionell viele Besucherinnen und Besucher aus Italien.

BärnerBär: Weshalb erfreut sich Bern grosser Beliebtheit?
Angst: Da spielen mehrere Faktoren zusammen: Grossanlässe und internationale Events erhöhen die Sichtbarkeit für Bern und das Gästeaufkommen.
Gleichzeitig profitiert Bern von seiner sehr guten Erreichbarkeit: Die Stadt ist hervorragend ins Schweizer Bahnnetz eingebunden und auch aus dem europäischen Umland bequem per Zug erreichbar.
Dazu kommen attraktive Angebote, das entspannte Berner Lebensgefühl und die kurzen Wege vor Ort, die Bern attraktiv machen. Auch fokussieren wir uns in der Vermarktung bewusst auf den Heim- und Nahmarkt, wo die Anreise mit dem ÖV einfach und naheliegend ist.
BärnerBär: Was wünschen Sie sich als CEO Bern Welcome für den Tourismus von Stadt und Region?
Angst: Langfristig wünschen wir uns eine touristische Entwicklung, die nachhaltig und bevölkerungsverträglich ist – und den typisch bernerischen Charme sowie die hohe Lebensqualität bewahrt.
Bern steht für entschleunigte Erlebnisse statt Hektik: kurze Wege, echte Begegnungen und Zeit zum Entdecken.
Unser Fokus bleibt auf dem Heim- und Nahmarkt, ergänzt durch internationale Gäste, die bewusst und möglichst nachhaltig reisen.
Entscheidend ist für uns Qualität und Aufenthaltsdauer statt reine Mengenentwicklung – Gäste, die mehr Zeit einplanen und Stadt wie Region respektvoll erleben.







