Von Uni Bern: Jetzt soll man mit Kaugummi abnehmen!

    Simon Ulrich
    Simon Ulrich

    Bern,

    Dreimal täglich 20 Minuten kauen: Ein Ballaststoff-Kaugummi soll beim Abnehmen helfen. Erste Resultate bei Jugendlichen machen Forschenden Hoffnung.

    Kaugummi
    Der «Fibregum» enthält besonders viele Ballaststoffe und soll länger satt machen. Bei 105 Jugendlichen sank ein wichtiger BMI-Wert nach sechs Monaten. (Symbolbild) - pixabay/keystone

    Das Wichtigste in Kürze

    • Die Universität Bern erforscht einen Kaugummi mit vielen Ballaststoffen.
    • Er soll das Darmmikrobiom beeinflussen und beim Abnehmen unterstützen.
    • Bei 105 Kindern mit Adipositas sank der BMI-Z-Score nach sechs Monaten.

    Dreimal täglich für 20 Minuten Kaugummi kauen – und dadurch abnehmen? Was zunächst nach einem zweifelhaften Diät-Tipp klingt, wird an der Universität Bern wissenschaftlich untersucht.

    Ein Forschungsteam hat einen speziellen Kaugummi entwickelt, der grosse Mengen Ballaststoffe enthält. Sie sollen über den Darm den Stoffwechsel günstig beeinflussen und so die Gewichtsreduktion unterstützen.

    Erste Ergebnisse bei Kindern und Jugendlichen stimmen Studienleiterin Maria Luisa Balmer zuversichtlich. «Die Resultate sind sehr ermutigend und zeigen, dass unser wissenschaftlicher Ansatz Potenzial besitzt», sagt Balmer zu Nau.ch.

    BMI-Wert ging nach sechs Monaten zurück

    An der Studie nahmen 105 Kinder und Jugendliche mit Adipositas im Alter von 10 bis 16 Jahren teil. Der Kaugummi wurde dabei als Ergänzung zur üblichen Adipositasbehandlung eingesetzt.

    Nach sechs Monaten beobachteten die Forschenden im Durchschnitt eine Reduktion des sogenannten BMI-Z-Scores um rund 7,5 Prozent gegenüber dem Ausgangswert. Gleichzeitig ging insbesondere das Fettgewebe zurück.

    Der BMI-Z-Score zeigt bei Kindern und Jugendlichen, wie stark ihr Body-Mass-Index vom für Alter und Geschlecht typischen Wert abweicht. Er eignet sich deshalb besser zur Beurteilung der Gewichtsentwicklung als der gewöhnliche BMI.

    Eine weitere Studie mit Erwachsenen läuft derzeit.

    Ballaststoffe gelangen beim Kauen in den Darm

    Doch wie soll ausgerechnet ein Kaugummi beim Abnehmen helfen?

    Der sogenannte Fibregum funktioniert anders als ein herkömmlicher Kaugummi. Rund ein Drittel besteht aus Pflanzenfasern, also Ballaststoffen. Diese lösen sich beim Kauen, werden geschluckt und gelangen in den Magen-Darm-Trakt.

    Dort sollen sie das Darmmikrobiom beeinflussen. Damit sind die unzähligen Mikroorganismen gemeint, die in unserem Darm leben und unter anderem an der Verdauung beteiligt sind.

    Fibregum
    Maria Luisa Balmer ist Assistenzprofessorin und Forschungsgruppenleiterin an der Universität Bern und am Diabetes Center Berne und Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin. - Universität Bern / Dres Hubacher

    Balmer erklärt: «Durch die Einnahme des Fibregums wird das Mikrobiom wiederhergestellt, was eine bessere Verdauung sowie ein erhöhtes Sättigungsgefühl bewirken.»

    Wie genau diese Veränderungen im Darm mit der Gewichtsreduktion zusammenhängen, ist noch Gegenstand der Forschung.

    Hinzu kommt ein einfacherer Effekt: Wer Kaugummi kaut, greift möglicherweise seltener zu Snacks zwischen den Mahlzeiten.

    Dreimal täglich 20 Minuten kauen

    Die Anwendung ist simpel. In den bisherigen Studien kauten die Teilnehmenden dreimal täglich jeweils rund 20 Minuten einen Fibregum.

    Nach etwa sechs Monaten könnte die Menge laut Balmer möglicherweise auf ein bis zwei Kaugummis pro Tag reduziert werden.

    Würdest du einen Kaugummi ausprobieren, der beim Abnehmen helfen soll?

    Die Idee dahinter: Der Kaugummi soll nicht nur kurzfristig beim Abnehmen helfen. Die Forschenden hoffen vielmehr, das Darmmikrobiom längerfristig zu verändern und damit einen nachhaltigen Effekt zu erzielen.

    Balmer sagt: «Anders als bei gängigen Methoden zur Gewichtsreduktion streben wir eine nachhaltige Gewichtsreduktion durch eine bleibende Veränderung des Mikrobioms an, um den gefürchteten Jojo-Effekt zu vermeiden.»

    Bislang sei der Kaugummi sehr gut vertragen worden. Schwerwiegende unerwünschte Wirkungen seien in den bisherigen Studien nicht beobachtet worden.

    Zunächst für Menschen mit Übergewicht gedacht

    Vorerst richtet sich die Entwicklung vor allem an Menschen mit Übergewicht. Die bisherigen klinischen Studien konzentrieren sich auf Personen mit einem BMI von über 25. Das wäre beispielsweise eine 1.75 Meter grosse Person mit einem Gewicht von mehr als 76,6 Kilogramm.

    Ob der Kaugummi später auch von normalgewichtigen Menschen vorbeugend eingesetzt werden könnte, ist noch offen. Dafür wären weitere Studien nötig.

    Balmer betont zudem, dass Fibregum eine gesunde Ernährung nicht ersetzen soll.

    Viele Menschen nähmen im Alltag zu wenig Ballaststoffe zu sich. Der Kaugummi könnte die tägliche Zufuhr ergänzen und so einen gesünderen Lebensstil unterstützen.

    Markteinführung für 2027 geplant

    Langfristig soll Fibregum möglichst einfach und ohne Rezept erhältlich sein. Wann es so weit ist, steht allerdings noch nicht fest.

    Ziel sei die Markteinführung im Jahr 2027, sagt Balmer. Zunächst müsse die laufende Studie mit Erwachsenen abgeschlossen und wissenschaftlich ausgewertet werden.

    Erst danach wollen die Forschenden gemeinsam mit ihren Partnern über die nächsten Schritte entscheiden. «Aussagen zu Preis oder Vertrieb sind deshalb derzeit noch verfrüht», so Balmer.

    Fibregum
    Die Resultate der ersten Fibregum-Studie mit Kindern und Jugendlichen sind vielversprechend. - Diabetes Center Berne

    Präbiotische Ballaststoffe gibt es bereits heute in zahlreichen Nahrungsergänzungsmitteln.

    Neu ist beim Fibregum laut Balmer die spezielle Form: Die Nahrungsfasern lösen sich bereits beim Kauen und gelangen so in verschiedene Abschnitte des Magen-Darm-Trakts.

    Als schnelles Wundermittel will Balmer den Fibregum allerdings nicht verstanden wissen. Sie sagt: «Unser Ziel ist es nicht, einen weiteren ‹Abnehm-Hype› zu schaffen.»

    Kommentare

    User #4540 (nicht angemeldet)

    Aber bitte, dass nicht auf Zahnprothese klebt.

    User #5558 (nicht angemeldet)

    Ist die Studie Placebo-kontrolliert, also Kaugummis mit gegen Kaugummis ohne Fasern?

    Weiterlesen

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