Von einem, der sich fremd im eigenen Körper fühlt
Wie fühlt es sich an, jeden Tag mit der Angst zu leben, ertappt zu werden? In einem Körper gefangen zu sein, der sich fremd anfühlt? Das schildert Giuliano Musio eindrücklich in «Aus anderem Holz».

In seinem Roman spinnt der Berner Autor damit den Kinderroman «Pinocchio» aus dem Jahr 1883 von Carlo Collodi weiter. Während die Holzpuppe in der Ursprungsgeschichte im Kindesalter ist und sich am Ende – als «Belohnung» für die positive Entwicklung – in einen Menschenjungen verwandelt, handelt es sich bei der Holzpuppe von Musio um einen jungen Mann, dem man das Anderssein nicht gleich ansieht.
Pinò, wie die Hauptfigur in «Aus anderem Holz» heisst, wurde einst von Gepetto aus einem Stück Holz ins Leben geschnitzt. Warum, weiss er nicht. Nach einer Naturkatastrophe kommt der junge Mann dem Rätsel seiner Existenz langsam auf die Spur, begleitet von Furcht, Wut und Scham. Mit aller Kraft versucht Pinò zu vertuschen, was er ist. Bis auch die Fassaden seiner Mitmenschen zu bröckeln beginnen. Denn auch sie sind nicht alle, was sie vorgeben zu sein.
Den Roman hat Giuliano Musio pendelnd zwischen Bern und Bergamo geschrieben und ihn im Norditalien der 1980er Jahre angesiedelt. Raffiniert hat der Autor verschiedenste Themen in die Geschichte eingearbeitet, ohne den Erzählfluss zu bremsen, die Spannung bleibt konstant hoch.
Musio zeigt sich dabei als genauer Beobachter und feinfühliger Begleiter seiner Figuren, denen er sich mit präziser, nie überladener Sprache im Verlauf des Romans zusehends annähert.*
*Dieser Text von Maria Künzli, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.






