Der diesjährige Wissenschaftspreis der Stadt Basel geht an Prof. Jörg Andreas Bötticher.
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Die Stadt Basel. - Pixabay

Der Regierungsrat hat an seiner heutigen Sitzung den diesjährigen Wissenschaftspreis Herrn Prof. Jörg Andreas Bötticher verliehen. Der Wissenschaftspreis in der Höhe von 20'000 Franken wird alljährlich und im Turnus der sieben Fakultäten Forschenden zuerkannt, die zur Universität Basel in Beziehung stehen und sich durch herausragende wissenschaftliche Leistungen hervorgetan haben. Mit der Verleihung des Wissenschaftspreises 2020 an Prof. Jörg Andreas Bötticher ehrt die Stadt Basel einen international renommierten Experten für Alte Musik und ihre historische Aufführungspraxis.

Prof. Jörg Andreas Bötticher hat seine musikwissenschaftliche Ausbildung in Basel erhalten. Seit 1997 ist er Dozent für Cembalo, Generalbass und Kammermusik an der Schola Cantorum Basiliensis der Hochschule für Musik FHNW.

Von 1998 bis 2016 unterrichtete er an der Hochschule für Musik FHNW die Aufführungspraxis älterer Musik. Seine Lehrtätigkeit übte er auch an zahlreichen anderen Musikinstituten aus, so auch am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel. An der Predigerkirche Basel mit ihren drei historischen Orgeln ist er seit 1996 als Organist tätig.

Böttichers Forschungsschwerpunkte sind die am Generalbass orientierte Kompositions- und Aufführungspraxis, Fragen der Musikästhetik sowie die Musik des italienischen Frühbarocks bis hin zu Johann Sebastian Bach und seinen Nachfolgern. Er widmet sich besonders unbekannteren Komponisten, deren Werk und musikalische Netzwerke er erforscht, ediert und für die Aufführung zugänglich macht. Ausgezeichnet hat er sich insbesondere durch seine Forschungen zum Generalbass, der das Fundament und das harmonische Gerüst in der Musik von etwa 1600 bis etwa 1800 bildet, sowie für seine aufführungspraktische Erschliessung barocker Kompositionen.

Impulsgebender Mitinitiator, Organist und künstlerischer Leiter der Gesamtaufführung der 200 überlieferten Bachkantaten

Zwei unter seiner Leitung aufgeführte Konzertreihen veranschaulichen diese forscherischen Interessen und ihre Vermittlung an die Öffentlichkeit beispielhaft. So war Bötticher impulsgebender Mitinitiator, Organist und künstlerischer Leiter der Gesamtaufführung der 200 überlieferten Bachkantaten, für die er in wechselnden Ensembles jeweils Studierende, Absolventen wie auch Lehrende der Schola und weitere Solisten von Weltrang versammelte.

Das Besondere dieses Gesamtaufführungszyklus, der in der Schweiz erstmalig stattfand, lag unter anderem in der Wahl eines nichtliturgischen, überkonfessionellen Rahmens sowie in den aufführungspraktisch innovativen Ansätzen (beispielsweise im durchgängigen Einsatz historischer Instrumente). Zum andern zeichnete sich das Projekt durch den Versuch aus, die Musik Bachs kulturwissenschaftlich einzubetten und mit musikwissenschaftlichen, psychologischen, literaturwissenschaftlichen, historischen und theologischen Reflexionen zu begleiten.

Diese multidisziplinären Werkeinführungen wurden 2012 in einem hervorragend aufbereiteten Buch publiziert. Der doppelte Fokus auf die Aufführungspraxis und den kulturgeschichtlichen Hintergrund kann als singulär gelten und hat das Buch sehr schnell zu einem Standard-Nachschlagewerk werden lassen.

Die Forschungen von Jörg Andreas Bötticher sind auch wesentliche Voraussetzung für das Konzept und die Programme der seit 2013 an jedem zweiten Sonntag im Monat stattfindenden Basler Abendmusiken. Die Basler Reihe hat zum Ziel, das wenig beachtete und kaum bekannte Repertoire der musikalischen Welt vor Bach zu vermitteln.

Die Partituren der in diesem Rahmen zur Aufführung gebrachten Werke oftmals weitgehend unbekannter oder unerforschter Komponisten liegen meistenteils nicht in modernen Editionen vor. Damit sie spielbar sind, müssen sie in Archiven gesucht und aus der nach damaliger Praxis nur rudimentär bzw. verkürzt angegebenen Notation übersetzt und lesbar gemacht werden. Dazu gehört eine breit gefächerte Kenntnis der historischen Aufführungspraxis und ein an ihr geschultes musikalisches Stilgefühl.

Bötticher verbindet Gelehrsamkeit und Virtuosität

Jörg Andreas Bötticher verbindet als Forscher und als praktizierender Musiker Gelehrsamkeit und Virtuosität in seltenem Gleichmass. Nicht nur seine Studierenden, sondern auch ein grösseres Publikum vermag er auf hohem Niveau für musikwissenschaftliche Forschung zu interessieren.

Als ungewöhnlicher Forscher und Lehrer und als exzellenter Cembalist und Organist entspricht Bötticher damit in ausgezeichneter Weise dem Anspruch, den die Schola Cantorum Basiliensis seit ihrer Gründung durch Paul Sacher verfolgt, nämlich als «Lehr- und Forschungsinstitut für Alte Musik» wissenschaftliche und praktische Expertise zu verbinden.

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