Wie Bern «aus Versehen» zur Fischotter-Hochburg wurde

Matthias Bärlocher
Matthias Bärlocher

Bern,

Heute ist Tag des Fischotters. In der Region Bern gibt es wieder eine kleine Population der einst in der Schweiz ausgestorbenen Säugetiere.

Fischotter im Tierpark Dählhölzli
Ein Fischotter im Tierpark Dählhölzli. - Screenshot tierpark-bern.ch

Das Wichtigste in Kürze

  • Heute werden weltweit die Otter gefeiert: Es ist «World Otter Day».
  • In die Schweiz wandern Fischotter wieder aus den umliegenden Ländern ein.
  • Nicht so in der Region Bern. Und trotzdem kommt der putzige Kerl hier vor.

Am letzten Mittwoch im Mai ist jeweils «World Otter Day». Zum Tag des Fischotters macht sich der BärnerBär auf die Suche nach den putzigen Gesellen in der Schweiz. Und vor allem im Aaretal. Denn der europäische Fischotter (Lutra lutra) hat in der Region Bern eine ganz besondere Geschichte.

Jahrzehntelang galt der Fischotter hierzulande als ausgestorben. Nebst Bejagung und Verbauung unserer Flüsse wurde der Fischotter auch schon Mitte des letzten Jahrhunderts ein Opfer von Ewigkeitschemikalien. PCB, DDT und andere, heute verbotene Chemikalien sorgten für geringe Fruchtbarkeit, Fehlgeburten sowie Schäden am Immun- und Nervensystem.

Erst ab 2009 wanderten langsam aber stetig wieder Fischotter aus den umliegenden Ländern in die Schweiz ein. In der Aare gab es sie aber streng genommen schon ab 2005 wieder. Wie das geht, erzählt Irene Weinberger, Geschäftsleiterin von Pro Lutra, im BärnerBär-Interview.

Über Jahrzehnte gab es den Fischotter in der Schweiz nur im Zoo oder ausgestopft zu sehen: Diorama einer Fischotter-Mama mit Jungen im Naturhistorischen Museum Bern, fotografiert am 2. Februar 2023.
Über Jahrzehnte gab es den Fischotter in der Schweiz nur im Zoo oder ausgestopft zu sehen: Diorama einer Fischotter-Mama mit Jungen im Naturhistorischen Museum Bern. - keystone

BärnerBär: Warum ist es Ihnen ein Anliegen, dass sich der Fischotter in der Schweiz noch weiter ausbreitet und weiterhin aus den Nachbarländern einwandert?

Irene Weinberger: Weil er ein einheimisches Tier ist und zu uns gehört. Er war ausgestorben, nun kehrt er zurück.

Der Fischotter ist natürlich ein charismatisches Tier. Als er verschwand, gab es einige Naturschutzorganisationen, die sich seinen Schutz auf die Fahne geschrieben haben. Er gilt als «Schirm-Art» für alle Tierarten, die saubere Gewässer brauchen.

Verbreitung der Fischotter in der Schweiz: Die Punkte zeigen, wo überall in der Schweiz seit 2020 Fischotter gesichtet wurden (Stand: Stand April 2026).
Verbreitung der Fischotter in der Schweiz: Die Punkte zeigen, wo überall in der Schweiz seit 2020 Fischotter gesichtet wurden (Stand: Stand April 2026). - © Pro Lutra

BärnerBär: Die Schweizer Fischotter kommen von Österreich her. Sie werden am Inn, am Vorderrhein und im Rheintal gesichtet. Die Population an der Aare ist aber eher ein «Unfall»?

Weinberger: Zunächst: Ja, scheinbar finden «französische» Fischotter derzeit noch andere, attraktivere Lebensräume als die Schweiz. So passiert die Einwanderung von Osten her.

Die Population in Bern ist wohl tatsächlich ein Unfall. Das Fischotter-Pärchen Lumpi und Orava ist nach dem Aare-Hochwasser 2005 aus dem Tierpark Dählhölzli abgehauen. Einige Jahre später wurden Jungtiere beobachtet. Sie müssen sich also mindestens einmal fortgepflanzt haben.

Lumpi kehrte 2007 – wohl aus Hunger – ins Dählhölzli zurück. Orava wurde im gleichen Monat verletzt aufgefunden und musste eingeschläfert werden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ein-zwei weitere Fischotter von ausserhalb dazugestossen sind. Aber die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass die «Berner» Fischotter aus dem Dählhölzli stammen.

fischotter
Der Fischotter in seinem Element: Naturnahe Gewässer sichern sein langfristiges Überleben. - © Kurt Grossenbacher

BärnerBär: Von wie vielen Fischottern reden wir da?

Weinberger: In der Region Bern-Thun gehen wir von fünf bis acht Tieren aus. Wir haben jetzt seit längerer Zeit keine Jungtiere mehr gesehen. Aber dafür gab es Beobachtungen an der Saane und im Oberaargau. Dort haben wir Fussspuren gesehen.

Wo dieses Tier ist, wissen wir aber nicht. Wir wissen nur, dass es mal die Füsse in den Sand oder Schnee gesetzt hat. Schweizweit gehen wir von etwa 30 bis 40 Tieren aus.

Otterspotter Fischotter Selzach Solothurn
Von einem «Otterspotter» im Januar 2026 entdeckt: Spuren eines Fischotters am Ufer der Aare bei Selzach SO – der erste Otter-Nachweis im Kanton Solothurn seit über 90 Jahren. - Pro Lutra

BärnerBär: Könnte es zum Problem werden, dass die «Berner» Fischotter mehrheitlich vom Dählhölzli-Pärchen abstammen – Stichwort Inzucht?

Weinberger: Grundsätzlich möglich wäre das. Das Problem bei einer so kleinen Population ist eher, dass äussere Umstände oder auch ein Ungleichgewicht von Männchen und Weibchen zum Aussterben führen können.

Fischotter pflanzen sich nur langsam fort, mit durchschnittlich 1-2 Jungtieren pro Wurf. Und nicht einmal die Hälfte aller Jungtiere erreicht das Erwachsenenalter. Je nach dem, wie viele Männchen oder Weibchen geboren werden, kann es in einer so kleinen Population gut geschehen, dass mit der Zeit ein Geschlecht fehlt.

Fischotter Forelle Fisch
Ein Europäischer Fischotter (Lutra lutra lutra) kaut genüsslich an einer Forelle, am 21. März 2007 im Zoo Zürich. - keystone

BärnerBär: Sind denn die Bedingungen im Aaretal besonders ideal für Fischotter?

Weinberger: Ich denke, sie sind sicher nicht schlecht. Wenn man sieht, dass die Population jetzt seit zwei Jahrzehnten besteht, sind sicher gute Standortbedingungen vorhanden. Aber die Tiere haben es sich ja nicht wirklich ausgesucht, sondern sind ja hier, vor Ort, aus der Gefangenschaft abgehauen.

Genau sagen lässt sich das nicht, denn wir wissen, wie erwähnt, nicht genau, wie viele und wo sie sind.

BärnerBär: Kann die Rückkehr des Fischotters irgendwann auch zu erfolgreich sein? So dass es zu Konflikten kommt wegen bedrohter Fischarten oder mit Fischern?

Weinberger: Bedenken wegen der Fischotter sind bei den Fischern schon da. Wobei man sagen muss, dass der Fischotter sein eigener grösster Feind ist: Wenn es dann mal zu wenig Nahrung hat, dann stirbt er. Oder es gibt Revierkämpfe unter den Fischottern, und auch diese können tödlich enden.

Bezüglich der Fischarten: Den Fischotter gibt es schon seit Hunderttausenden Jahren. Da hat sich ein Gleichgewicht mit den Fischen eingespielt. Es sind eher die menschengemachten Faktoren, die die Äschen und andere Fischarten bedrohen. Der Fischotter kann dann ein zusätzlicher Stressfaktor sein.

Es geht dann aber nicht darum, dem Fischotter das Leben schwer zu machen. Sondern die Bedingungen für die Fische zu verbessern.

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