«Druck der Strasse»: Deshalb entlässt Selenskyj jetzt den Armeechef

Laurin Zaugg
Laurin Zaugg

Ukraine,

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj entlässt seinen Armeechef Oleksandr Syrskyj. Doch warum tut er dies gerade jetzt? Ukraine-Experten ordnen ein.

Selenskyj
Für Präsident Selenskyj wurde der Druck der Proteste wohl zu gross, weshalb er seinen Armeechef Syrskyj entliess. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Selenskyj gibt den Protesten nach und entlässt seinen Armeechef Oleksandr Syrskyj.
  • Der neue Armeechef heisst Mychajlo Drapatyj.
  • Ukraine-Experten sehen in der Personalie ein Signal für Reformen und Technik.

Seit gestern ist klar: Wolodymyr Selenskyj trennt sich von seinem Armeechef Oleksandr Syrskyj. Auf ihn folgt Mychajlo Drapatyj, ein 43-jähriger General.

Dem Wechsel des Oberbefehlshabers der ukrainischen Armee gingen starke Proteste der Bevölkerung voraus.

Präsident Selenskyj hatte zuvor den Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow entlassen, der von vielen als treibende Innovationskraft im Krieg gesehen wurde. Ukraine-Experten schätzen gegenüber Nau.ch ein, weshalb Selenskyj gerade jetzt seinen Armeechef entlässt.

Nicolas Hayoz ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Freiburg. Die Entlassung Syrskyjs zeigt für ihn, dass Selenskyj hat einsehen müssen, «dass er einen grossen Fehler begangen hat».

Denn: Die Entlassung des Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow sorgte beim Volk für Empörung. Fedorow hatte unter anderem die Digitalisierung der Streitkräfte und den Einsatz von Drohnen vorangetrieben.

Selenskyj begründete die Entlassung mit einem öffentlich ausgetragenen Konflikt zwischen dem drohnenfokussierten Fedorow und General Oleksandr Syrskyj. Dieser ist für seine altmodische Denkweise und seine Ausbildung in der Sowjetära bekannt.

Volk stellt sich auf die Seite des Verteidigungsministers

Nicolas Hayoz sagt: «Im Grunde genommen geht es um einen Gegensatz zwischen unterschiedlichen Konzeptionen von dem, was eine Armee im Kriegszustand können muss.»

Das Volk hat sich klar auf die Seite von Fedorow gestellt und somit eine innovative Kriegsführung befürwortet. Auch hochrangige ukrainische Armeeangehörige, beispielsweise der stellvertretende Kommandeur der Luftwaffe haben sich klar für Fedorow ausgesprochen.

Selenskyj hat «dem Druck von der Strasse» nachgegeben

Ulrich Schmid, Professor für Osteuropastudien an der Universität St. Gallen, sagt: «Nun hat Selenskyj dem Druck von der Strasse und auch innerhalb der Regierung nachgegeben.»

Ulrich Schmid
Ulrich Schmid ist Professor für Osteuropastudien an der Universität St. Gallen. - keystone

Der neue Armeechef Drapatyj habe das Vertrauen von Oleksander Syrskyj genossen und werde keine grundlegend andere Strategie verfolgen, so Schmid.

Nicolas Hayoz sieht das etwas anders: «Mit der Wahl von General Drapatyj wird auch ein klarer Generationenwechsel vollzogen.» Das bedeute auch einen neuen Zugang zu Führung und Modernisierung in der Armee.

«Das hätte man aber von Anfang an machen können»

Es werde ein klares Zeichen in Richtung Reformen und Beschleunigung der Einführung von neuen Technologien gesetzt.

«Das hätte man aber von Anfang an machen können», ergänzt Hayoz. Stattdessen zeige sich bei Selenskyj einmal mehr ein Führungsstil, «der erst unter Druck sich der Einsicht in neue Gegebenheiten beugt».

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Der Zeitpunkt der Entlassung Syrskyjs war also wohl kaum kalkuliert. Vielmehr beugte sich Selenskyj dem innenpolitischen Druck und den Protesten der Bevölkerung.

Kommentare

User #2985 (nicht angemeldet)

Es gibt nichts daran zu deuteln dass Putler ein bestialischer Kriegsverbrecher ist. Seine Komplizen sind mindestens dumm oder sogar vorsätzlich Landesfeinde, wenn sie Putler helfen, seine perfiden Lügen in unser Land zu tragen. Es ist Zeit, sich entschiedener zu wehren, für die Wahrheit und Menschlichkeit.

User #3215 (nicht angemeldet)

Die Analogie: Der naive Biedermann und die Brandstifter --- In Frischs Theaterstück nimmt der gutgläubige Herr Biedermann zwei Brandstifter bei sich auf, obwohl sie ihm von Anfang an verdächtig vorkommen. Er ignoriert alle Warnsignale (z. B. den Benzinkanister, den sie mit sich tragen), weil er nicht wahrhaben will, dass sie gefährlich sind. Stattdessen rechtfertigt er ihr Verhalten, gibt ihnen sogar noch Werkzeug (Streichhölzer) und wird schließlich selbst zum Opfer ihrer Brandstiftung.

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