Der Verwaltungsrat des Psychiatriezentrums Münsingen lässt die Anstellungen von drei ehemaligen Mitarbeiterinnen aus einer umstrittenen Therapie- und Lebensgemeinschaft überprüfen. Der Direktor und Chefarzt der Klinik für Depression und Angst zieht sich währenddessen von seinen Funktionen zurück. Beim Kanton ist aufgrund der Anstellungen eine Beschwerde hängig.
PZM Psychiatriezentrum Münsingen AG
Hauptgebäude und Eingang des PZM Psychiatriezentrum Münsingen AG. - nau.ch / Ueli Hiltpold

Der Verwaltungsrat und die Führung des Zentrums sei sich bewusst, dass eine transparente und unabhängige Aufarbeitung der Umstände erforderlich sei, teilte das Psychiatriezentrum am Mittwoch mit. Bis heute gebe es keine Hinweise, dass es zu Verstössen oder Fehlverhalten gekommen wäre. Sollte sich bei der Untersuchung zeigen, dass in der Vergangenheit Fehler passiert seien, werde man jedoch entsprechende Konsequenzen ziehen.

Konkret handelt es sich bei dem Fall um drei ehemalige Mitarbeiterinnen, die zur Zeit der Anstellung Mitglieder der Kirschblütengemeinschaft im solothurnischen Lüsslingen waren. Beim Verein Infosecta gilt die Kirschblütengemeinschaft als «sektenhafte Gruppierung», wie auf der entsprechenden Onlineseite zu lesen ist.

Ab 2017 arbeiteten zwei Vertreterinnen der Kirschblütengemeinschaft als Psychiaterinnen im Psychiatriezentrum. Zudem soll auch die Tochter des Gründers der Kirschblütengemeinschaft 2020 als Psychologin in Münsingen eingestellt worden sein. Alle drei seien dort inzwischen nicht mehr tätig.

«Das Psychiatriezentrum lehnt die von der Kirschblütengemeinschaft propagierten Therapien und psycholytischen Methoden explizit und nachdrücklich ab und praktiziert diese nicht», hiess es in der Mitteilung noch einmal ausdrücklich.

Nun hat der Verwaltungsrat des Psychiatriezentrums vier externe Fachexperten mit der Überprüfung der «fachlichen und anstellungsbezogenen Fragen» beauftragt. Die Abklärungen erfolgten unabhängig von der beim Kanton Bern eingereichten Aufsichtsbeschwerde und von der Motion im Grossen Rat, so das Psychatriezentrum. Selbstverständlich werde man allfällige Abklärungen durch die kantonalen Behörden ebenfalls «vollumfänglich» unterstützen, hiess es weiter.

Bei der beim Kanton vor zwei Wochen eingereichten Beschwerde handelt es sich um eine aufsichtsrechtliche Beschwerde. Gundekar Giebel, Sprecher der bernischen Gesundheitsdirektion, bestätigte damals entsprechende Infos in einem Artikel des «Beobachter».

Während der Untersuchung tritt der Direktor und Chefarzt der Klinik für Depression und Angst, Thomas Reisch, von seinen Funktionen zurück. Das habe der Verwaltungsrat mit Reisch vereinbart, teilte das Psychiatriezentrum mit. Er sei jedoch kein Mitglied der Kirschblütengemeinschaft und distanziere sich von deren umstrittenen Methoden, hiess es weiter.

Die Leitung der Klinik für Depression und Angst übernimmt interimistisch Ingo Butzke, Chefarzt der Klinik für Psychose und Abhängigkeit. Die ärztliche Direktion führt interimistisch Ivo Spicher, Direktor des Psychatriezentrums.

Gegründet wurde die Kirschblütengemeinschaft im Kanton Solothurn von dem 2017 verstorbenen Arzt und Psychiater Samuel Widmer. Seine Ansätze sind umstritten. Die Gemeinschaft verstehe sich als «avantgardistisches Experimentierfeld für Beziehungen» und beschäftige sich mit Lebensfragen wie Liebe, befreite Sexualität, Glücksfähigkeit und Erleuchtung.

Grundlagen von Widmers Therapien sind unter anderem Tantra und die Psycholyse, bei der unter anderem auch illegale Drogen wie LSD zum Einsatz kommen.

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