Deshalb sind Tech-Oligarchen die Feinde der Menschheit

    Marko Kovic
    Marko Kovic

    Flawil,

    Kolumnist Marko Kovic fragt, was hinter den apokalyptischen Warnungen der Tech-Bosse steckt. Ist es Ideologie oder Geschäftsmodell?

    Marko Kovic
    Marko Kovic schreibt regelmässig Kolumnen auf Nau.ch. - zVg

    Das Wichtigste in Kürze

    • Der bekannte Sozialwissenschaftler Marko Kovic schreibt regelmässig Kolumnen auf Nau.ch.
    • Heute schreibt Kovic über die Macht der Tech-Oligarchen.
    • Er hinterfragt, ob die Weltuntergangsrhetorik der Tech-Bosse Ideologie oder Geschäftsmodell ist.

    Was haben die Tech-Oligarchen Peter Thiel, Elon Musk und Mark Zuckerberg gemeinsam? Sie waren alle mit Jeffrey Epstein befreundet. Das ist aber nicht ihre einzige Gemeinsamkeit. Tech-Oligarchen sehen sich nicht bloss als Unternehmer. Sie sind Visionäre, die Grosses vorhaben.

    Sie denken darüber nach, wie die Welt gegenwärtig ist und wie sie in Zukunft sein soll. Aber was genau wollen sie? Wir wissen es nicht bei allen.

    Aber zum Beispiel Elon Musk verkündet seine Visionen klar und deutlich.

    Musk bezeichnet sich als Anhänger des effektiven Altruismus. Das ist die utilitaristisch inspirierte Idee, dass wir die moralische Pflicht haben, so viel Leid wie möglich zu verhindern – und so viel Glück wie möglich zu fördern.

    Mehr noch: Musk behauptet sogar, dass er die gesamte Menschheit retten will.

    Er baut Raketen, mit denen wir zu anderen Planeten reisen, damit die Menschheit überlebt, wenn auf der Erde etwas katastrophal Schlimmes passiert.

    Elon Musk
    Elon Musk. - keystone

    Das klingt für sich genommen gut. Besseres Leben für möglichst viele Menschen.

    Aber: In der Praxis macht Musk nichts dergleichen. Im Gegenteil: Er hat so viele Menschen «umgebracht» wie kaum jemand anderes in diesem Jahrhundert.

    Musk war Chef des «Department of Government Efficiency» (DOGE). Die erklärte Mission von DOGE war, Ineffizienz bei Staatsausgaben zu reduzieren. Und damit die Staatsausgaben insgesamt zu senken.

    Auf den ersten Blick ist das eine vernünftige Idee: Geld, das wegen ineffizienter Abläufe verschwendet wird, kann man für andere Dinge ausgeben oder es sich ganz sparen.

    Tatsächlich hat DOGE aber in keiner Weise die Effizienz von Staatsausgaben erhöht. Die einzige nachhaltige Leistung, die Musk mit DOGE erbracht hat, ist die Zerstörung der Behörde für Entwicklungszusammenarbeit USAID.

    So verkündete Musk im Februar 2025 auf X (ehemals Twitter) stolz, dass er und sein DOGE-Team USAID durch den Holzhäcksler gejagt haben.

    Musk verkündete im Februar 2025 auf X stolz, dass er und sein DOGE-Team USAID durch den Holzhäcksler gejagt haben.
    Musk verkündete im Februar 2025 auf X (ehemals Twitter) stolz, dass er und sein DOGE-Team USAID durch den Holzhäcksler gejagt haben. - X/@elonmusk

    Musks Kahlschlag hat drastische Konsequenzen, denn USAID war eines der grössten Entwicklungshilfe-Programme der Welt.

    Dessen Projekte in Bereichen wie HIV, Malaria, tropischen Krankheiten, Tuberkulose, Mangelernährung oder Mutter- und Säuglingsgesundheit haben ungemein viel Leid verhindert. Und Leben gerettet. Das ist nun weitgehend vorbei.

    750’000 Menschen gestorben

    Die Einstellung der meisten USAID-Programme hatte zur Folge, dass innerhalb eines Jahres 250’000 erwachsene Menschen gestorben sind – und über 500’000 Kinder.

    Auch wenn die ganz präzisen Zahlen schwer zu bestimmen sind: Elon Musk hat höchstwahrscheinlich das Blut von Hunderttausenden Menschen an seinen Händen. Doch die Katastrophe endet damit nicht.

    Wenn die Programme weiterhin eingestellt bleiben, könnten gemäss einer Schätzung bis 2030 weltweit über acht Millionen Menschen sterben, darunter mehr als drei Millionen Kinder (acht Millionen sind das konservative untere Ende der Schätzung).

    Damit würde Musk, wenn die Schätzung zutrifft, den Tod von Millionen Menschen verursachen. Das ist eine Grössenordnung des Leids, die wir sonst mit Figuren wie Mao, Hitler oder Stalin assoziieren.

    Der Kontrast zwischen dem, was Musk vorgibt zu tun, und dem, was er tatsächlich macht, ist monströs. Der Widerspruch ist so kategorisch, dass er surreal wirkt.

    Man findet ähnliche Widersprüche aber nicht nur bei Elon Musk: Sam Altman von OpenAI und Dario Amodei von Anthropic, die Chefs der vielleicht bedeutendsten KI-Unternehmen, warnen mit Nachdruck vor den massiven Risiken künstlicher Intelligenz.

    Aber genau sie sind eben zwei zentrale Entscheidungsträger, die das KI-Wettrüsten vorantreiben.

    Sam Altmann
    Sam Altmann. - keystone

    Warum beenden sie die Entwicklung von KI nicht einfach, wenn sie wissen, wie gefährlich diese Technologie ist? Vielleicht, weil sie Endzeit-Faschisten sind. Vielleicht, weil sie Endzeit-Scharlatane sind.

    Apokalyptische Pläne

    Die Autorinnen Naomi Klein und Astra Taylor beschreiben in ihrem Buch «End Times Fascism and the Fight for the Living World» die ideologischen Umrisse des Endzeit-Faschismus.

    Das ist eine diffuse eschatologische (endzeitliche) Weltanschauung, bei der es nicht darum geht, Probleme zu lösen. Und eine stabile Zukunft für alle zu ermöglichen.

    Stattdessen geht es darum, die apokalyptische Vision des Kollapses als Gelegenheit zu nutzen, um die Gesellschaft in ihrem Sinn umzugestalten. Peter Thiel hat schon vor bald 20 Jahren verkündet, dass für ihn Freiheit und Demokratie nicht kompatibel seien.

    Heute ist er einer der mächtigsten Menschen auf dem Planeten. Der amerikanische Vizepräsident JD Vance ist sein ideologischer Zögling. Und mit Unternehmen wie Palantir ist Thiel ein Vorreiter des techno-autoritären Umbaus demokratischer Staaten.

    Thiel hält zudem auch Vorlesungen über den Antichristen. Der Antichrist, so Thiel, verbreite die Botschaft von Frieden und Sicherheit.

    Zu diesem Zweck fordere der Antichrist, Technologien wie KI oder Probleme wie Klimawandel gemeinsam und international zu bekämpfen. Das sei aber nur ein Trick, um eine globale Diktatur einzuführen.

    Darum könnten Personen wie die Aktivistin Greta Thunberg, die sich gegen Klimawandel einsetzt, in Wahrheit der Antichrist sein. Die Idee, dass wir etwas gegen grosse gesellschaftliche Probleme machen sollten, ist in Thiels Endzeit-Lehre also falsch.

    Wer Regulierung fordert, damit wir eine nachhaltige oder überhaupt eine Zukunft haben, ist der Antichrist.

    Nicht alle Tech-Oligarchen sind derart explizit wie Thiel von der Endzeit besessen. Aber viele von ihnen haben eine ähnliche Stossrichtung wie Thiel: Etwas ganz Schlimmes steht bevor. Und nur sie wissen, wie damit umzugehen ist.

    Das Ergebnis solcher Gedankengänge ist in der Regel recht konfus.

    Peter Thiel warnt, dass der Antichrist eine totalitäre Diktatur einführen will. Aber genau Peter Thiel ist explizit Antidemokrat und trägt unter anderem mit Palantir zu einem totalitären Überwachungsapparat bei. Wenn es einen Antichristen gibt, dann ist es Peter Thiel.

    usaid
    «Die Einstellung der meisten USAID-Programme hatte zur Folge, dass innerhalb eines Jahres 250’000 erwachsene Menschen gestorben sind – und über 500’000 Kinder.» (Symbolbild) - keystone

    An dieser Stelle sage ich etwas, was überraschend klingen mag: Die Prämisse des Endzeit-Faschismus ist nicht gänzlich falsch.

    Ich bin auch davon überzeugt, dass wir so nahe am totalen zivilisatorischen Kollaps sind wie noch nie.

    Steigende zivilisatorische Komplexität in Verbindung mit steigenden multiplikativen Risiken durch neue Technologie bedeutet, dass das System als Ganzes heute so zerbrechlich und so bedroht ist wie noch nie.

    Wachsende Zahl von Risiken

    Vor rund hundert Jahren war die Vorstellung, dass die Menschheit als Ganzes ihr Ende finden könnte, abenteuerlich.

    Heute sind wir mit einer wachsenden Zahl technologiebedingter Risiken konfrontiert, die genau das bewirken können: Atombomben, Klimawandel, künstliche Intelligenz, Pandemien, Biotechnologie.

    Der Umgang mit systemischen Risiken ist das, was Menschen mit intaktem moralischen Kompass von Endzeit-Faschisten unterscheidet.

    Normale Menschen wollen systemische Risiken abbauen, damit es möglichst wenig Leid und möglichst viel Glück für möglichst viele Menschen gibt.

    Endzeit-Faschisten sehen systemische Risiken als Chance, um die Welt zu dem umzuformen, was in ihren grössenwahnsinnigen Köpfen vor sich hin fermentiert.

    Wenn Elon Musk auf einen Schlag mehrere Hunderttausend Menschen umbringt, ist das für ihn kein Widerspruch zu seinem Selbstbild als Retter der Menschheit. Es ist nicht mal eine sanfte Irritation. Es spielt überhaupt keine Rolle.

    Musk rettet uns irgendwann irgendwie mit seinen Raketen. Es ist egal, was er im Hier und Jetzt macht.

    Ist die Rhetorik bloss Geschäftsmodell?

    An dieser Stelle kann man einwenden, dass Endzeit-Faschismus als Erklärung für die apokalyptischen Töne von Tech-Bossen gar nicht nötig ist. Denn die Rhetorik vom Weltuntergang kann einen einfacheren Grund haben: Es ist gut fürs Geschäft.

    Tech-Oligarchen wie Elon Musk oder Peter Thiel haben durchaus faschistoide Überzeugungen und verhalten sich entsprechend menschenverachtend. Aber es geht wahrscheinlich zu weit, allen Tech-Bossen vorzuwerfen, so zu ticken.

    Die meisten von ihnen sind zwar willige Mitläufer im ideologischen Fahrwasser von Trump und Co. Aber: Wenn beispielsweise Dario Amodei und Sam Altman davor warnen, dass ihre KI das Ende der Welt bedeuten könnte, ist es möglich, dass das einfach Werbung ist.

    Viele Tech-Unternehmen, besonders die grossen KI-Hersteller, sind sehr unprofitabel. Das Trainieren und der Betrieb der Chatbots kostet Monat für Monat viele Milliarden. Und der Umsatz hinkt bisher stark hinterher.

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    Viele Tech-Unternehmen, besonders die grossen KI-Hersteller, sind sehr unprofitabel. (Symbolbild) - keystone

    Damit die eigenen Produkte im Gespräch bleiben und damit vielleicht noch mehr Menschen sie benutzen, ist es darum ganz nützlich, wenn die Medien ständig darüber berichten. Und wenn User auf Social Media ständig darüber reden, wie gefährlich diese Produkte sind.

    Wenn man hört, dass ChatGPT Texte zusammenfassen und beim Programmieren helfen kann, ist das weniger beeindruckend als wenn man hört, dass ChatGPT die Welt zerstören wird.

    Wenn ein Chatbot so gefährlich ist, dass man ständig darüber berichten muss, dann muss der Chatbot auch sehr gut sein. Das verlockt sowohl uns als Endnutzer als auch grosse Investoren, weiter am Ball zu bleiben.

    Geld ist natürlich der gemeinsame Nenner aller Tech-Bosse. Auch eingefleischte Endzeit-Ideologen wie Musk und Thiel wollen reich bleiben und noch reicher werden.

    So gesehen, könnte das Gerede vom Ende der Welt tatsächlich nur ein rhetorisches Mittel sein, um Aufmerksamkeit zu generieren. Und damit noch mehr Geld zu kassieren.

    Findest du, dass Tech-Oligarchen zu viel Macht haben?

    Aber auch wenn dem so wäre: Das macht die Situation nicht besser.

    Auch wenn die KI-Bosse nur Panik schüren, um Geld zu verdienen, richten ihre Produkte massiven Schaden an, der noch viel grösser werden könnte.

    Auch wenn Musk weiss, dass er nie Siedlungen auf anderen Planeten erschaffen wird, sind die hunderttausenden Menschen, die er über seine Zerschlagung von USAID umgebracht hat, tot.

    Vom Neuland in die Finsternis

    Meine Meinung über die Drahtzieher von Big Tech hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Auch nach Trumps erstem Wahlsieg 2016 sah ich Plattformen und deren Betreiber als weitgehend neutral.

    Ich hatte grossen Respekt vor der unternehmerischen Leistung der Tech-Bosse. Und ich dachte, dass Kritiker übertreiben, wenn sie den Tech-Bossen unlautere Motive unterstellen.

    Fehler passieren, klar, aber das Internet ist doch für uns alle Neuland, um Angela Merkels berühmtes Bonmot aufzugreifen.

    Ich war damals sehr naiv. Denn schon vor zehn Jahren zeichnete sich deutlich ab, dass Tech-Unternehmen alles andere als neutral sind.

    Viel Geld bedeutete immer schon viel Macht. Die Tech-Bosse von heute haben so viel Geld und damit so viel Macht, dass sie die Welt massgeblich nach ihren Vorstellungen umbauen können.

    Marko Kovic.
    Sozialwissenschaftler Marko Kovic schreibt regelmässig Kolumnen auf Nau.ch. - zvg

    Es ist letztlich unwesentlich, ob die Tech-Oligarchen überzeugte Endzeit-Faschisten oder geld- und machtgierige Endzeit-Scharlatane – oder eine Kombination davon sind.

    Sie verursachen massives Leid. Und erschaffen die systemischen Risiken, die genau in jenen Kollaps führen, vor dem sie warnen. Sie sind Feinde der Menschheit.

    Zur Person

    Marko Kovic ist Gesellschaftskritiker. Er interessiert sich für gesellschaftlichen Wandel und die Frage, ob wir noch zu retten sind. Er lebt in Uzwil SG.

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