Prozess gegen Ex-RAF-Mitglied Klette nähert sich dem Ende
Es ist eine martialische Szene: Drei Maskierte richten Maschinenpistolen und eine Panzerfaust auf einen Geldtransporter. Schüsse fallen, ein Geschoss bleibt in der Rückenlehne des Fahrers stecken.

«Das war einfach hochgradig gefährlich», sagt Staatsanwältin Annette Marquardt über den Überfall in Stuhr nahe der norddeutschen Stadt Bremen im Juni 2015. Sie bleibt in ihrem Plädoyer dabei: Daniela Klette, ehemaliges Mitglied der deutschen Terrororganisation Rote Armee Fraktion (RAF), soll mit ihren mutmasslichen Komplizen – den früheren RAF-Mitgliedern Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub – einen versuchten Mord begangen haben.
Das Trio soll von 1999 bis 2016 Geldtransporter und Kassenbüros überfallen und Millionen für ihr Leben im Untergrund erbeutet haben. Der Überfall in Stuhr steht seit Beginn der Verhandlung am Landgericht Verden (Niedersachsen) im Fokus. War es ein Mordversuch oder nicht?
Das Gericht kam im Laufe des Prozesses zu dem Schluss, dass es die Tat wohl nicht als versuchten Mord wertet. Stattdessen sprechen die Richter von einem sogenannten bedingten Tötungsvorsatz: Der Schütze soll den Tod des Opfers zumindest in Kauf genommen haben, habe die Tat aber nicht zu Ende gebracht.
Die Staatsanwaltschaft wirft Klette auch versuchten und vollendeten schweren Raub als «Mitglied einer Bande» vor. Ausserdem legt sie der Angeklagten Verstösse gegen das Waffengesetz und das Kriegswaffenkontrollgesetz zur Last.
«Das sind Delikte mit ganz erheblicher krimineller Energie», sagt Marquardt und wendet sich direkt an die Anklagte. «Sie haben die Taten in unerträglicher Weise bagatellisiert.»
Laut Anklage soll die Deutsche 13 Überfälle mit Staub und Garweg in den Bundesländern Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein begangen haben. Im Laufe der Verhandlung stellte das Gericht die Verfahren zu fünf Taten ein, weil sie im Falle einer Verurteilung ohnehin nicht wesentlich ins Gewicht fallen würden. Von den beiden Männern fehlt bis heute jede Spur.
Die Festnahme von Daniela Klette nach Jahrzehnten im Untergrund war ein Coup für die Ermittler. Im Februar 2024 fanden Beamte «Claudia» – wie sie sich selbst damals nannte – mit ihrem Hund in einem 1,5 Zimmer-Appartment in Berlin. «Diese Wohnung war eine Asservatenkammer», berichtet die Staatsanwältin vor Gericht. «Dankenswerterweise hat Frau Klette nichts weggeworfen.»
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft stellten die Ermittler brisante Beweise sicher – unter anderem eine Panzerfaust-Attrappe, mehrere Waffen und Munition. «Das, was gefunden wurde, war weder harmlos noch Rentner-like», betont Marquardt. Ausserdem fanden die Beamten mehr als ein Kilogramm Gold und 240.000 Euro Bargeld, beides vermutlich Teil der Beute.
Zum Verhängnis könnten Klette auch Fotos, Skizzen und Aufzeichnungen von Routen von Geldtransportern, ausspionierten Supermärkten und Polizeiwachen in Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen werden. Die Beamten entdeckten zudem mehrere Handys, Rechner, Sturmhauben und Flecktarnhosen. Die Kleidung sei nach all den Jahren «dankenswerterweise ungewaschen», sagt die Staatsanwältin. Experten konnten so DNA-Spuren von Garweg und Klette nachweisen.
Für die Staatsanwaltschaft steht mit Blick auf die Funde fest, dass Klette bei den Überfällen «eine federführende Rolle» spielte. Bei allen Taten lasse sich eine klare Aufgabenverteilung feststellen: Klette habe Zugriff auf die Waffen gehabt und meistens am Steuer des Fluchtautos gesessen. Die Fahrzeuge soll Staub organisiert haben, er habe auch vorab die Tatorte ausspioniert. Bleibt noch Garweg als «der Mann fürs Grobe», der im Zweifel nicht vor Schüssen zurückschrecke.
Auch beim Ablauf der Taten stellte die Staatsanwaltschaft nach eigenen Angaben ein Muster fest: Die Täter seien mit mehreren Wagen unterwegs gewesen, um Wege zu versperren und selbst mit einem anderen Auto fliehen zu können. Sie seien vermummt und schwer bewaffnet gewesen. «Da waren Profis am Werk und keine Dilettanten», sagt Marquardt. Ihre Opfer hätten Todesangst ausgestanden.
Während ihre Komplizen weiter auf der Flucht sind, sitzt Klette seit mehr als zwei Jahren in Untersuchungshaft. Für sie gelten besondere Sicherheitsvorkehrungen: Eine Eskorte mit mehreren Polizeiwagen, Blaulicht und Martinshorn begleitet sie zu jeder Verhandlung. Schwer bewaffnete Einsatzkräfte bewachen das Gelände mit der extra zum Hochsicherheitstrakt umgebauten Reithalle am Stadtrand von Verden.
Die Taten räumte Klette vor Gericht weder ein, noch stritt sie sie ab. Stattdessen nutzte sie die Aufmerksamkeit lieber für politische Botschaften – etwa für eine Kritik am Kapitalismus und an Militäreinsätzen. Dafür lieferten sich ihre Anwälte und die Staatsanwaltschaft immer wieder Wortgefechte und fielen sich gegenseitig ins Wort.
Also musste das Gericht die Taten rekonstruieren. Der Vorsitzende Richter und sein Team sichteten Videos, befragten Experten und probierten sogar die Panzerfaust aus. Auch viele Betroffene kamen zu Wort, doch nach all den Jahren konnten sie sich an wichtige Details oft nicht mehr erinnern oder brachen gleich in Tränen aus.
Nach mehr als einem Jahr stellte das Gericht jetzt die Beweisaufnahme ein. Nach der Staatsanwaltschaft können in den nächsten Tagen Nebenklage und Verteidigung schildern, wie sie den Prozess erlebt haben und welche Strafe sie für angemessen halten. Das letzte Wort hat schliesslich die Angeklagte, bevor das Gericht frühestens Ende Mai zu einem Urteil kommt.
Klette droht eine jahrelange Haftstrafe – und ein weiteres Verfahren wegen Anschlägen während ihrer Zeit bei der RAF.










