Ukraine kontert Moskau: kein Verlust der Stadt Kostjantyniwka
Das ukrainische Militär hat der Behauptung Moskaus widersprochen, die Stadt Kostjantyniwka im Industriegebiet Donbass erobert zu haben. Im Morgenbericht des Generalstabs war die Rede davon, dass es in der Kleinstadt mit früher 67.000 Einwohnern weiterhin Gefechte gebe. Auch in Dörfern noch dichter an russischen Positionen wie Iwanopyllja werde noch gekämpft.

Kremlchef Wladimir Putin hatte am Vorabend beim Besuch einer Kommandozentrale gesagt, die russische Armee habe Kostjantyniwka vollständig unter Kontrolle gebracht. Ukrainische Militärblogs wie DeepState verzeichnen weiterhin nur Teile der Stadt als russisch besetzt. Auch russische Militärblogger reklamieren bislang nicht die gesamte Stadt für ihre Armee.
Die russische Militärführung bot der Ukraine überraschend eine Feuerpause in Kostjantyniwka an, um beiden Seiten die Möglichkeit zu geben, die Leichen gefallener Soldaten auszutauschen. Die sechsstündige Feuerpause sei für Dienstag geplant, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Die Antwort aus Kiew auf diesen Vorschlag werde bis Sonntagmittag erwartet.
Zu den Behauptungen Putins sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj während eines Telefonats mit Bundeskanzler Friedrich Merz: «Das ist nur die x-te russische Lüge, um wenigstens irgendeine Nachricht in Umlauf zu bringen.» Er rief Putin auf, sich mit ihm in Kostjantyniwka zu treffen. «Wenn Kostjantyniwka derzeit unter russischer Kontrolle stünde, hätte Putin wohl kein Problem damit, sich dort mit mir zu treffen und diplomatische Lösungen zu finden, um den Krieg endlich zu beenden.» Dennoch werde Putin die Front nicht überschreiten. «Die Wahrheit unterscheidet sich sehr von Putins Worten», sagte Selenskyj.
Der Kreml lehnte das Gesprächsangebot in Kostjantyniwka umgehend ab. Selenskyj könne nach Moskau kommen, wenn er bereit sei, verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow nach Angaben der Staatsagentur Tass. Er erinnerte daran, dass Putin sich bereit erklärt habe, Selenskyj in Moskau zu empfangen. «Schliesslich ist Moskau die Hauptstadt der Russischen Föderation und nicht Konstjantyniwka.» Selenskyj lehnt einen Besuch in Moskau kategorisch ab.
Die Moskauer Kräfte hätten in den vergangenen Wochen Geländegewinne in Kostjantyniwka erzielt, schrieb das US-amerikanische Institut für Kriegsstudien (ISW). Doch vor allem bestehe die russische Präsenz in der Stadt aus kleinen Stosstrupps zwischen ukrainischen Stellungen. Das ISW wertete Putins Siegesmeldung als Versuch, mediale Aufmerksamkeit vor dem Wochenende mit den Feiern zu 250 Jahre Unabhängigkeit der USA zu gewinnen.
Der russische Staatschef zeigte sich erstmals seit längerem wieder in Uniform bei den Militärs. Das Verkünden von Erfolgen der Armee ist wichtig für Putin. Die Treibstoffkrise in Russland, verursacht durch ukrainische Gegenangriffe mit Drohnen, hat in der Bevölkerung grossen Unmut hervorgerufen.
Eins der Kriegsziele Putins ist, den Donbass komplett unter russische Herrschaft zu bringen. Nach einem Fall von Kostjantyniwka wären von den grösseren Städten im Gebiet Donezk nur noch Slowjansk, Kramatorsk und Druschkiwka unter ukrainischer Kontrolle.










