Kanton St. Gallen: Polizei-Psychologin – «Umfeld muss bei Frauenhass widersprechen»
Catherine Graber von der Kantonspolizei St. Gallen erklärt, wie sich junge Männer in Incel-Foren radikalisieren – und was das Umfeld dagegen tun kann.

Männliche Jugendliche radikalisieren sich vermehrt in sozialen Netzwerken – beispielsweise über die Incel-Bewegung. Incel steht für Männer, die «unfreiwillig» im Zölibat leben, also keinen Sex haben. Sie organisieren sich im Internet, tauschen Videos und Gewaltfantasien miteinander aus. Dreh und Angelpunkt ist ihr Hass gegen Frauen.
Ein Gespräch über die Incel-Bewegung, die Gefahr, die von ihr ausgeht, was das Umfeld tun kann und einen Fall aus dem Kanton St. Gallen mit Catherine Graber. Sie arbeitet als forensische Psychologin beim Bedrohungs- und Risikomanagements der Kantonspolizei St. Gallen.
Catherine Graber, wie ist die Incel-Bewegung überhaupt entstanden?
Interessanterweise ist die Bewegung ursprünglich nicht als frauenfeindliche oder extremistische Bewegung entstanden. Der Begriff «Incel» geht auf eine kanadische Studentin zurück, die 1997 das «Involuntary Celibacy Project» ins Leben rief. Sie wollte Menschen, die Schwierigkeiten hatten, intime oder romantische Beziehungen aufzubauen, eine Möglichkeit zum Austausch und zur gegenseitigen Unterstützung geben.
Erst später veränderten sich Teile dieser Online-Communities. Insbesondere ab den 2000er-Jahren entstanden Verbindungen zur sogenannten «Manosphere», also zu verschiedenen Online-Subkulturen, die sich mit Männlichkeit, Geschlechterbeziehungen und teilweise stark antifeministischen Vorstellungen beschäftigen. In bestimmten Incel-Foren entwickelte sich daraus eine zunehmend misogyne Ideologie.
Welche jungen Männer sind dafür besonders «anfällig»?
Es gibt nicht den typischen Incel und auch kein einzelnes Persönlichkeitsmerkmal, anhand dessen sich vorhersagen liesse, ob sich jemand der Incel-Community zuwendet.
Wir sehen aber bestimmte Belastungskonstellationen, die den Einstieg begünstigen können: Einsamkeit, soziale Isolation, Schwierigkeiten beim Aufbau von Beziehungen, wiederholte Zurückweisung, ein geringes Selbstwertgefühl oder das Gefühl, den Erwartungen an Männlichkeit nicht zu entsprechen. Dazu können psychische Belastungen kommen. Wir wissen beispielsweise von ehemaligen Incels, dass viele zunächst online nach Hilfe für Einsamkeit, Beziehungsprobleme und das Gefühl gesucht haben, als Mann nicht zu genügen.
In den Incel-Communities fanden sie dann Bestätigung und ein Zugehörigkeitsgefühl.
Problematisch wird es insbesondere dann, wenn individuelle Frustration zunehmend durch ein geschlossenes Weltbild erklärt wird, in dem Frauen für die eigene Situation verantwortlich gemacht werden und sich Feindbilder sowie eine Rechtfertigung von Gewalt entwickeln.
Wie gefährlich ist Incel?
Man muss hier zwischen der Incel-Identität, der Ideologie und konkreter Gewaltbereitschaft unterscheiden. Die grosse Mehrheit der Männer, die sich als Incels bezeichnen, wird nicht gewalttätig. Gleichzeitig wäre es falsch, die gewaltorientierten Teile der Szene zu verharmlosen.
Es hat bereits mehrere schwere Gewalttaten gegeben, bei denen die Täter sich auf Incel-Ideologie beziehungsweise entsprechende frauenfeindliche Narrative bezogen haben. Gefährlich wird insbesondere die Kombination aus anhaltender Kränkung, Feindseligkeit, Entmenschlichung, Gewaltlegitimation und einer zunehmenden Orientierung auf konkrete Gewalt.
Gleichzeitig muss man aufpassen, nicht aus der Existenz einer frauenfeindlichen Einstellung automatisch auf eine bevorstehende Gewalttat zu schliessen. Vielmehr muss das Risiko in jedem Fall individuell beurteilt werden.
Inwiefern spielen andere Formen der Radikalisierung eine Rolle?
Radikalisierung findet heute häufig nicht mehr innerhalb klar voneinander abgegrenzter Ideologien statt. Gerade im Internet können verschiedene extremistische Narrative ineinandergreifen.
Ein junger Mann kann beispielsweise über Inhalte aus der Manosphere zu antifeministischen oder Incel-Narrativen gelangen und später mit rechtsextremen, verschwörungsideologischen oder anderen extremistischen Inhalten in Kontakt kommen. Gemeinsame Elemente können dabei etwa ein starkes Freund-Feind-Denken, Verschwörungserzählungen, ein ausgeprägtes Ungerechtigkeitsempfinden oder die Vorstellung sein, selbst Opfer eines feindlichen Systems zu sein.
Deshalb sollte man bei einer Gefährdungseinschätzung nicht nur fragen: «Ist diese Person ein Incel?», sondern: «Welche Ideologien und Feindbilder vertritt die Person? Wie stark identifiziert sie sich damit? Und wie entwickeln sich ihre Einstellungen und ihr Verhalten?»
Die Forschung zur Radikalisierung spricht insgesamt für ein multifaktorielles Verständnis: Soziale Isolation, persönliche Krisen, Kränkungen, psychische Belastungen, Ideologie, Gruppeneinflüsse und bestimmte kognitive Prozesse können sich gegenseitig verstärken.
Incel findet grossmehrheitlich im Internet statt, in einer anonymen Welt – wie wird das Bedrohungs- und Risikomanagement der Kantonspolizei St. Gallen überhaut auf solche Männer und Fälle aufmerksam?
Das ist tatsächlich eine Herausforderung, weil Radikalisierung im digitalen Raum stattfinden und für Behörden zunächst unsichtbar sein kann. Aufmerksam werden wir deshalb in der Regel über Hinweise aus dem Umfeld oder von anderen Stellen – beispielsweise von Angehörigen, Schulen, Arbeitgebern, Beratungsstellen oder anderen Behörden. Auch konkrete Drohungen oder andere auffällige Verhaltensweisen können dazu führen, dass eine Person gemeldet wird.
Können Sie mir ein Fallbeispiel schildern?
Vor rund sechs Jahren erhielten wir über Interpol und fedpol eine Meldung von Google. Eine im Kanton St. Gallen wohnhafte Person hatte unter mehreren YouTube-Videos extremistische und frauenfeindliche Kommentare veröffentlicht und darin ein Attentat auf Frauen angekündigt. In diesem Zusammenhang bin ich zum ersten Mal auf den Begriff Incel gestossen.
Wie konnte das Bedrohungs- und Risikomanagement in diesem Fall einwirken?
Aufgrund der konkreten Drohung und der Abklärungen zur Identifizierung des Verfassers wurden zunächst polizeiliche Ermittlungen aufgenommen. In diesem Rahmen wurde der Verfasser der Beiträge identifiziert, es wurden Zwangsmassnahmen angeordnet und eine Hausdurchsuchung durchgeführt. Erst im Anschluss führten wir vom Bedrohungs- und Risikomanagement eine Gefährderansprache durch.
Dabei wollten wir verstehen, was den jungen Mann dazu bewegt hatte, diese Beiträge zu veröffentlichen, und einschätzen, wie hoch das Risiko einer möglichen Tatausführung war.
Der junge Mann distanzierte sich im Gespräch glaubhaft von Gewalttaten, wirkte gleichzeitig aber emotional stark belastet. Obwohl wir das kurz- bis mittelfristige Risiko einer Gewalttat als gering einschätzten, war für uns klar, dass er Unterstützung benötigte. Wir konnten ihn dazu ermutigen, eine Psychotherapie in Anspruch zu nehmen.
Wie wir auf eine Person einwirken, hängt immer vom Einzelfall ab.
Wie muss ich mir ein solches Gespräch vorstellen?
Ein solches Gespräch ist zunächst viel weniger konfrontativ, als man vielleicht erwarten würde. Wir setzen uns mit der Person zusammen und versuchen zu verstehen, wie sie ihre Situation selbst erlebt. Was ist passiert? Wie sieht ihre aktuelle Situation aus?
Welche Bedeutung haben bestimmte Personen, Ereignisse oder Online-Inhalte für sie?
Gleichzeitig sprechen wir auch schwierige Themen direkt an – beispielsweise Gewaltfantasien, Drohungen oder die Vorstellung, dass Gewalt eine Lösung sein könnte. Wichtig ist dabei, nicht vorschnell zu verurteilen, aber auch problematische oder gefährliche Aussagen nicht zu normalisieren.
Das Ziel ist, eine Beziehung und Gesprächsbasis herzustellen, Informationen zu gewinnen und Möglichkeiten zu finden, wie sich die Situation entschärfen lässt. Gerade bei jungen Männern, die sich stark zurückgezogen und möglicherweise bereits von ihrem sozialen Umfeld entfremdet haben, kann ein solches Gespräch ein wichtiger erster Schritt sein.
Inwiefern kann solchen Männern sonst noch geholfen werden?
Zunächst muss man die tatsächlichen Probleme ernst nehmen, ohne die frauenfeindliche Erklärung dafür zu übernehmen. Ein junger Mann kann tatsächlich sehr einsam sein, unter Zurückweisungen leiden oder grosse Schwierigkeiten haben, Beziehungen aufzubauen. Diese Belastungen sollte man nicht bagatellisieren.
Es ist wichtig, Verständnis für die persönliche Situation zu zeigen, ohne dabei frauenfeindliche Einstellungen oder die Schuldzuweisung an Frauen und die Gesellschaft zu bestärken. Denn dadurch würde das problematische Weltbild weiter verfestigt.
Hilfreich sind deshalb Angebote, die an den tatsächlichen Bedürfnissen ansetzen: psychologische Unterstützung, soziale Integration, Unterstützung beim Aufbau von Beziehungen und sozialen Kompetenzen, Arbeit an Selbstwert und Emotionsregulation sowie eine Auseinandersetzung mit problematischen Vorstellungen von Männlichkeit und Beziehungen.
Was kann das Umfeld tun?
Das Wichtigste ist zunächst, Veränderungen überhaupt wahrzunehmen und anzusprechen. Wenn sich ein junger Mann zunehmend zurückzieht, seine gesamte soziale Welt ins Internet verlagert, immer stärker von Frauen als Feindbild spricht oder sich in einer Opfer- und Ungerechtigkeitserzählung festsetzt, sollte man das nicht einfach als «Phase» abtun.
Dabei sollte das Umfeld im Gespräch bleiben, ohne die Ideologie zu bestätigen. Man kann die zugrunde liegenden Gefühle anerkennen – etwa Einsamkeit oder Zurückweisung – und gleichzeitig klar widersprechen, wenn daraus pauschaler Frauenhass oder Gewaltfantasien entstehen.
Bei konkreten Gewaltankündigungen, zunehmender Beschäftigung mit einem möglichen Anschlagsziel, der Beschaffung von Waffen oder anderen konkreten Vorbereitungshandlungen reicht ein Gespräch im privaten Umfeld allerdings nicht mehr. Dann braucht es eine professionelle Gefährdungseinschätzung und je nach Situation weitere, manchmal auch unmittelbare Schutzmassnahmen.
Häufig bleibt es beim Austausch von Videos und Gewaltfantasien in Internetforen. Gibt es aber auch Warnzeichen für eine potenzielle Gewaltanwendung?
Entscheidend ist die Veränderung des Gesamtbildes und insbesondere eine Entwicklung von der Ideologie hin zu Planungs- und Vorbereitungshandlungen.
Aus der Forschung zu gezielter Gewalt wissen wir, dass insbesondere folgende Entwicklungen relevant sein können:
zunehmende Fixierung auf ein Feindbild oder eine bestimmte Person bzw. Institution, eine zunehmende Legitimation oder Glorifizierung früherer Gewalttäter, konkrete Gewaltfantasien, insbesondere wenn sie detaillierter und realitätsnäher werden, Drohungen oder sogenannte Leakage, also das Mitteilen von Gewaltabsichten gegenüber anderen, eine zunehmende Beschäftigung mit möglichen Tatmitteln und Tatgelegenheiten, Verhaltensänderungen, die auf Vorbereitung hindeuten, und schliesslich eine zunehmende Einengung auf die Vorstellung, Gewalt sei die einzige Lösung.
Dabei ist ein wichtiger Punkt: Gewaltfantasien allein sind noch keine zuverlässige Vorhersage einer Gewalttat. Relevant wird es insbesondere dann, wenn weitere Risikofaktoren oder Warnzeichen hinzukommen.








