Deutscher Elektropop-Star Schiller kommt nach Bern
Christopher von Deylen alias Schiller tritt im September in Bern auf. Im Interview spricht er über seinen Künstlernamen, Konzerte und den Auftritt in Kiew.

Elektropop-Star Christopher von Deylen über die Wahl seines Künstlernamens Schiller, die kommenden Konzerte und seinen Auftritt in Kiew.
BärnerBär: Im Prolog Ihres aktuellen Albums «Euphoria» heisst es: «Herzlich Willkommen in der neuen Welt von Schiller». Was unterscheidet sie von der alten?
Schiller: Es ist eine Traumwelt. Bisher versuchte ich mit meiner Musik immer die aktuellen gesellschaftlichen Strömungen zu reflektieren. «Zeitgeist» war ein Spiegel des Spass- und Hedonismus- Jahrzehnts, zu dem ich den Love-Parade-Sound lieferte.
Später folgte die Entschleunigung nach dem Feiern, Gartenzwerge wurden durch kleine Buddhastatuen ersetzt, und ich komponierte den passenden Chillout-Sound.
Beim neuen Album habe ich mich für einmal entschlossen, Musik zu schaffen, die einen Kontrast zur vorherrschenden Stimmung bietet: Euphorie statt Depression.
BärnerBär: Sie haben im Januar in Kiew ein grosses Konzert gegeben. Wie kam es dazu?
Schiller: Ich trete schon seit zwanzig Jahren in der Ukraine auf und habe dort Freunde, die ich immer wieder besuche. Ich kenne das Land also nicht nur aus den Abendnachrichten und habe seit Kriegsbeginn vier Konzerte gegeben.

BärnerBär: Wie haben Sie die dortige Stimmung empfunden?
Schiller: Ich spüre in der Ukraine, dass es den Menschen in erster Linie um ihre Freiheit, ihre nationale und kulturelle Identität geht, und nicht um territoriale Ansprüche.
Mich beeindruckt, dass sie nicht um eines vermeintlichen Komfortgewinns willen kapitulieren, sondern Nächte in Bunkern verbringen, im Winter bei minus 20 Grad frieren oder ohne Strom auskommen müssen.
Der Wille dieses Volkes, trotz nächtlichem Bombenalarm kulturelle Veranstaltungen zu organisieren, damit das schöne Leben nicht ganz zum Erliegen kommt, beeindruckt mich. Und es berührt mich, dass sie meine Musik zu lieben scheinen.
BärnerBär: Sie sind in der norddeutschen Kleinstadt Visselhövede in der Lüneburger Heide aufgewachsen. Wie exotisch war es dort, dass Sie sich für Elektronische Musik begeisterten?
Schiller: Der Stil, für den man schwärmt, ist ja oftmals der Kitt, welcher gewisse Peergroups zusammenführt. Bei mir war er der Anfang einer sozialen Selbstvernischung. Ich wurde für meinen Musikgeschmack belächelt und fühlte mich nirgends richtig zugehörig, machte mir darüber aber keine grossen Gedanken.
BärnerBär: Haben Sie als Kind Klavierspielen gelernt, weil das bei einem von Deylen einfach dazu gehörte?
Schiller: Ich stamme zwar weder aus einem Adelsgeschlecht noch aus einem grossbürgerlichen Haus, sondern «nur» aus dem Mittelstand, allerdings von einem so konservativen Zweig, dass es tatsächlich zum guten Ton gehörte, dass man ein Instrument lernte.
Mein Grossvater schenkte mir ein Klavier, als ich 6 war, später liessen mir meine Eltern auch noch Unterricht angedeihen. Was ich vorher einfach als schön und interessant empfand, wurde nun vehement analysiert und mit Erwartungen verknüpft.
Damit tat ich mich schwer, wie mit jeder Ausprägung von Autorität. So trieb ich die Klavierlehrerin mit meinem stillen Boykott zur Aufgabe.
BärnerBär: Sie haben das Klavierspiel aber nicht aufgegeben.
Schiller: Nein, mein folgender, leider vor zwei Jahren verstorbener Klavierlehrer Bertram Stiegeler liess mich vom Konsumenten zum Schöpfer von Elektronischer Musik werden. Er selbst strebte nie eine künstlerische Karriere an, vermittelte mir jedoch die Technologie, mit der er sich aus Neugier beschäftigte.

BärnerBär: Welches waren Ihre grössten Einflüsse?
Schiller: Ohne Jean-Michel Jarre und Tangerine Dream würde Schiller gänzlich anders klingen, wobei die Hauptlieferanten meiner musikalischen DNA kaum unterschiedlicher sein könnten. Während Tangerine Dream einen sehr organischen und oftmals formlosen Ansatz gewählt hatten, der ihre Kompositionen fast schon wie Echtzeitimprovisationen wirken liess, verkörpert Jarre das Gegenteil.
Jeder Ton, jeder Soundeffekt wirkt bei ihm auskomponiert und kalkuliert. Was mir bei ihm auf Dauer zu süsslich klingt, empfand ich bei Tangerine Dream mit der Zeit als zu manieriert und nicht ganz ehrlich. Ich habe meinen Platz irgendwo zwischen ihnen gefunden.
BärnerBär: Wie kam es 1998 zur Gründung von Schiller?
Schiller: Hinter mir lagen schon zwei Dutzend Veröffentlichungen, die alle im Massengrab des gut Gemeinten gelandet waren. Nach jedem Misserfolg hatte ich mir eine neue Plattenfirma gesucht und einen anderen Künstlernamen zugelegt, da es keine Basis gab, auf die ich bauen konnte.
Als ich schon gar nicht mehr daran glaubte, dass mir der Durchbruch irgendwann gelingen könnte, spürte ich beim Musikmachen wieder eine gewisse Leichtigkeit und mein erster Hit «Das Glockenspiel» entstand. Als das Label fragte, wie ich mein Projekt denn diesmal nennen würde, antwortete ich mit einem leicht resignierten Schulterzucken: «Ach, nennen wir es halt Schiller.»
Wenn ich damals gewusst hätte, dass mich der Name noch Jahrzehnte begleiten würde, hätte ich wohl ein halbes Jahr nachgedacht, ohne dass mir etwas eingefallen wäre.
BärnerBär: Mit dem gesungenen «I Feel You» folgt schon bald Ihre grösste Hitsingle. Weshalb machen Sie trotzdem vornehmlich Instrumental-Stücke?
Schiller: Es ist nicht so, dass ich mich dagegen wehren würde, einen Hit zu landen, aber ein Gesangspart muss sich wirklich aufdrängen, wobei ich Musik am emotionalsten finde, wenn sie von sich aus schreit. Ich betrachte mich im Idealfall auch nicht als Komponisten, sondern als Medium, das seine Aufgabe erfüllt.
BärnerBär: Das klingt ziemlich metaphysisch …
Schiller: Ich höre einfach sehr gerne Musik, in die ich mich fallen lassen kann. In meinen Konzerten gibt es immer einen Teil, bei dem ich denke, wenn wir damit fertig sind, ist die Halle leer!
(Lacht) Er besteht aus 20 Minuten Instrumentalmusik, die sich jeden Abend so stark verändert, dass selbst geneigte Schiller-Fans, die alle Alben kennen, grösste Mühe haben, ein bestimmtes Motiv zu identifizieren.
Oft bekommt dieser Teil am meisten Applaus, was zeigt, dass die Musikindustrie falsch liegt, wenn sie glaubt, dass man dem Publikum nichts mehr zumuten kann und Popkünstler nicht für Menschen, sondern für Spotify-Algorithmen komponieren müssen.
BärnerBär: Wie denken Sie über Yello, die wichtigste Schweizer Elektropop-Formation?
Schiller: Gut, dass Sie mich an dieses Duo erinnern, das in der Aufzählung meiner wichtigsten Inspirationen unverdientermassen vergessen ging.
Die cineastische Klangmalerei von Soundtüftler Boris Blank und Dieter Meiers charismatische Off-Erzählstimme bilden eine einzigartige Kombination, dank der die Songs sowohl über emotionale Korkenzieher wie über Underground-Appeal verfügen.
Info
Schiller
Christopher von Deylen zählt als Schiller seit 28 Jahren und der Single «Das Glockenspiel» zu den erfolgreichsten deutschen Elektropopmusikern. Mit zehn Alben eroberte er in Deutschland Platz eins, mit fünf in der Schweiz die Top 10. Insgesamt verkauften sich über sieben Millionen Tonträger, eine Milliarde Mal wurde seine Musik gestreamt.
Das Debütalbum «Zeitgeist» traf mit seiner Mischung aus Pop, Ambient und Trance den Nerv des Publikums. 2001 folgte «Weltreise», das musikalisch von einer mehrmonatigen Reise von Paris bis Peking, die er mit seinem Vater unternommen hatte, inspiriert war.
Natur- werden bei Schiller zu Soundlandschaften, unterschiedliche Stimmungen laden zum Abtanzen oder Chillen ein. Die «Sommerklang 2026»-Tournee führt ihn am 19.9. nach Bern.
BärnerBär: Sind Sie schon einmal an der Street Parade aufgetreten?
Schiller: Nein, aber ich bin ja auch erst seit zwei Jahren wieder als DJ aktiv. In jungen Jahren hatte ich mich schon mal in dieser Disziplin versucht, mir fehlte jedoch das handwerkliche Geschick fürs Auflegen und Mischen von Vinylplatten, weshalb ich es frustriert aufgab.
BärnerBär: Weshalb haben Sie einen neuen Anlauf genommen?
Schiller: Es hat sich viel verändert. Mich störte es früher, wenn DJs durch ihre Körpersprache und Gestik den Anschein erwecken, als würden sie die Musik, die sie auflegen, selbst erzeugen. Heute produzieren viele von ihnen eigene Tracks und können sie mit Hilfe von moderner Soft- und Hardware livenahe variieren oder neu entstehen lassen.
Nun bin ich daran, als DJ meinen eigenen Stil zu finden, und weiss noch nicht, ob er zur Street Parade passen würde. Vielleicht schaue ich sie mir im nächsten Jahr erst einmal als Besucher an.








