Kanton Bern: Arbeitsintegration – Biel und Bern reichen keine Offerte ein
Die Städte Biel und Bern sowie der Verein maxi.mumm nehmen nicht an der kantonalen Ausschreibung teil. Die Gründe sind fachlicher und finanzieller Natur.

Der Kanton Bern will das System für die Arbeitsintegration in der Sozialhilfe grundlegend verändern. Im Mai 2026 hat er sein neues Modell über eine Ausschreibung publiziert. Die Gemeinderäte der Städte Biel und Bern sowie der Verein maxi.mumm (Oberaargau) haben nach eingehender Prüfung entschieden, nicht an der Ausschreibung teilzunehmen, wie sie heute an einer gemeinsamen Medienkonferenz in Biel mitteilten.
Biel, Bern und maxi.mumm führen heute pro Jahr für rund 2500 Personen Integrationsmassnahmen durch. Diese sind bis Ende 2027 gesichert. Der Auftrag ab 2028 kann nicht kostendeckend betrieben werden und das neue System weist fachlich Mängel auf. Sie laden den Kanton zum Dialog ein.
Die Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion (GSI) des Kantons Bern beabsichtigt, das kantonale System der Beschäftigungs- und Integrationsangebote der Sozialhilfe (BIAS) grundlegend zu verändern. Dafür hat sie ein neues BIAS-Konzept entworfen und sucht seit Mai 2026 im Rahmen einer öffentlichen Ausschreibung Partnerorganisationen für dessen Umsetzung ab 2028. Die Frist für die Einreichung lief gestern ab.
Die Städte Bern und Biel sowie der Verein maxi.mumm, der von Gemeinden getragen wird, sind von diesen Entwicklungen direkt betroffen, da sie eigene Strukturen aufgebaut haben und seit vielen Jahren im Auftrag des Kantons erfolgreich Programme für die berufliche und soziale Integration betreiben. Die Stadt Biel und maxi.mumm tun dies in ihrem Einzugsgebiet für die jeweils angeschlossenen Gemeinden: Im Seeland sind es 59 Gemeinden; im Oberaargau 39 Gemeinden. Die Stadt Bern erbringt Leistungen für sich und arbeitet mit Gemeinden in der Umgebung.
Regionen reichen keine Offerte ein
Die Städte Biel (Perimeter Berner Jura und Seeland) und Bern (Perimeter Bern-Mittelland) sowie der Verein maxi.mumm (Perimeter Emmental-Oberaargau) haben eine Teilnahme an der Ausschreibung in den vergangenen Wochen eingehend geprüft. Sie haben entschieden, keine Offerte einzureichen. Die Gründe für diesen Entscheid sind fachlicher und finanzieller Natur.Mit den finanziellen Bedingungen der Ausschreibung kann der Auftrag nicht kostendeckend erbracht werden. Das neue anreizorientierte Abgeltungsmodell dürfte finanzielle Defizite in Millionenhöhe pro Jahr bringen, welche über Steuergelder der beiden Städte und der hinter dem Verein maxi.mumm stehenden Gemeinden ausgeglichen werden müssten. Gemeinderätin Natasha Pittet aus Biel sagte: «Der vom Kantonsparlament gesprochene Kredit wäre ausreichend. Die Gelder können aber aufgrund bürokratischer Zusatzhürden nicht für die erbrachten Leistungen abgerechnet werden. Auch getätigte Investitionen und Innovationen können so nicht refinanziert werden. Für das Seeland und den Berner Jura sind diese Regelungen aus Sicht von Biel nicht tragbar.»
Integrationsplätze fallen weg
Das neue Modell sieht keine langfristigen Integrationsplätze mehr für Personen vor, die nur geringe Chancen haben, auf dem regulären Arbeitsmarkt Fuss fassen zu können.
«Damit würden für eine grosse Gruppe von Personen in der Sozialhilfe Angebote wegfallen, die ihnen eine Tagesstruktur, soziale Kontakte und eine sinnstiftende Tätigkeit ermöglichten. Die Gemeinden würden so mit dem neuen System doppelt zahlen – einerseits müssten die Risiken getragen werden, anderseits die wegfallenden Angebote neu kommunal finanziert werden, weil sie nötig sind», sagte Gemeinderätin Ursina Anderegg aus Bern. Anschlusslösungen für soziale Integrationsangebote sind keine in Sicht.
Das künftige System wird den von den Gemeinden und Städten im Kanton Bern geführten Sozialdiensten neue Aufgaben zuweisen, die zu einer versteckten Lastenverschiebung führen. Die Sozialdienste sollen künftig die Abklärungen für Programmzuweisungen machen. «Dies, obwohl das Personal weder über die dafür nötigen Fachkenntnisse noch über die Zeit für diese zusätzliche Aufgabe verfügt», gab Thomas Eggler, Leiter des Sozialamts in Langenthal und Co-Präsident von maxi.mumm, zu bedenken.
Kooperationen im Berner Oberland bedroht
Das neue System sieht vor, dass die Programmteilnehmenden künftig vor allem in den eigenen Betrieben der Partnerinnen und Partner-Organisationen oder bei deren Subunternehmen eingesetzt und gefördert werden. Plätze bei Firmen in der Privatwirtschaft sind nur noch in eingeschränkterem Umfang möglich. Dies bedingt einen Ausbau staatlicher Strukturen und gleichzeitig einen Abbau vieler erfolgreicher Kooperationen mit Wirtschaftspartnerinnen und Wirtschaftspartnern.
Dies bedauert auch Markus Bieri, Leiter der Sozialabteilung des Regionalen Sozialdienstes Frutigen im Berner Oberland: «Dieser Systemwechsel ist fachlich nicht nachvollziehbar».
Die Berner Städte und Gemeinden haben eine Optimierung des aktuellen Systems stets unterstützt und der zuständigen kantonalen Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion GSI ihre Mitarbeit angeboten. Dies vor allem, weil das Leistungsfeld durch Kanton und Gemeinden gemeinsam finanziert wird. Die Gemeinderäte der Städte Biel und Bern sowie der Vorstand des Vereins maxi.mumm bedauern deshalb sehr, dass das neue System ohne Einbezug der bisherigen Träger-Gemeinden erarbeitet wurde und nun wesentlich von fachlichen Empfehlungen sowie Erfahrungswerten abweicht.
Ebenso wird bedauert, dass die von den Städten und Gemeinden aufgebauten Strukturen möglicherweise aufgegeben werden müssen und die über Jahre getätigten Investitionen damit verloren gehen.
Offen für Dialog
Für die Städte Biel und Bern und den Verein maxi.mumm, der im Auftrag von Gemeinden handelt, ist es wichtig, nun gemeinsam eine breit getragene Lösung zu finden. Sie sind dazu bereit, die Arbeitsintegration in ihren Regionen weiterhin mitzutragen und zu prägen, brauchen dafür aber realistische Bedingungen. Sie laden den Regierungsrat des Kantons Bern dazu ein, den von der GSI eingeschlagenen Weg in der Arbeitsintegration zu überprüfen, ein partizipatives Vorgehen zusammen mit den Berner Gemeinden zu wählen und mit diesen baldmöglichst in einen konstruktiven Dialog zu treten.
Diesen Dialog braucht es unabhängig von allfälligen Zuschlägen an andere Anbietende, um allfällig entstehende Lücken im System zusammen mit den Gemeinden anzugehen.






