«Sämi Gigers Schritt zum Profi-Schwinger verdient Respekt!»

    Thomas Renggli
    Thomas Renggli

    Weinfelden,

    Schwinger Samuel Giger macht öffentlich, dass er als Profi unterwegs ist. «Das ist alles halb so wild», findet Nau.ch-Kolumnist Thomas Renggli.

    Thomas Renggli
    Der Zürcher Thomas Renggli ist Schwing-Experte. - zvg

    Das Wichtigste in Kürze

    • Der Zürcher Thomas Renggli ist Schwing-Experte und Autor von zwei Büchern.
    • Heute schreibt er über Samuel Giger, der öffentlich erklärt, als Profi unterwegs zu sein.
    • Auf der Schwägalp kann der Rekord-Sieger verletzt nicht mittun.

    Es hat nicht gereicht: Das Schwägalp-Aus von Samuel Giger ist bestätigt. Trotzdem wird auch am letzten Bergkranzfest der Saison viel über den Modellathleten diskutiert werden.

    Samuel Giger
    Schwägalp-Rekordsieger Samuel Giger kann auf der Schwägalp nicht mittun. - keystone

    Sämi Giger: Jahrelanges Vorbild

    Der 28-jährige Thurgauer mit Appenzeller Wurzeln (194 Zentimeter pure Muskelmasse, 123 Kilo Wasserverdrängung) war jahrelang das Vorbild der Traditionalisten.

    Samuel Giger
    Samuel Giger am ESAF 2025. - keystone

    Während die Konkurrenz bereits wie wandelnde Werbesäulen über die Schwingerplätze marschierte – man denke an Kilian Wenger als wandelnde Migros-Filiale oder Christian Stucki als Lidl-Harass-Träger –, blieb Giger eisern.

    Christian Stucki
    Im Gegensatz zu (Ex-)Schwingern wie Christian Stucki hat Samuel Giger lange auf Sponsoren verzichtet. - keystone

    Keinen Manager, kein Instagram, keine Sponsorenlogos auf der Mütze. Wer dem Thurgauer Geld bot, blitzte ab. «Ich brauche das nicht, ich fahre lieber LKW», war seine Devise.

    Für die Verbands-Garde verkörperte er das Idealbild des bescheidenen, bodenständigen Schwingers.

    Verrat an den Grundwerten?

    Doch nun der pekuniäre Brienzer, der im Schwingkeller für reichlich Gesprächsstoff sorgt: Sämi hat den Lastwagen-Schlüssel an den Nagel gehängt, lässt sich von Partnern wie Lidl alimentieren und bezeichnet sich allen Ernstes als – man halte sich am Zwilch fest – Profi-Schwinger.

    Samuel Giger
    Samuel Giger wird offiziell Der erste Profi-Schwinger. - keystone

    Und der Wandel geht weiter: Nun macht der Unspunnen-Sieger auch offiziell Nägel mit Köpfen. Und schliesst sich der renommierten Agentur EP an, die sonst Sprint-Grössen wie Mujinga und Ditaji Kambundji vermarktet.

    Was im Hintergrund schon länger lief, ist jetzt gewissermassen der Schulterwurf gegen den eigenen administrativen Ballast.

    Zusammen mit Ehefrau Michelle, die ihm bisher den Rücken frei- und die Bürokratie vom Hals hielt, reifte die Einsicht: Experten müssen her. «Bei den administrativen Arbeiten musste ich einsehen, dass es Leute gibt, die mehr Erfahrung haben», meint Sämi trocken.

    «Alles halb so wild!»

    Ist dies nun ein Verrat an den Grundwerten des Nationalspiels? Hat der Zeitgeist selbst den Bodenständigsten aller Bösen eingeholt? Werden selbst die standhaftesten Mannen vom Kommerz plattgelegt?

    Alles halb so wild! Bleiben wir auf dem Boden der Realität, liebe Freunde des gepflegten Wyberhakens und überraschenden Schlunggs.

    Was Sämi Giger da tut, ist kein Stilbruch, sondern schlichtweg urhelvetischer Pragmatismus.

    Samuel Giger
    Samuel Giger ist jetzt Profi-Schwinger. - insta/giger.samuel

    Wer heute ganz vorne mitschwingen will – wo Mentaltrainer, Hypnotiseure und Ernährungswissenschaftler die Sägemehlgladiatoren optimieren, wo die Athletik auf Höchstniveau gehoben wird und Agenturen die Fäden ziehen –, Der kann nicht vorher noch acht Stunden Kies durch die Schweiz chauffieren.

    Dass Sämi diesen Schritt nicht hinter blumigen Ausflüchten versteckt, sondern als erster Schwinger klipp und klar ausspricht, verdient Respekt.

    Zum Autor

    Der Zürcher Journalist und Buchautor Thomas Renggli ist Schwing-Experte und Verfasser der Bestseller «Schwingen, die Bösen – ein Schweizer Phänomen» und «Brienzer, Kommerz und Halligalli».

    Das ist nicht unbescheiden, das ist ehrlich – und entlastet erst noch das Eheglück.

    Findest du es okay, dass Sämi Giger jetzt «Profi-Schwinger» ist?

    Moderne hat längst Einzug gehalten

    Natürlich wachen die Verbandsoberen im Hintergrund akribisch darüber, dass die Wettkampfarena werbefrei bleibt.

    Das Sägemehl ist heilig, da kommt kein Firmenlogo rein – und das ist gut so. Aber ausserhalb des Rings hat die Moderne eben längst Einzug gehalten.

    Schwägalp
    Am Sonntag steigt das Schwägalp-Schwinget. - keystone

    Das Ziel von Sämi Giger bleibt unverändert. Am 5. September findet mit dem Kilchberger Schwinget das grosse Saison-Highlight statt. Bei der letzten Austragung im 2021 teilten sich Samuel Giger, Fabian Staudenmann und Damian Ott den Sieg.

    Schwägalp oder Kilchberger: Wenn die Bösen ins Sägemehl treten, zählt kein Sponsorenvertrag und keine Agentur der Welt mehr.

    Dann gelten nur noch Kraft, Instinkt und der richtige Zug. Sollte der Jungprofi am Ende am Kirchberger wieder obenauf schwingen, werden ihm auch die eisernsten Traditionalisten beim Jodelklang herzlich zujubeln.

    Kommentare

    User #1966 (nicht angemeldet)

    So, so verdient er das? Und wenn er bald nicht mehr Schwingen kann, wegen ständigen Verletzungen? Wünsch ich ihm natürlich auf keinen Fall, aber man weiss ja nie. Und dann? Von was will er leben?

    User #1370 (nicht angemeldet)

    Der Neid ist überall und muss erarbeitet sein. S.L.

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