Chile will Gedenkstätte für Opfer deutscher Sekte stoppen
Chiles rechtsgerichtete Regierung von Präsident José Antonio Kast will eine geplante Enteignung für eine Gedenkstätte auf dem Gelände der früheren deutschen Sekte Colonia Dignidad stoppen.

Mit dem Projekt sollte an die Opfer schwerer Verbrechen erinnert werden. Wohnungsbauminister Iván Poduje sagte, die Entscheidung solle rückgängig gemacht werden. Auf der Plattform X begründete er den Schritt am Sonntagabend (Ortszeit) unter anderem mit Unregelmässigkeiten im bisherigen Verfahren, hinzu kämen «enorme finanzielle Kosten».
Die Colonia Dignidad liegt rund 400 Kilometer südlich von der Hauptstadt Santiago de Chile. Der deutsche Laienprediger Paul Schäfer gründete dort 1961 eine abgeschottete Siedlung, in der Mitglieder ausgebeutet, Familien auseinandergerissen und Kinder missbraucht wurden. Während der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet (1973–1990) wurden dort zudem Regimegegner gefoltert und ermordet. 2005 stellte die Regierung die Siedlung unter Zwangsverwaltung. Heute wird das als Villa Baviera bekannte Areal auch touristisch genutzt.
Poduje sagte dem Fernsehsender T13, sein Ministerium habe «keine Befugnisse» und «nicht die Mittel» für die Umsetzung der Pläne. Ideologische Motive wies er in der Zeitung «La Tercera» zurück: Es gehe ausschliesslich «um soziale Prioritäten». Die Kosten bezifferte er auf rund 47 Milliarden Peso (rund 41 Millionen Franken) – mit dem Geld könnten Wohnungen oder Sportanlagen saniert werden, sagte er. Sollten die Mittel da sein, könnten andere Ministerien das Vorhaben fortführen.
Kritiker sehen darin eine politische Entscheidung zulasten der Aufarbeitung. Seit Jahren wird über eine Gedenkstätte gestritten. 2025 hatte das Justizministerium angekündigt, dafür rund 116 Hektar zu enteignen. Der frühere Justizminister Jaime Gajardo bezeichnete die Kehrtwende laut Medien als «Schlag ins Gesicht für das Gedenken an die Opfer schwerer Menschenrechtsverletzungen». Zwar sei eine vorübergehende Aussetzung aus Haushaltsgründen nachvollziehbar, die Rücknahme der Entscheidung jedoch nicht.
Präsident José Antonio Kast ist seit dem 11. März im Amt und steht für eine konservative Gesellschaftspolitik. Sein Vater, ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier und NSDAP-Mitglied, war nach dem Zweiten Weltkrieg nach Chile ausgewandert.










