Der Griff zu Schokolade oder Chips hat oft mit mehr als der Lust auf Süsses oder Salziges zu tun. Es ist für die Seele. Und das nennt man emotionales Essen.
Stress Schokolade Lust Zwang
Nur Lust oder schon Zwang, weil Sie Stress nur noch mit Schokolade verarbeiten können? - Unsplash
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Das Wichtigste in Kürze

  • Bei vielen Menschen ist Essen seit der Kindheit an seelisches Befinden geknüpft.
  • Viele Erwachsene greifen besonders in Stresssituationen zu Essen.
  • Diese Folgehandlung kann im schlimmsten Fall zu einer Essstörung führen.
  • Achtsamkeit für das eigene Essverhalten ist der erste Schritt aus der Negativspirale.

Mit Süssigkeiten einen stressigen Tag vor dem Fernseher abschliessen – das kann sich anfühlen wie eine Form von Selbstfürsorge. Wenn Sie eine solche Situation kennen, sind sie damit nicht allein.

Denn: Was wir essen, hängt nicht nur von unserem Hungergefühl ab. Es hat vielmehr mit Gewohnheiten und Emotionen zu tun. Letztere regulieren wir oft mithilfe von Essen.

Plakativ gesagt: Wir bauen darauf, dass es uns die Tafel Schokolade leichter macht, mit Traurigkeit, Wut oder Stress umzugehen.

Verknüpfung zwischen Essen und Geborgenheit

«Wenn wir essen, stossen wir unter anderem Glückshormone aus, die dabei helfen, unser Anspannungssystem im Körper zu beruhigen», sagt die Psychologin Cornelia Fiechtl. «Essen kann bestärken und trösten, was uns dann besser fühlen lässt.»

Schokolade Belohnung Kindheit
Dass Schokolade als Belohnung taugt, haben viele von uns in ihrer Kindheit gelernt. - dpa

Warum das so ist, weiss Nora-Sophie Nöh, psychologische Beraterin, Heilpraktikerin und Körpertherapeutin. «Bei vielen Menschen ist das Essverhalten stark an seelisches Befinden geknüpft.»

Schon früh in unserem Leben lernen wir, dass wir über die Nahrungsaufnahme Emotionen regulieren können.

Eine mögliche Erklärung: Säuglinge, die gestillt werden, verknüpfen die Erfahrung von Nahrungsaufnahme mit Gefühlen wie Geborgenheit und Nähe. «Später im Kindesalter ist es auch ganz typisch, dass wir mit Süssigkeiten getröstet oder belohnt werden», sagt Nora-Sophie Nöh.

Essen reguliert das Nervensystem

Emotionales Essen kommt vor allem in Stresssituationen vor. Aber auch bei Enttäuschung, Streit oder Einsamkeit. Um diese Muster bei sich selbst zu entdecken, ist es wichtig, das Essverhalten in den Blick zu nehmen.

«Man muss sich selbst beobachten, um zu merken, wann ein besonderer Gusto auf etwas Süsses kommt», sagt Cornelia Fiechtl. Hinter diesem Gusto stecke nämlich meist eine erhöhte Anspannung in unserem Nervensystem.

Chips Handvoll Snacks belohnen
Jetzt eine ordentliche Handvoll Chips! Nach einem anstrengenden Tag liegt der Gedanke nahe, sich mit leckeren Snacks zu belohnen. - dpa

Wer dann keinen Weg findet, diese Anspannung zu verarbeiten oder auszudrücken, sucht sich laut Nora-Sophie Nöh oft Hilfsmittel. «Das kann das Essen sein, eine Zigarette oder ständiger Smartphone-Konsum.»

Den Körper wieder spüren

Dazu kommt: Durch das Naschen steigt der Blutzuckerspiegel, wir bekommen einen regelrechten Energieschub. Deshalb fällt es schwer, zu widerstehen.

«Vielen hilft das Essen dabei, den Körper wieder mehr zu spüren. Das ist kurzfristig etwas Positives, aber langfristig kann es zu einer Abhängigkeit kommen», warnt Nora-Sophie Nöh.

Ausserdem kann ein solches Essverhalten die Darmflora beeinflussen. «Wenn wir viele Süssigkeiten essen und einen hohen Zuckerkonsum haben, verändern sich auch unsere Darmbakterien», sagt Nöh.

Dabei spielt die Darmflora eine wichtige Rolle bei der Produktion von Glückshormonen. «Eine schlechte Ernährung kann sich dann negativ auf unsere Stimmung auswirken.» Langfristig können uns Süssigkeiten damit sogar eher unglücklich machen.

Essen mit negativem Beigeschmack

Wann das emotionale Essen bedenklich wird, ist individuell. «In dem Moment, wo es zu einem Leidensdruck der Person kommt, wird es zum Problem», sagt Psychologin Fiechtl.

«Wenn eine Person ständig ein schlechtes Gewissen hat oder das Gefühl bekommt: Ich habe das nicht mehr im Griff, ich verliere die Kontrolle.» Dann sei das Essen immer mit einem negativen Beigeschmack behaftet und belaste Betroffene.

Zudem seien Schuld- und Schamgefühle wichtige Anzeichen, sagt Nora-Sophie Nöh. «Wenn das Essen mit einer Gewichtszunahme einhergeht oder sich die Betroffenen für fehlende Disziplin schämen.»

Schlimmstenfalls kann das emotionale Essen in eine Essstörung führen – übrigens auch, wenn man sich dadurch Mahlzeiten verbietet.

Dem Teufelskreis entkommen

Um sich von emotionalem Essverhalten zu lösen, muss man sich in Achtsamkeit üben. «Essentiell ist es, die eigenen Gefühle zu beobachten. Viele Betroffene haben den emotionalen Essdrang, wenn sie extrem viel um die Ohren haben, aber gleichzeitig nicht viele Ressourcen im Alltag», sagt Fiechtl.

Ressourcen können sein: kleine Auszeiten, Bewegung oder Hobbys. Also kleine Inseln des Alltag, die uns Energie geben.

Emotionales Essen Essstörung Mahlzeiten
Emotionales Essen kann im schlimmsten Fall zu einer Essstörung führen - entweder, weil man übermässig viel isst oder weil man sich Mahlzeiten verbietet. - dpa

Oft ist auch ein Problem, dass das Essverhalten automatisiert ist. «Wir greifen in den Schrank, nehmen die Schokolade raus und denken gar nicht gross drüber nach», sagt Nora-Sophie Nöh. «Der erste Schritt wäre aber eine Unterbrechung zwischen dem Bedürfnis und der Reaktion.»

Denn dann ist Raum für Alternativen. Wichtig sei dabei, den Körper wieder zu fühlen.

«Durch spezielle Körperübungen oder Atemtechniken kann man wieder in den Kontakt mit sich selbst finden. Aber auch Sport, Yoga oder Musik können hilfreich sein. Nur so hat man eine Chance, diesem Automatismus zu entkommen», sagt Nöh.

Das gesunde Mass finden

Emotionen und Essverhalten sind allerdings so eng verknüpft, dass wir sie nicht in jeder Situation voneinander trennen können. «Wenn man Liebeskummer hat oder im Stress ist, dann ist es völlig in Ordnung mal ein bisschen mehr Schokolade zu essen», sagt Nöh.

Zudem sei in unserer Gesellschaft emotionales Essen fest verankert, wie Cornelia Fiechtl sagt. «Kaffee und Kuchen essen wir ja auch nicht, weil wir Hunger haben. Da geht es darum, zusammen zu feiern und zu essen.»

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