Wilsberg und die totale digitale Kontrolle

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    Deutschland,

    Was man sonst vor allem aus China kennt, wird im ZDF-Krimi nun in Münster eingeführt: Wer sich sozial verhält, kann Punkte sammeln und sich Privilegien verdienen. Doch Detektiv Wilsberg mag da nicht mitmachen.

    Wilsberg (Leonard Lansink) ermittelt wieder. Foto: Thomas Kost/ZDF/dpa
    Wilsberg (Leonard Lansink) ermittelt wieder. Foto: Thomas Kost/ZDF/dpa - dpa-infocom GmbH

    Das Wichtigste in Kürze

    • Schöne neue Überwachungswelt: Wer es in der nächsten Episode der beliebten «Wilsberg»-Krimireihe im ZDF («Überwachen und belohnen», 20.15 Uhr) zu etwas bringen will, sollte nett zu den Nachbarn sein, den Müll an die Strasse stellen und pünktlich die Miete zahlen.

    Seit in Münster die neue App zum Sozialpunkte-Sammeln verfügbar ist, wird belohnt, Gutes zu tun, Missetaten bedeuten Punktabzug. Ausgerechnet in der westfälischen Idylle und Heimat des bücherliebenden Detektivs (Leonard Lansink) droht die Fantasie der totalen digitalen Kontrolle Wirklichkeit zu werden.

    Nach chinesischem Vorbild hat der Konzern «Social Credit» ein ausgeklügeltes Punktesystem für soziale Optimierung eingeführt: Ähnlich wie beim digitalen Rabattsammeln an der Supermarktkasse kann jeder teilnehmende Bürger seinen sozialen Kontostand aufpolieren. Mit Hilfe der alles und jeden aufzeichnenden Kameras in der Stadt werden Pluspunkte für Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Regeltreue vergeben. Wer reichlich punktet, darf auf allerlei Vorteile hoffen: begehrte Konzerttickets, Bevorzugung bei der Wohnungssuche oder den nächsten Karriereschritt.

    Kaum verwunderlich, dass Privatermittler Wilsberg - bücherliebend, dickköpfig, wenig technikaffin und von Berufswegen skeptisch - da nicht mitmacht. «Meine guten Taten sind meine Privatsache», sagt er aus Überzeugung. «Privatsache - das ist auch so ein Wort von vorgestern», kontert seine Nichte Alex (Ina Paule Klink), die sich nicht nur als Nutzerin der neuen App auf die Seite des Sozialpunkte-Konzerns geschlagen hat, sondern auch als Anwältin für ihn arbeitet. «Kann ja jeder selbst entscheiden, ob er sich Vorteile verschafft», unterstreicht sie den nur scheinbar freiwilligen Ansatz der App.

    Schon bald zeichnet sich die perfide Logik des umfassenden Social-Scoring-Systems ab: Wer sich entzieht, fällt aus der Welt, kann nicht mehr teilnehmen am gesellschaftlichen Leben. Noch übler trifft es diejenigen, die dem Konzern das Handwerk legen wollen. Davon ist zumindest die trauernde Freundin (Susanne Bormann) des ums Leben gekommenen Richard überzeugt. Irgendwer hat es aussehen lassen wollen, als sei der Entwicklungschef von «Social Credit» Opfer eines Verkehrsunfalls mit Fahrerflucht geworden. Tatsächlich hatte er belastendes Material gegen seine Firma gesammelt und mit einer Bürgerinitiative gegen das Big-Data-Projekt zusammengearbeitet.

    Wilsberg muss also nicht nur einen Mord beweisen, sondern begibt sich auch auf die Suche nach den brisanten Unterlagen. Wie gut, dass er auf seine Freunde bauen kann - auch wenn diese in der Welt der totalen digitalen Kontrolle schon durch ihre Bekanntschaft zum kauzigen Ermittler in Misskredit zu fallen drohen.

    Big Data, Korruption und Kontrolle: Mit der neuen Folge «Überwachen und belohnen» nehmen sich die Wilsberg-Macher (Buch: David Ungureit; Regie: Dominic Müller) die ganz grossen Themen vor - und übernehmen sich damit in dem Rahmen des Unterhaltungskrimis. Die dystopische Handlung und die eindimensionalen Figuren auf der guten wie auf der bösen Seite sind so übertrieben und zugespitzt, dass die Horrorvision der digitalen Überwachung viel abwegiger erscheint als sie in Wahrheit ist. Immerhin: Polizeitrottel Overbeck (Roland Jankowsky) brilliert als tatsächlich komische Mischung aus wandelndem Philosophie-Lexikon und Inspektor Clueso.

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