Zürich: Psychologin erklärt, wie Erholung wirklich gelingt
An der Universität Zürich läuft vom 5. bis 9. Oktober die Mental Health Awareness Week. Dozentin Valentina Vylobkova erklärt, wie Erholung gelingt.

Vom 5. bis 9. Oktober 2026 findet an der UZH die Mental Health Awareness Week statt. Ein guter Anlass, um mit der Psychologie-Dozentin Valentina Vylobkova darüber zu sprechen, wie wir uns erholen und neue Kräfte schöpfen können.
Valentina Vylobkova: Jeder lebendige Organismus funktioniert gleich:
Es gibt Phasen der Anstrengung, in denen wir Ressourcen aufbrauchen, um ein Problem zu lösen oder ein Projekt auf die Beine zu stellen. Und es gibt Zeiten der Entspannung, in denen die benötigten Ressourcen wieder aufgebaut werden. Beim Sport oder bei körperlicher Arbeit ist klar, dass man Pausen braucht.
An der Universität arbeiten wir sehr stark kognitiv und vergessen vielleicht, dass wir ebenfalls Ruhephasen brauchen. Dabei sind diese wichtig, damit unsere kognitive Leistungsfähigkeit bei der nächsten Aufgabe oder am nächsten Tag wieder vorhanden ist.
Ich möchte drei Aspekte nennen: Erholung muss erstens regelmässig stattfinden. Wir sollten sie nicht auf das Ende des Arbeitstags, das Wochenende oder die Ferien verschieben. Nach einem anstrengenden Projektbericht oder einer anderen intensiven Aufgabe springen wir am besten nicht gleich zur nächsten. Das wäre kontraproduktiv.
Die Forschung empfiehlt, nach einer konzentrierten Arbeitsphase zehn Minuten oder eine Viertelstunde Pause zu machen und so den Kopf freizubekommen.
Der zweite Aspekt ist, während der Erholungszeit möglichst gut von der Arbeit abzuschalten. Dieses sogenannte Detachment ist das A und O, damit der Ressourcenabbau gestoppt wird.
Der dritte Aspekt ist die Freizeiterholung, die sehr individuell ist. Sie soll Spass machen und ein Gegengewicht bilden zu Dingen, die wir fremdbestimmt erledigen müssen. Jede Person muss aber für sich selbst herausfinden, was ihr guttut und wobei sie am besten abschalten kann.
Das kann also eine Bergwanderung sein, Joggen oder Fernsehen?
Ja, oder eine Badewanne mit viel Schaum, ein Gespräch mit einer Freundin oder ein Spaziergang allein mit dem Hund im Wald. Es hängt auch davon ab, wovon wir uns erholen wollen. Wenn wir den ganzen Tag in Meetings waren und viel gesprochen haben, ist es vielleicht besser, abends nicht noch eine Freundin zu treffen.
Vielleicht wäre da eine Ruhepause für sich alleine die bessere Option, aber das ist sehr individuell.
Erholung muss regelmässig stattfinden. Wir sollten sie nicht auf das Ende des Arbeitstags, das Wochenende oder die Ferien verschieben.
Studiengangsleiterin CAS Positive Psychologie
Gerade in der Wissenschaft ist es oft schwierig, Arbeit und Privatleben zu trennen – ein Forschungsthema beschäftigt viele auch nach Feierabend. Man kann den Kopf nicht wie einen Lichtschalter ausschalten.
Nein, das geht nicht. Und es ist natürlich ein Privileg, dass wir uns als Forschende mit unseren Herzensthemen beschäftigen dürfen. Trotzdem kann folgende Strategie hilfreich sein: sich zu erlauben, die Gedanken an das eigene Projekt oder die aktuellen To-dos beiseitezustellen.
Ich kann mir sagen, dass es jetzt Zeit sei, mich noch besser auf die Arbeit vorzubereiten, indem ich die Fragen für den Abend oder das Wochenende ruhen lasse. Und danach kann ich mich mit grösserem Engagement damit beschäftigen.
Man kann sich also sagen: Ich mache etwas Gutes, wenn ich jetzt nicht daran arbeite.
Genau. Es ist auch kein Verrat an meiner Arbeit, wenn ich jetzt Pause mache. Im Hintergrund arbeitet unser Gehirn trotzdem daran, das kann man nicht beeinflussen.
Wenn man sich ablenkt und mit etwas anderem beschäftigt, kommt man häufig sogar auf bessere Ideen.
Dann hilft es, sich zu überlegen, welche anderen Erfahrungen man machen könnte. Zum Beispiel etwas mit den Händen tun, wie malen oder nähen, sich auf die Empfindungen konzentrieren und mit allen Sinnen darauf einlassen.
Die Mental Health Awareness Week an der UZH
Vom 5. bis 9. Oktober 2026 widmen sich verschiedene Veranstaltungen an der UZH der psychischen Gesundheit.
In Vorträgen und Workshops im UZH Zentrum geht es um Themen wie Achtsamkeit, Selbstvertrauen, Essstörungen auf Social Media oder das Leben mit Schizophrenie. Organisiert werden die Veranstaltungen vom studentischen Verein Mindful(l), den Interessierte beim Abschlussevent näher kennenlernen können.
Programm der Mental Health Awareness Week im UZH Zentrum
Resilienz, selbstsichere Kommunikation, der Berufseinstieg oder praktische Tipps für mehr Wohlbefinden sind Themen an fünf Mittagsveranstaltungen am Campus Oerlikon, die der Campusrat Oerlikon und die Abteilung Studieninformation und Beratung auf die Beine gestellt haben.
Programm Mental Health Awareness Week am Campus Oerlikon
Einige grundlegende Tipps für psychisches Wohlbefinden sind vielen Menschen bekannt: zum Beispiel genügend Schlaf, Bewegung, Beziehungen pflegen. Warum fällt es uns trotzdem oft schwer, sie zu beherzigen? Warum scrollen wir etwa nach Mitternacht noch durchs Handy, statt zu schlafen?
Hier geht es um Gewohnheiten. Sie zu verändern, ist nicht so einfach. Man kann sich überlegen, was in der jeweiligen Situation möglich ist und guttun würde. Zum Beispiel: Statt zu scrollen lese ich ein Buch.
Wichtig sind konkrete Handlungen, etwa das Buch schon tagsüber bereitzulegen. So schaffe ich die Bedingungen, damit es mir einfacher fällt, daran zu denken.
Welche Strategien gibt es noch?
Gut untersucht sind Wenn-Dann-Pläne. Sie helfen uns, die Lücke zwischen Wollen und Tun zu überwinden. Wollen alleine bringt uns nämlich oft nicht weit. Wir müssen ins Tun kommen. Die Wenn-Dann-Pläne stellen diese Verknüpfung her.
Wichtig ist, einen Zeitpunkt und ein Verhalten zu definieren.
Also zum Beispiel: Jeden Abend, wenn ich ins Bett gehe, lese ich noch zwei Seiten in meinem Lieblingsbuch. Oder: Immer um 21 Uhr stelle ich mein Handy auf Flugmodus. Man muss diese Handlung ein paar Mal wiederholen, bis im Gehirn eine Verknüpfung zwischen dem Zeitpunkt und dem Verhalten entsteht.
Wichtig ist auch, sich wirklich nur eine Handlung vorzunehmen. Man soll also nicht denken: Um 21 Uhr stelle ich das Handy auf Flugmodus und lese im Buch. Das wäre schon zu komplex.
Gewohnheiten brauchen aber Zeit, bis sie sich etablieren, und wenn es mal nicht gelingt, sollte man nicht zu streng mit sich sein.
Sie beteiligen sich mit einem Workshop an der Mental Health Awareness Week auf dem Campus Oerlikon. Warum ist eine solche Woche wichtig, und warum machen Sie mit?
Das Thema Mental Health, gerade am Arbeitsplatz, liegt mir sehr am Herzen. Ich bin vor allem durch unser Modul für Studierende zu diesem Thema gekommen. Das Modul vermittelt Strategien, wie psychische Gesundheit gemeinsam gestärkt werden kann.
Das Thema geht uns alle an und ich finde es zentral, in verschiedenen Kontexten darüber zu sprechen, einander zuzuhören und neue Strategien zu lernen. Die Fähigkeit, die eigene psychische Gesundheit zu reflektieren und darüber zu sprechen, ist auch eine sehr wichtige persönliche und soziale Kompetenz. Und diese Fähigkeit kann man gut im Rahmen der Mental Health Awareness Week fördern.
Es freut mich sehr, dass die Universität das unterstützt.
Meditieren in THE BUS von Marina Abramović
THE BUS ist ein ehemaliger Schulbus, der in einen mobilen Erfahrungsraum verwandelt wurde. Es ist eine Mischung aus fahrbarer Skulptur und mobiler Meditationskapsel, die das Publikum dazu einlädt, sich auf eine innere Reise zu begeben.
In Zusammenarbeit mit dem Art x Science Office macht THE BUS noch bis 11. Oktober 2026 Halt an der Universität Zürich und richtet den Fokus auf die Themen Achtsamkeit, psychische Gesundheit sowie Konflikt- und Friedensforschung.






