Antibiotika: Zwischen Resistenzen und Renditedruck

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Zürich,

Der Pharmakonzern Roche hat angekündigt, für die Produktion seines Antibiotikums Rocephin einen Partner zu suchen. Der Grund: Angesichts steigender Herstellungskosten und extrem tiefer Preise lohnt sich die Produktion nicht länger. Aber auch wissenschaftlich stellen Antibiotika die Pharmafirmen vor grosse Herausforderungen.

Antibiotika
Antibiotika: Zwischen Resistenzen und Renditedruck. - keystone

Antibiotika sind Medikamente, die bakterielle Infektionen bekämpfen. Sie wirken entweder, indem sie Bakterien abtöten (bakterizid) oder deren Vermehrung hemmen (bakteriostatisch). Dabei wirken Antibiotika nur gegen Bakterien, nicht gegen Viren wie etwa Grippe. Sie wirken, indem sie lebenswichtige Strukturen oder Stoffwechselprozesse von Bakterien angreifen – etwa die Zellwand, die Proteinsynthese oder die DNA-Replikation – und so das Wachstum hemmen oder die Erreger abtöten. Seit ihrer Entdeckung Mitte des 20. Jahrhunderts haben sie Millionen Leben gerettet – etwa bei Lungenentzündungen, Sepsis oder schweren Wundinfektionen.

Das Problem mit den gängigen Antibiotika ist, dass ihr Nutzen zunehmend schwindet. Dies liegt daran, dass Bakterien Resistenzen entwickeln. Wie Daten der Weltgesundheitsorganisation WHO zeigen, steigt der Resistenzgrad weltweit stetig an: Bei über 40 Prozent der untersuchten Bakterien-Antibiotika-Kombinationen nahmen Resistenzraten zwischen 2018 und 2023 stark zu.

Die Forschung kämpft an zwei Fronten: der medizinischen und der kommerziellen. Vor allem bietet das Geschäft mit Antibiotika nur eine geringe Profitabilität. In der Regel werden die Mittel nur kurz und gezielt eingesetzt. Anders als bei Wirkstoffen für chronische Krankheiten sind die Einnahmen damit trotz hoher Entwicklungskosten niedrig. Von der Entdeckung bis zur Marktreife kann die Entwicklung eines neuen Antibiotikums über eine Milliarde US-Dollar verschlingen und mehr als ein Jahrzehnt dauern. Immer wieder taucht in Diskussionen über Medikamentenpreise der Vorwurf auf, dass eine Packung Kaugummis heute teurer ist als eine Packung Antibiotika.

Es gibt das sogenannte Feuerlöscher-Problem: Denn neu entwickelte Antibiotika sollen möglichst sparsam eingesetzt werden, um einer schnellen Resistenzentwicklung vorzubeugen. Dadurch verkaufen sich neue Wirkstoffe aber nur in sehr geringem Umfang, was wiederum den Umsatz schrumpfen lässt. Wie Analyst Stefan Schneider von Vontobel erklärt: Neue Antibiotika werden zwar von den Spitälern gekauft, dann aber im Keller gelagert. «Sie setzen das neue Mittel nur im Notfall ein, aber im Normalfall bleibt es liegen – wirtschaftlich lohnt sich das also kaum.»

Die meisten grossen Antibiotikaklassen – zum Beispiel Penicilline, Cephalosporine, Tetracycline, Makrolide – wurden zwischen den 1940er- und 1980er-Jahren entdeckt. Wie WHO-Zahlen von 2023 bis 2025 zeigen, befanden sich in dem Zeitraum 90 antibakterielle Wirkstoffe in der klinischen Entwicklung. Davon waren 50 klassische Antibiotika, 15 gelten als wirklich innovativ und nur 5 richteten sich gegen Erreger, die von der WHO als «Critical Priority» eingestuft werden.

Viele der grossen Pharmakonzerne haben sich aus der aktiven Forschung zurückgezogen, verfügen aber noch über Antibiotika in ihrem Portfolio. Aktive Forschung auf dem Gebiet betreiben heute noch der Schweizer Konzern Roche, das US-Unternehmen Merck & Co. oder die britische Firma GlaxoSmithKline. Für sie alle stellen Antibiotika aber strategisch meist kein Kerngeschäft mehr dar. Die eigentlichen Treiber sind eher die kleinen Biotechs. Einer davon ist beispielsweise die hiesige Basilea.

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