Normal ist heute kaum mehr etwas oder möglicherweise zu vieles. Wie geht es Ihnen in dieser Zeit?
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Normierte Vorstellung. - Unsplash

Das Wichtigste in Kürze

  • Wir folgen Normen, ob wir wollen oder nicht.
  • Wir entscheiden individuell und kollektiv, welche Normen relevant sind.
  • André Gassmann ist Coach und schreibt für Nau.ch über die Wahrnehmung unserer Welt.

«Was ist nur aus dieser Welt geworden?». Was ich im Vorbeigehen aus Gesprächsfetzen mitbekomme, lässt mich innerlich stehenbleiben. Die Art wie die Personen es sagen lässt vermuten, sie meinen wohl, es «laufe nicht normal». Auf was genau sie es beziehen weiss ich nicht. Unwetter, Weltgeschehen, Einzelschicksal - vielleicht ein wenig von allem.

Normen regeln, wie Dinge laufen sollten oder auch, welche Anforderungen erfüllt werden. Sie sind menschgemacht. Was für industrielle Standards wie die Sitzhöhe noch plausibel klingt, wird bei Normen zum Leben schon kritischer.

Halten Sie sich für normal?

«Gurkengerade»

Wenn Ihnen die Verordnung (EWG) Nr. 1677/88 nichts sagt, dürfen Sie beruhigt sein. In ihr war festgesetzt, dass Gurken auf 10 Zentimeter Länge nur 10 Millimeter Krümmung aufweisen dürfen. Bizarr nicht?

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Ob die Gurke passt, entscheidet die abgelaufene Norm. - Unsplash

Nützlich für die Industrie, irrelevant für den Menschen und alles andere als Teil einer natürlichen Ordnung. Sie ist zwar seit 2009 ausser Kraft, wirkt aber trotzdem noch, weil viele Gemüsehändler daran festhalten.

Gewohnheit zur Norm

Normen prägen uns, ob wir wollen oder nicht und wir gewöhnen uns zwangsläufig daran. Ich sehe es so: Entweder fallen uns die Dinge ausserhalb der Norm auf oder sie verschwinden in der mathematischen Unwesentlichkeit. Beides führt nicht zum Ziel.

Sie möchten ein krasses Beispiel zu zweiterem? In der Schweiz scheiden zwei bis drei Menschen täglich freiwillig aus dem Leben. Es ist also der Norm entsprechend, dass jährlich mehr als 1’000 Menschen ihr Leben vorzeitig beenden.

Finden Sie das normal? Mathematisch zwar korrekt, ist dies keine erstrebenswerte Norm und doch gewöhnen wir uns daran.

Zwischen der mathematischen Norm und dem, was Sie und ich individuell als sozial normal empfinden können, liegen Welten. Eine gern gebaute Brücke dazwischen sind immer weitere Normen, die uns verbesserte Orientierung und Verhaltensweisen versprechen - mit welchen Vorteilen auch immer.

Warum nur immer die Norm?

Ich beobachte, dass der einfachste Weg zur Akzeptanz, jener über die soziale Norm zu sein scheint. Alternativen? Fehlanzeige!

Ich gebe zu, mein Verhältnis zur Norm ist als bekennender Fan von Menschen mit Ecken und Kanten gespalten und ich lasse offen, wie ich mich am Ende meines Lebens entscheiden werde.

Wer selbst ein wenig anders fühlt, als es die Mehrheit es tut, möchte dies nicht unbedingt täglich unter die Nase gerieben bekommen.

Geschichte als Leerlauf

Wie uns die Geschichte lehrt, bringt die Norm als erstrebenswerter Zustand zeitgleich Benachteiligung für jenes ausserhalb der Norm mit sich.

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Die Farben sollen es richten? - Pexels

Und der Mechanismus hat auch heute leichtes Spiel, wie die aktuellen Diskussionen und Bestrebungen beispielsweise um Diversität zeigen. Etwas das sich ausserhalb der Norm befindet, soll zur neuen Norm werden. Wer anders denkt, wird ausgegrenzt und die nun Ausgegrenzten werden, um dazuzugehören, selbst zu Ausgrenzenden. Pure Ironie, nicht wahr?

Nehmt der Norm die Last!

Zurück zu den einleitenden Gesprächsfetzen. Aus dieser Welt wird, was wir individuell wahrnehmen, denken und fühlen und kollektiv umsetzen. Ich erfülle primär meine eigenen Vorstellungen und Ansprüche und dafür setze ich mich gerne ein.

Vielfalt existiert ganz natürlich und unabhängig von unseren sozialen Normen und wir sollten lernen, die Vielfalt ohne Bewertung zu akzeptieren, anstatt dem Normierungswahn zu verfallen.

Individualität braucht Mut und Sichtbarkeit. Daran wird keine Norm etwas ändern können, ob normal oder nicht.

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Der Autor
André Gassmann. - zVg

Über den Autor: André Gassmann ist Coach für erweiterte Intuition und Wahrnehmung, Dozent, Kommunikationsexperte und Ritual- und Zeremonienleiter. Gemeinsam mit seiner Frau Karin unterstützt er als «Die Heldenflüsterer» Menschen im Erforschen und Integrieren ihrer Feinfühligkeit ins Leben. Er entdeckt täglich eine Welt, wie er sie noch nie gesehen hat.

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