«Sämis Gigers Schritt zum Profi-Schwinger verdient Respekt!»
Schwinger Samuel Giger macht öffentlich, dass er als Profi unterwegs ist. «Das ist alles halb so wild», findet Nau.ch-Kolumnist Thomas Renggli.

Das Wichtigste in Kürze
- Der Zürcher Thomas Renggli ist Schwing-Experte und Autor von zwei Büchern.
- Heute schreibt er über Samuel Giger, der öffentlich erklärt, als Profi unterwegs zu sein.
Ein herzhaftes «Guten Morgen» in die Runde! Und dann einen Schwinger-Kaffi zum Zmorge. Wer dieser Tage über die Schwägalp schlendert, atmet nicht nur frische Ostschweizer Bergluft, sondern auch eine gehörige Portion Sägemehl-Aroma und – man mag es kaum laut aussprechen – den Duft der grossen, weiten Kommerzwelt.

Willkommen am heiligen Gral des Ostschweizer Schwingens!
Hier, wo Nebelschwaden um den Säntis ziehen und die Bösen früher für ein Paar Wienerli und eine Flasche Moscht in die Hosen stiegen, wird heuer Geschichte geschrieben – eine Wirtschaftsgeschichte. Und für einmal ist nicht die Festwirtschaft gemeint.
Sämi Giger: Jahrelanges Vorbild
Schauen wir uns doch den Modellathleten Samuel Giger an – 28-jähriger Thurgauer mit Appenzeller Wurzeln. 194 Zentimeter pure Muskelmasse, 123 Kilo Wasserverdrängung, ein Mann wie ein Baum. Jahrelang war Sämi das absolute Vorbild der Traditionalisten.

Während die Konkurrenz bereits wie wandelnde Werbesäulen über die Schwingerplätze marschierte – man denke an Kilian Wenger als wandelnde Migros-Filiale oder Christian Stucki als Lidl-Harass-Träger –, blieb Giger eisern.

Keinen Manager, kein Instagram, keine Sponsorenlogos auf der Mütze. Wer dem Thurgauer Geld bot, blitzte ab. «Ich brauche das nicht, ich fahre lieber LKW», war seine Devise.
Für die Verbands-Garde verkörperte er das Idealbild des bescheidenen, bodenständigen Schwingers.
Verrat an den Grundwerten?
Doch nun der pekuniäre Brienzer, der im Schwingkeller für reichlich Gesprächsstoff sorgt: Sämi hat den Lastwagen-Schlüssel an den Nagel gehängt, lässt sich von Partnern wie Lidl alimentieren und bezeichnet sich allen Ernstes als – man halte sich am Zwilch fest – Profi-Schwinger.

Und der Wandel geht weiter: Nun macht der Unspunnen-Sieger auch offiziell Nägel mit Köpfen. Und schliesst sich der renommierten Agentur EP an, die sonst Sprint-Grössen wie Mujinga und Ditaji Kambundji vermarktet.
Was im Hintergrund schon länger lief, ist jetzt gewissermassen der Schulterwurf gegen den eigenen administrativen Ballast.
Zusammen mit Ehefrau Michelle, die ihm bisher den Rücken frei- und die Bürokratie vom Hals hielt, reifte die Einsicht: Experten müssen her. «Bei den administrativen Arbeiten musste ich einsehen, dass es Leute gibt, die mehr Erfahrung haben», meint Sämi trocken.
«Alles halb so wild!»
Ist dies nun ein Verrat an den Grundwerten des Nationalspiels? Hat der Zeitgeist selbst den Bodenständigsten aller Bösen eingeholt? Werden selbst die standhaftesten Mannen vom Kommerz plattgelegt?
Alles halb so wild! Bleiben wir auf dem Boden der Realität, liebe Freunde des gepflegten Wyberhakens und überraschenden Schlunggs.
Was Sämi Giger da tut, ist kein Stilbruch, sondern schlichtweg urhelvetischer Pragmatismus.

Zum Autor
Der Zürcher Journalist und Buchautor Thomas Renggli ist Schwing-Experte und Verfasser der Bestseller «Schwingen, die Bösen – ein Schweizer Phänomen» und «Brienzer, Kommerz und Halligalli».
Wer heute ganz vorne mitschwingen will – wo Mentaltrainer, Hypnotiseure und Ernährungswissenschaftler die Sägemehlgladiatoren optimieren, wo die Athletik auf Höchstniveau gehoben wird und Agenturen die Fäden ziehen –, Der kann nicht vorher noch acht Stunden Kies durch die Schweiz chauffieren.
Dass Sämi diesen Schritt nicht hinter blumigen Ausflüchten versteckt, sondern als erster Schwinger klipp und klar ausspricht, verdient Respekt.
Das ist nicht unbescheiden, das ist ehrlich – und entlastet erst noch das Eheglück.
Moderne hat längst Einzug gehalten
Natürlich wachen die Verbandsoberen im Hintergrund akribisch darüber, dass die Wettkampfarena werbefrei bleibt.
Das Sägemehl ist heilig, da kommt kein Firmenlogo rein – und das ist gut so. Aber ausserhalb des Rings hat die Moderne eben längst Einzug gehalten.

Wenn Sämi Giger am Sonntag auf der Schwägalp ins Sägemehl tritt, zählt ohnehin kein Sponsorenvertrag und keine Agentur der Welt mehr.
Dann gelten nur noch Kraft, Instinkt und der richtige Zug. Und sollte der Jungprofi am Ende wieder obenauf schwingen, werden ihm auch die eisernsten Traditionalisten beim Jodelklang herzlich zujubeln.
Denn am Ende des Tages ist ein Thurgauer Sieg auf der Schwägalp unbezahlbar – mit oder ohne Hauptsponsor.








