Warum geht uns das Schicksal von Wal «Timmy» so nahe?

Simon Ulrich
Simon Ulrich

Deutschland,

Wal «Timmy» rührt die Welt – während anderes Tierleid kaum interessiert. Ein Experte erklärt die unbequeme Doppelmoral.

Wal
Wissenschaftler von Greenpeace beobachten den Buckelwal am 1. April von ihrem Schlauchboot aus (Aufnahme vom 1. April). - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Für den gestrandete Wal «Timmy» gibt es keine Hoffnung mehr.
  • Wale lösen stärker Mitgefühl aus als Hühner, Fische oder Reptilien, sagt ein Philosoph.
  • Ein Grund: Beim Wal fehlt der Interessenkonflikt, niemand profitiert von ihm.

Als der Buckelwal in der Ostsee auftauchte, wurde aus einer Tiermeldung innert kurzer Zeit ein viel beachtetes Medienereignis.

Menschen verfolgen seinen Überlebenskampf im Liveticker, Fernsehteams berichten von der Küste, in den sozialen Medien wird gehofft, gebangt und spekuliert.

Der Wal bekam einen Namen – «Timmy» – und wurde zur Hauptfigur einer Geschichte aus Rettungsversuchen, Rückschlägen und wachsender Sorge.

Das Interesse reicht dabei weit über Deutschland hinaus: Auch internationale Medien griffen den Fall auf, darunter die «New York Times».

In einer Zeit, die von Kriegen, Krisen und einer dichten Nachrichtenlage geprägt ist, stellt sich die Frage: Warum löst das Schicksal dieses einzelnen Tieres eine so breite öffentliche Anteilnahme aus?

«Walstrandungen geben gute Mediengeschichten ab»

Philosoph Nico Müller erklärt die grosse Resonanz zunächst mit der Logik der Medien.

Walstrandungen seien Ereignisse, die sich leicht erzählen liessen: Mit Anfang, Mitte und Ende, mit klaren Rollen und starken Bildern. «Walstrandungen geben gute Mediengeschichten ab», sagt Müller.

Genau darin liege ein zentraler Unterschied zu jenem Tierleid, das zwar alltäglich ist, aber kaum sichtbar wird. Dass viele Legehennen mit schmerzhaft gebrochenem Brustbein lebten, sei etwa kein Stoff, der ähnlich viel Aufmerksamkeit auf sich ziehe.

Eine Studie der Universität Bern zeigte, dass 97 Prozent der Legehennen betroffen sind. Ein Grund dafür ist Kalziummangel, wie die Tierschutzorganisation Animal Rights Switzerland schreibt. Für die Eierproduktion würden Hühner Kalzium aus den eigenen Knochen beziehen, die deshalb geschwächt würden.

«Selbst zu Ostern hören wir darüber kaum etwas. Obwohl uns die Hühner gerade so leid tun könnten wie der Wal», sagt Müller.

Wale prägen unser Mitgefühl stärker als andere Tiere

Hinzu kommt, dass Wale in unserer Wahrnehmung einen besonderen Platz einnehmen. Ihre Grösse mache sie zu eindrücklichen Erscheinungen. Gleichzeitig würden sie oft als intelligent, sanft und freundlich gesehen, so Müller.

Andere Tiere hätten es in diesem kulturellen Raster schwerer: Hühner, Fische oder Reptilien würden rasch als dumm oder abweisend wahrgenommen.

«Das hat mit ihren echten Eigenschaften kaum etwas zu tun, Es sind soziale Zuschreibungen», betont Müller.

Ein weiterer Punkt ist der fehlende Interessenkonflikt. «Vom Leid eines gestrandeten Wals profitiert niemand», sagt er. Deshalb müsse man dieses Leiden weder verdrängen noch rechtfertigen.

Nico Müller
Nico Müller ist Philosoph an der Uni Basel und forscht zur Ethik der Mensch-Tier-Beziehungen. Zudem ist er Präsident des gemeinnützigen Tierschutzvereins Animal Rights Switzerland. - SNF

Bei Tieren, die in der Landwirtschaft genutzt und gegessen werden, sei das anders. Dort stehe das Mitgefühl oft in Spannung zu den eigenen Gewohnheiten.

Müller verweist auf eine britisch-australische Studie, die genau diesen Mechanismus aufzeigt. Dabei wurden die Teilnehmenden gebeten, die Leidensfähigkeit verschiedener Tiere einzuschätzen.

Ergebnis: Jene, die davor einen Fleisch-Snack erhielten, schätzten Tiere als weniger leidensfähig ein als die, die Cashew-Nüsse serviert bekamen. «Manchmal passen wir also unser Bild von Tieren unserem Handeln an statt umgekehrt», bilanziert Müller.

Zwischen Anteilnahme und Unterhaltung

Einen direkten Zusammenhang mit Kriegen und Krisen sieht Müller dagegen nur begrenzt. Walstrandungen seien seit Jahren ein Thema, das immer wieder grosse Aufmerksamkeit bekomme.

Er verweist auf Beispiele aus Dänemark, Frankreich, Belgien, Australien, Mexiko und Neuseeland. Solche Fälle setzten sich, so seine Einschätzung, «recht unabhängig von der sonstigen Weltlage» im medialen Ökosystem durch.

Dem Wal wurden schon verschiedene Namen gegeben. Welcher passt am besten?

Ob die intensive Begleitung eines solchen Einzelschicksals zu mehr Sensibilität für Tierleid insgesamt führt, beurteilt Müller zurückhaltend.

Seit Jahrzehnten würden spektakuläre Tierschicksale grosse Aufmerksamkeit erhalten, ohne dass dies die Gesellschaft im grossen Stil verändert habe.

Seine Vermutung ist ernüchternd: Oft bleibe es beim kurzen Konsum eines dramatischen Falls.

Müller zieht sogar einen unbequemen Vergleich: «Ähnlich wie beim Genre des True Crime stellt sich auch hier die Frage: Ist es ethisch in Ordnung, aus echtem Leiden einen oberflächlichen Unterhaltungswert zu gewinnen?»

Kommentare

User #6388 (nicht angemeldet)

Man lässt ein Tier grausam krepieren, so sieht es aus für mich.

User #5053 (nicht angemeldet)

Das Wort 'liebt" ist jetzt also eine Beleidigung.

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