Alexandra Lüönd: «Die Work-Life-Balance ist ein Mythos»
«Wer seinen Job wirklich liebt, hört auf, zwischen «Work» und «Life» zu unterscheiden», schreibt unsere Kolumnistin Alexandra Lüönd.

Das Wichtigste in Kürze
- Alexandra Lüönd schreibt eine monatliche Kolumne über Beauty-Themen.
- Heute schildert sie, was es braucht, um ein Unternehmen zu gründen und zu führen.
Wer eine Work-Life-Balance will, sollte kein Unternehmen gründen. Denn am Anfang gibt es keine Balance. Es gibt nur: Durchhalten oder aufgeben!
Als ich mein Unternehmen startete, arbeiteten mein Bruder Patrick und ich oft 14 Stunden täglich.

Wir putzten die Toiletten, schrubbten abends die Klinikböden, empfingen Patienten an der Rezeption und koordinierten Termine.
Gleichzeitig entwickelten wir die Strategie für ein Unternehmen, das heute Marktführer ist.

Ich habe dafür viele Geburtstage verpasst. Ich habe durchgearbeitet, während meine Freunde am See lagen oder im Club tanzten. Ich habe auf Freizeit, Beziehungen und Schlaf verzichtet.
Bereut habe ich das nie. Denn ich liebe meinen Beruf. Die Arbeit fühlte sich nie wie Arbeit an. Meine Ideen umzusetzen und etwas zu bewegen, lässt mich jeden Morgen mit einem Lächeln aufstehen.
Ich glaube nicht an eine Work-Life-Balance. Wer seinen Job wirklich liebt, hört irgendwann auf, zwischen «Work» und «Life» zu unterscheiden. Beides verschmilzt.
Von nichts kommt nichts
Wer für eine Idee brennt, muss bereit sein, alles dafür zu geben.
Denn wer glaubt, Erfolg entstehe durch Glück oder weil man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, sieht nur das Ergebnis, nicht den Weg dorthin. Man sieht den Glamour, das Geld und den Erfolg. Aber nicht die durchgearbeiteten Wochenenden, die schlaflosen Nächte, die Zweifel, wenn man alleine im Büro sitzt.
Und die gehören für Gründer dazu.
Sara Blakely, Gründerin des Milliardenunternehmens «Spanx», arbeitete tagsüber in ihrem Job und verkaufte Faxgeräte und verbrachte die Nächte damit, Stoffe, Patente und Markenrechte zu recherchieren.
Für Bill Gates gab es in den Anfangsjahren kein Leben neben Microsoft. Es gab nur Microsoft. Er arbeitete teils 72 Stunden am Stück, bis er erschöpft unter dem Bürotisch einschlief.

Aussergewöhnliche Resultate entstehen nicht nur durch Glück, sondern weil jemand bereit war, das zu tun, was andere nicht tun wollten.
Wer kämpft, wird stärker
Harte Arbeit allein reicht nicht. Man muss auch lernen, Rückschläge zu verkraften. Resilient zu sein.
Die Entwicklungspsychologin Emmy Werner hat das wissenschaftlich untersucht. In ihrer Kauai-Studie begleitete sie 40 Jahre lang 698 Kinder, die unter schwierigen Bedingungen heranwuchsen. Ein Drittel von ihnen entwickelte sich trotzdem zu selbstbewussten, stabilen Erwachsenen.
Ihr Fazit: Resilienz entsteht unter anderem durch Optimismus, Problemlösungsfähigkeit und stabile Bezugspersonen im Leben.
Resilienz lässt sich ein Leben lang weiterentwickeln. Sie entsteht, wenn man durchbeisst. Durch Rückschläge, die man überlebt.
Ich bin jedes Mal, wenn ich gefallen bin, wieder aufgestanden. Wütend. Entschlossen. Und grösser als zuvor.

Einen Teil dieser Haltung verdanke ich meiner peruanischen Seite. In Peru wartet niemand auf ideale Bedingungen. Man arbeitet mit dem, was man hat.
Auch wenn der Strom ausfällt und fünf Dinge gleichzeitig schieflaufen. Man sagt: «Simplemente hazlo» – «Just do it!»
Es gibt eine Zeit für alles
Zum Unternehmertum gehört aber auch, zu erkennen, wann es Zeit ist, Verantwortung abzugeben.
Im Sommer 2025 übergab ich das CEO-Amt an meinen Bruder Patrick. Seither führe ich mein Unternehmen strategisch als Verwaltungsratspräsidentin. Ich habe gelernt, nicht mehr immer sofort zu rennen, wenn es irgendwo brennt. Sondern meinem Team zu vertrauen.
Zur Autorin
Alexandra Lüönd ist eine führende Unternehmerin im Beauty- und Medical-Retail. Als Gründerin der Beauty2Go-Kliniken sowie «Brows & Brows» schuf sie die grössten Ästhetik-Ketten in der Schweiz. Mit «Brows & Brows» revolutioniert sie die PMU-Branche. Die 38-Jährige schreibt regelmässig Kolumnen für Nau.ch.
Ich habe mein Pensum auf 80 Prozent reduziert und letzten Sommer habe ich zum ersten Mal seit fast zehn Jahren sechs Wochen Ferien genossen. Davor waren es maximal zehn Tage.
Das heisst nicht, dass ich keine grossen Pläne mehr habe. Im Gegenteil. Aber ich habe verstanden: Zum Wachsen gehört auch Loslassen.
Work-Life-Balance ist ein Luxus, den man sich erst leisten kann, wenn man den harten Teil hinter sich hat. Und den harten Teil, den muss man wollen.








