Meret Schneider: «Halal, Koscher und die Doppelmoral»
Das Schächten spaltet die Gemüter. Meret Schneider kritisiert die einseitige Debatte um Halal- und Koscher-Fleisch. Eine Kolumne.

Das Wichtigste in Kürze
- Nationalrätin Meret Schneider (Grüne) schreibt auf Nau.ch regelmässig Kolumnen.
- Heute schreibt Schneider über die Debatte um den Import von Halal- und Koscher-Fleisch.
Alle paar Jahre wieder startet die Diskussion, die Emotionen erreichen ihren Siedepunkt: die Frage nach einem Importverbot von geschächtetem Fleisch.
Das Fleisch, das als Halal oder Koscher gilt, spaltet Tierschutzszene und die ganze Gesellschaft.
Losgetreten wird die hitzige Debatte über den Import von Halal- und Koscher-Fleisch, das geschächtet wurde, von einem Vorstoss. SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel verlangt darin ein Importverbot.

Religionsfreiheit in der Schweiz hat Einfluss
Gut zu wissen: Das Schächten ohne Betäubung ist in der Schweiz seit 130 Jahren verboten. Bei der Schlachtmethode werden die Tiere mit einem Halsschnitt getötet und bei Bewusstsein ausgeblutet.
Im Judentum und im Islam ist diese Schlachtungsmethode eine Bedingung für den Verzehr von Fleisch. Aufgrund der Religionsfreiheit ist der Import von Halal- und Koscher-Fleisch in die Schweiz gestattet.
Wenig überraschend fielen die Reaktionen auf den Vorstoss heftig aus. Und es geriet aus dem Fokus, worum es eigentlich gehen sollte: nämlich das Tierwohl.

Medial wurde beinahe ausschliesslich über die Auswirkungen auf Musliminnen und Muslime sowie Jüdinnen und Juden debattiert.
Es meldete sich der Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (FIDS) zu Wort. Und auch der Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) vermeldete, dass es für die jüdische Gemeinschaft keine Alternative des Fleischkonsums gebe.
Eine unschöne Debatte
Die Tatsache, dass ähnliche Begehren auch in der Vergangenheit bereits gestellt wurden, und dies nicht ohne antimuslimischen bzw. antisemitischen Hintergrund, trug nicht unbedingt zur Entspannung oder einem rationalen Dialog bei.
In den sozialen Medien und den Kommentarspalten entbrannte eine unschöne Debatte, im Zuge der klar antisemitische, antimuslimische und teils schlicht menschenverachtende Äusserungen getätigt wurden.
Auch mir wurde heftigstens Doppelmoral und Heuchelei vorgeworfen, weil ich den Vorstoss nicht mitunterstütze.
Importverbot von sämtlichem Fleisch
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass ich der Motionärin vorgeschlagen hatte, einen Vorstoss zu lancieren, der ein Importverbot von sämtlichem Fleisch fordert, das nicht nach Schweizer Tierschutzstandards geschlachtet wurde.
Warum schliesslich sollten wir importieren, was wir in der Schweiz aus guten Gründen verbieten?
Diese Art der doppelten Standards ist mir immer wieder ein Dorn im Auge. Dieses umfassendere Importverbot ging der Motionärin aber zu weit. Sie beschränkte ihren Vorstoss auf Halal und Koscher, womit sie exakt die mediale Debatte lostrat, die ich ihr vorausgesagt hatte.
Ein «Geschmäckle»
Tatsächlich wäre ich für ein Importverbot sämtlichen Fleisches, das tierschutzwidrig geschlachtet wurde – ja, auch für Halal- und Koscher-Fleisch, aber eben nicht nur.
Religionsfreiheit endet in meinen Augen dort, wo sie massives Leid auf Seiten anderer empfindungsfähiger Lebewesen verursacht, was beim Schächten definitiv der Fall ist.
Eine einseitige Kampagne gegen Halal und Koscher, ohne andere tierschutzwidrige Praktiken zu adressieren, hat aber (auch aus historischen Gründen) ein «Geschmäckle».

Ich werde daher, mit Unterstützung anderer Ratskolleginnen, einen Vorstoss für ein Importverbot von allem tierquälerisch geschlachtetem Fleisch lancieren.
Und ich bin auf die Argumentation gespannt, warum ein Importverbot von Halal und Koscher, nicht aber für alles tierschutzwidrige Fleisch, gelten soll.
Zur Person
Meret Schneider (33) ist Mitglied des Schweizer Nationalrats. Sie arbeitet als Projektleiterin beim Kampagnenforum. Weiter ist sie Vorstandsmitglied der Grünen Partei Uster ZH.







