Zürich: Darf es Feste und Konzerte auf Friedhöfen geben?
Die Nutzung der Zürcher Friedhöfe sorgt immer wieder für Diskussionen. Nun will die Stadt ihre 19 Friedhöfe weiterentwickeln und die Bevölkerung einbeziehen.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Zürcher Friedhöfe sind längst nicht mehr ausschliesslich Orte des Abschieds.
- Doch nicht jede Nutzung stösst auf Begeisterung.
- Nun will die Stadt ihre 19 Friedhöfe für die Zukunft rüsten – auch die Bevölkerung soll mitreden.
Ein Konzert auf dem Friedhof, eine Kunstausstellung im Krematorium oder eine Party in unmittelbarer Nähe von Gräbern: Die Zürcher Friedhöfe sind längst nicht mehr ausschliesslich Orte der Trauer und des Abschieds. Sie dienen auch als Grünanlagen, kulturelle Begegnungsorte und Stätten des öffentlichen Gedenkens.
Doch nicht jede Nutzung stösst auf Begeisterung. Wie viel Leben verträgt ein Ort der Toten? Diese Frage dürfte auch bei der neuen Strategie «Zukunft Zürcher Friedhöfe» eine Rolle spielen. Die Stadt will damit festlegen, wie sich ihre 19 Friedhöfe langfristig entwickeln sollen.
Seit Montag kann die Bevölkerung ihre Vorstellungen auf der städtischen Mitwirkungsplattform einbringen. Hintergrund ist der Wandel der Bestattungskultur.

Klassische Reihengräber, Familiengräber und Urnennischen verlieren zunehmend an Bedeutung. Stattdessen entscheiden sich immer mehr Menschen für Gemeinschaftsgräber und alternative Bestattungsformen. Dadurch werden Flächen frei, die auch als Lebensraum für Pflanzen und Tiere sowie zur stillen Erholung dienen können.
Dass unterschiedliche Vorstellungen über die Nutzung der Friedhöfe aufeinanderprallen, zeigte sich wiederholt auf dem Friedhof Sihlfeld. Seit Oktober 2015 ist der Friedhof rund um die Uhr zugänglich. Die nächtliche Öffnung sorgte wiederholt für Kontroversen.
Berichte über Partys sowie Alkohol- und Drogenkonsum lösten politische Debatten aus. Während die einen die Totenruhe gefährdet sahen, wollten andere den Friedhof als frei zugänglichen Erholungsraum für die Quartierbevölkerung erhalten.
Der Streit um die Öffnungszeiten beschäftigte schliesslich auch die Gerichte. Das Bundesgericht trat 2024 auf die Beschwerden gegen die nächtliche Öffnung nicht ein. Und erst im vergangenen Juni sorgte eine Feier von Grün Stadt Zürich für Schlagzeilen.
Rund 300 Gäste begingen mit Musik und Buffet das 25-jährige Bestehen der Dienstabteilung. Die Veranstaltung fand laut Stadt auf einem Werkhof unmittelbar neben dem Friedhof statt.
Wegen einer Lärmbeschwerde rückte die Polizei aus. Gleichzeitig entwickeln sich Friedhöfe zu Orten einer vielfältigeren Erinnerungskultur. Dazu gehören etwa das erste Queer Memorial der Schweiz sowie kulturelle Veranstaltungen und Ausstellungen auf Friedhofsarealen.
«Wertvolle Freiräume»
Die Stadt will mit ihrer neuen Strategie unterschiedliche Ansprüche an die Friedhöfe aufeinander abstimmen. «Die Stadt Zürich versteht ihre Friedhöfe sowohl als Orte des Abschieds als auch als wertvolle Grün- und Freiräume in den Quartieren», sagt Stadtpräsident Raphael Golta.
Bis 22. November können Zürcherinnen und Zürcher auf der städtischen Mitwirkungsplattform ihre Ideen einbringen. Ergänzend finden Veranstaltungen auf den Friedhöfen Sihlfeld, Nordheim und Witikon statt. Die Ergebnisse sollen in die Strategie einfliessen.
Konkrete Massnahmen werden anschliessend schrittweise geprüft. Damit steht die Stadt vor einer heiklen Aufgabe: Sie muss Raum für neue Nutzungen schaffen, ohne jene Menschen aus den Augen zu verlieren, für die ein Friedhof vor allem ein Ort der Trauer und der Erinnerung ist.
Dass Veränderungen im Bestattungswesen Emotionen wecken, hat in Zürich Tradition. Als 1877 der «Zentralfriedhof Sihlfeld» eröffnet wurde, war das Bestattungswesen gerade erst von der kirchlichen in die staatliche Verantwortung übergegangen.
Die Bundesverfassung von 1874 hatte dafür den Weg geebnet. Der neue Friedhof stand allen Stadtzürcherinnen und Stadtzürchern unabhängig von ihrer Konfession offen. Zwölf Jahre später sorgte die Eröffnung des ersten Krematoriums der Schweiz auf dem Friedhof Sihlfeld für Aufsehen.
Die Feuerbestattung war damals höchst umstritten. Für Kritiker war das Krematorium gar ein Symbol eines «Neuheidentums». Bei seiner Eröffnung 1889 wurde die neue Einrichtung hingegen als «Hort der Pietät und der Duldung» gefeiert.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.








