Für ihren gefährlichen Evakuierungseinsatz in Afghanistan hat die Bundeswehr ihre Kräfte verstärkt und zwei Hubschrauber an den Flughafen Kabul verlegt. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums können die Helikopter vom Typ Airbus H145M für die Rettung einzelner Bundesbürger oder auch einheimischer Ortskräfte aus Gefahrenlagen eingesetzt werden. Ebenfalls in Kabul eingetroffen ist am Samstag der Vizechef der militant-islamistischen Taliban, die seit einer Woche die Macht in dem Krisenstaat übernommen haben. Mullah Abdul Ghani Baradar will mit Taliban-Mitgliedern und weiteren Politikern über die Bildung einer neuen Regierung sprechen, wie Taliban-Kreise der Deutschen Presse-Agentur sagten.
Angespannte Situation am Kabuler Flughafen
Angespannte Situation am Kabuler Flughafen - AFP

Das Wichtigste in Kürze

  • Baradar ist der bislang höchstrangige Taliban-Führer, der in Kabul eingetroffen ist.

Wo sich Taliban-Führer Haibatullah Achundsada und seine zwei weiteren Stellvertreter befinden, ist unklar.

Am Flughafen Kabul blieb die Lage derweil weiter extrem angespannt und gefährlich. Ein Augenzeuge berichtete der dpa von Tausenden Menschen, die die Eingänge belagerten. Der Augenzeuge hatte bereits den gesamten Freitag an einem Eingang verbracht. Als er am Samstagmorgen (Ortszeit) zurückkehrte, habe sich die Menschenmenge noch einmal verdoppelt. Es fielen weiter praktisch durchgehend Schüsse. Am nördlichen Eingang habe es zudem Lautsprecherdurchsagen gegeben, dass das Gate nun zwei Tage geschlossen sei.

Ein zweiter Augenzeuge sagte der dpa, Menschen aus allen Gesellschaftsschichten befänden sich dort. Er habe Schauspieler in der Menge gesehen, bekannte Fernsehpersönlichkeiten, Jugendliche, Frauen mit neugeborenen Babies oder Menschen im Rollstuhl. Der US-Sender CNN berichtete unter Berufung auf eine «informierte Quelle», das rund 14 000 Menschen am Flughafen ausharrten.

Vor knapp einer Woche hatten die Taliban Kabul erobert und die Macht übernommen. Seitdem fürchten Oppositionelle, Journalisten, Menschenrechtsaktivisten und auch Ortskräfte, die für westliche Staaten tätig waren, um ihr Leben. Es wird befürchtet, dass die Extremisten ein islamisches «Emirat» errichten und dabei mit drakonischen Strafen gegen Andersdenkende vorgehen.

Bei den beiden nach Kabul verlegten Helikoptern handelt es um leichte Mehrzweckhubschrauber. Es sei geplant, damit in Kabul «kleinere Gruppen zu Evakuierender im Stadtgebiet aufzunehmen und sicher zum Flughafen zu transportieren», teilte die Bundeswehr mit. Die Hubschrauber dienten grundsätzlich dazu, Kräfte auf engen Landeplätzen abzusetzen, auch im innerstädtischen Raum und in Gebieten mit schlechter Infrastruktur.

Die beiden Maschinen sind Spezialkräften zugeordnet und wurden von den USA angefordert. Die US-Truppen flögen hauptsächlich mit grossvolumigen Hubschraubern und benötigten im städtischen Umfeld eine kleinere Maschine, sagte Generalinspekteur Eberhard Zorn am Freitag in Berlin. Im Einsatz sollen die Bundeswehrmaschinen immer von Hubschraubern der USA begleitet werden. «Das ist eine wirkliche Luftoperation. Das ist kein »Taxi-Service«», sagte Zorn. Die Helikopter des Kommandos Spezialkräfte (KSK) seien eigentlich auf die Befreiung von Geiseln ausgerichtet und sehr beweglich.

Bei den unter anderem mit A400M-Maschinen durchgeführten Evakuierungsflügen zwischen Kabul und der usbekischen Hauptstadt Taschkent sind inzwischen mehr als 1800 Menschen aus Afghanistan gebracht worden. In der Nacht auf Samstag brachte die Bundeswehr in einem ersten Flug 172 und in einem weiteren 7 Menschen aus dem Land. Um 11.04 Uhr startete am Samstag ein weiterer Flieger mit acht Schutzbedürftigen an Bord. Mehrere Militärtransporter der Bundeswehr pendeln zwischen Kabul und Taschkent, von wo aus die Evakuierten ihren Weiterflug nach Deutschland antreten sollen. Für Samstag sind laut Verteidigungsministerium bis zu sechs Evakuierungsflüge geplant. Es war allerdings zunächst unklar, wie Passagiere angesichts des weiter geschlossenen Zugangstores diese Flüge erreichen können.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach den Bundeswehrsoldaten in Afghanistan für den Einsatz zur Rettung von Deutschen und Ortskräften ihren «tiefen Dank» aus. Sie bezeichnete die Entwicklung in Afghanistan mit der Machtübernahme der Taliban als «Drama» und «Tragödie». Die afghanische Armee sei «in atemberaubendem Tempo kollabiert». «Wir wollten möglichst vielen Menschen in Afghanistan ein freies, ein gutes und selbstbestimmtes Leben ermöglichen», sagte Merkel. «Und da müssen wir einfach sagen: Das ist so nicht gelungen.»

Die Opposition im Bundestag wirft der Regierung vor, die Ausreise der afghanischen Helfer von Bundeswehr und Bundesregierung verschleppt zu haben. Grünen-Chef Robert Habeck sagte am Samstag in Dortmund: «Es ist nicht richtig, was aus der Bundesregierung gesagt wird, dass keiner wissen konnte, dass die Lage so eskaliert.»

Auch Unionskanzlerkandidat Armin Laschet warf Aussenminister Heiko Maas (SPD) Versagen vor. Der CDU-Vorsitzende sagte der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung»: «Seit April hätte sich das Auswärtige Amt besser um unsere Ortskräfte kümmern können und müssen.»

Der US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz entwickelt sich derzeit zu einem Drehkreuz für Flüchtlinge aus Afghanistan, die von den USA ausgeflogen werden. Die Vereinigten Staaten haben dort inzwischen mehrere Hundert Evakuierte abgesetzt. Die ehemaligen Ortskräfte der USA in Afghanistan und ihre Familien kommen zunächst in Flugzeughangars der Air Base unter. «Nach ihren Registrierungen und medizinischen Erstleistungen sollen sie in die USA geflogen werden», erklärte ein Sprecher. Dem Sprecher zufolge ist es vorerst nicht vorgesehen, dass die Afghanen das Militärgelände verlassen.

Das Zeitfenster für weitere Evakuierungen aus Kabul wird immer kleiner. Die USA wollen eigentlich zum 31. August den Abzug ihrer Truppen abschliessen. Die britische Regierung will einem Bericht zufolge US-Präsident Joe Biden überzeugen, die Rettungsmission aus Afghanistan über Ende August hinaus fortzusetzen. Das berichtete die «Times» am Samstag unter Berufung auf britische Regierungskreise.

Biden will die Taliban unter Druck setzen und Hilfen für Afghanistan während ihrer Herrschaft an «harte Bedingungen» knüpfen. So werde man genau verfolgen, wie die Islamisten ihre Landsleute und dabei speziell Frauen und Mädchen behandeln, sagte Biden in einer Ansprache am Freitag (Ortszeit). Biden zufolge stehen die USA in Kontakt mit den Taliban, um den Zugang zum Flughafen in Kabul zu gewährleisten. Sollten die Islamisten die Evakuierungsaktionen stören oder US-Truppen angreifen, werde es eine «starke Reaktion» geben.

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