Fast 50 Menschen starben bei den Überflutungen in Nordrhein-Westfalen. Wetterexperte Jörg Kachelmann sagt nun, dass man schon Tage vorher von der Flut wusste.
Jörg kachelmann
Kim Fisher und Jörg Kachelmann: Die Moderatoren der MDR-Talkshow «Riverboat». - MDR

Das Wichtigste in Kürze

  • Meteorologe Jörg Kachelmann sagte, dass sich die Wetterextreme im Sommer ankündigten.
  • Die Behörden hätten es «versäumt», die Bevölkerung rechtzeitig zu warnen.
  • Bei den Überschwemmungen in Nordrhein-Westfalen starben fast 50 Menschen.

Schon Tage vor der Flutkatastrophe zeichnete sich nach Einschätzung des Wetterexperten Jörg Kachelmann ein extremes Wetterereignis für den Südwesten von Nordrhein-Westfalen ab.

Am Montag, den 12. Juli, sei nach den Wettermodellen eigentlich bekannt gewesen, dass etwas Grosses passieren würde, sagte Kachelmann am Freitagabend bei seiner etwa zweistündigen Befragung als Zeuge im Untersuchungsausschuss des NRW-Landtags zur Flut in Düsseldorf.

Die Wettermodelle hätten bereits an jenem Montag die grosse Gefahr einer Extremwetterlage mit sehr grossen Regenmengen bestätigt, nachdem sie am Sonntag eindeutige Hinweise auf eine Extremwetterlage durch Stark- und Dauerregen in NRW geliefert hätten.

Jörg Kachelmann: «Es hätte Evakuierungen geben können»

Kachelmann schilderte die aussergewöhnliche Wetterkonstellation im Juli: dass feuchte Luftmassen von Nordosten statt von Westen gegen die Eifel gedrückt worden seien, dass ein sehr grossflächiges Gebiet unter Starkregen gestanden habe, dass der Boden nicht mehr aufnahmefähig gewesen sei.

«Die Informationen waren alle da», betonte Kachelmann. «Warum seien die Menschen von den Behörden nicht darüber informiert worden, dass etwas komme, was man noch nicht gesehen habe?», fragte er mit Blick auf die Ereignisse im Juli, als Rekord-Regenmengen zu Hochwasser und Überflutungen führten und 49 Menschen starben.

Überschwemmung
ARCHIV - Die verheerenden Überschwemmungen im Juli in Deutschland sind zum Auftakt der Weltklimakonferenz in Glasgow prominent als Beispiel für die Folgen des Klimawandels erwähnt worden. Foto: Boris Roessler/dpa - sda - Keystone/dpa/Boris Roessler

Es hätte Evakuierungen geben können. «Wir haben immer genug Zeit.» Bei einer Wiederholung der Ereignisse müsse kein Mensch ums Leben kommen.

«Das ist die gute Nachricht, wenn es eine gute Nachricht gibt: Sie können das verhindern», sagte Kachelmann zu den Landtagsabgeordneten. Bei einer Extremwetterlage dürfe keiner schlafen gehen.

Warnungen wurden nicht von Behörden über Medien weitergegeben

Als Kachelmann am Ende auf die mögliche Kostenerstattung für seinen Aufwand zur Zeugenbefragung hingewiesen wurde, erklärte er, das Geld solle lieber einem Opferfonds gespendet werden.

Der Wetterexperte hatte am 13. Juli mittags per Tweet gewarnt, es werde «womöglich Zeit, Menschen allmählich behördlicherseits und medial auf ein Hochwasser-Szenario vorzubereiten». In der folgenden Nacht kam es dann zu den ersten Überschwemmungen.

Einige Tage vor der Flutkatastrophe hatte nach Angaben der britischen Expertin Hannah Cloke das europäische Hochwasser-Warnsystem EFAS einen ersten Hinweis auf ein mögliches Extremereignis im Rheinland gegeben.

Am 10. Juli 2021 habe EFAS ein Hochwasser, das einmal in 20 Jahren auftritt, mit einer Wahrscheinlichkeit von 22 Prozent für das Rheinbecken prognostiziert, sagte die Hydrologie-Professorin.

Überschwemmung
Autos liegen in einem ausgespülten Teil der nordrhein-westfälischen Stadt Erftstadt. Jörg Kachelmann gibt bekannt, dass man von den Wetterextremen wusste. Foto: David Young/dpa - sda - Keystone/dpa/David Young

Diese Information sei zwar noch unsicher gewesen, aber man sollte in einem solchen Fall besonders aufmerksam sein, erläuterte sie. Das sei der Zeitpunkt, an dem national zuständige Behörden einige Informationen zusätzlich anschauen, um ein klareres Bild der Lage zu bekommen.

Angesichts der Opferzahl «hat das System insgesamt versagt»

Sie habe keine Hinweise, wie die von EFAS zur Verfügung gestellten Informationen von den entsprechenden nationalen und lokalen Stellen letztlich verwendet worden seien. EFAS-Partner erhielten Warnungen. Diese könnten dann selbstständig auf das Webportal des Warnsystems zugreifen und dort weiterarbeiten.

«Wenn so viele Menschen sterben, müssen wir zugeben, dass das System insgesamt versagt hat», bekräftigte die Expertin ihre bereits geäusserte Kritik. Sie betonte, dass sich diese Kritik nicht auf bestimmte Bereiche des Systems in Nordrhein-Westfalen beziehe. Sie habe keine Untersuchungen angestellt, wie die einzelnen Teile im Zuge der Flutkatastrophe von Juli funktionierten.

Der Untersuchungsausschuss im Landtag von Nordrhein-Westfalen war mit den Stimmen der Oppositionsabgeordneten von SPD und Grünen zustande gekommen. Das Gremium soll mögliche Versäumnisse, Unterlassungen oder Fehleinschätzungen der CDU/FDP-Landesregierung und nachgeordneter Behörden in Zusammenhang mit dem verheerenden Hochwasser von Mitte Juli mit 49 Toten in NRW untersuchen. Im Frühjahr 2022 soll dem Landtag ein öffentlicher Bericht über die bis dahin vorliegenden Erkenntnisse vorgelegt werden. Im Mai 2022 sind Landtagswahlen.

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