Verkoten alles: Ärger wegen Störchen in Uznach SG
Uznachs Störche spalten die Bevölkerung. Wegen der Verschmutzung soll die Storchenpopulation verkleinert werden.

Es ist ein Bild wie aus einem Märchenbuch. Mitten in Uznach, auf dem Dach der Kreuzkirche, thronen die Störche. Rund ein halbes Dutzend Brutpaare hat sich dort niedergelassen.
Sie klappern, kreisen über den Dächern und machen keinerlei Anstalten, die Ferien im Süden anzutreten. Frei nach dem Motto: Sie sind gekommen, um zu bleiben. Für Touristen, Kinder und Naturliebhaber ist dies ein wunderbares Schauspiel.
Für die Besitzer jener Häuser, über denen die Adebare ihre Kreise ziehen und darauf nisten, ist es mitunter eher ein Horrormärchen. Denn wo oben geflattert und geschnäbelt wird, kommt unten irgendwann etwas herunter. Und zwar reichlich.
Der Weiss-storch ist in Uznach längst mehr als ein Vogel. Er gehört zum Ortsbild, zur Geschichte und irgendwie zur Identität des Städtchens. In den 1950er-Jahren war der Storch ausgestorben.
In den 1960er-Jahren begann die Wiederansiedlung, unter anderem mit Tieren aus Algerien. Danach entwickelte sich die Geschichte zur Erfolgsstory: 2021 und 2022 wurden mit 75 beziehungsweise 103 beringten Jungstörchen neue Rekorde registriert.

Nur hat jeder Erfolg irgendwann ein kleines Problem, wenn er zu gross wird. 2012 zählte Uznach 62 Störche in 30 Horsten. 2023 waren es bereits 118 Störche in 59 Gelegen. In diesem Jahr kamen nochmals rund 100 Jungstörche dazu. Die Gemeinde findet deshalb: Es reicht.
Der Ärger liegt auf dem Dach
Denn der Storch hinterlässt nicht nur schöne Bilder. Dächer, Fassaden, Regenrinnen, Photovoltaikanlagen, Kamine, Parkplätze und Sitzbänke können unter der Hinterlassenschaft der Vögel leiden. Die Gemeinde berichtet von Anlagen, die während der Brutzeit teilweise bis zur Unbrauchbarkeit verkotet werden.
Hinzu kommen Beschwerden über Nester, Äste, tote Jungtiere und den Aufwand, den Hauseigentümer mit Reinigung und Unterhalt haben. Eine Hausbesitzerin hat dafür mittlerweile einen sehr eigenen Namen gefunden: «Storchen-Mafia».
Sie spricht von nicht eingehaltenen Versprechungen und rund 7000 Franken, die sie in den vergangenen fünf Jahren für Reinigung und Renovationen ausgeben musste. Einen toten Storch habe sie sogar auf eigene Kosten vom Dach entfernen lassen. Sie betont, dass sie grundsätzlich nichts gegen die Tiere habe.
Nur: Innerhalb des Ortes seien sie schlicht fehl am Platz. Auf ihrem Dach versucht sie sich inzwischen mit einer Storchenabwehr aus Drähten und Windrädern zu helfen. Eine elektrische Lösung, die die Tiere mit Stromstössen fernhalten würde, wurde ihr nicht erlaubt.
Der Storchenpräsident bleibt gelassen
Bruno Bachmann, Präsident des Storchenvereins Uznach, kann mit der Idee einer Dezimierung der Population wenig anfangen. Er verweist darauf, dass der Storch ein geschütztes Tier ist. Und die Wiederansiedlung eine Erfolgsgeschichte, auf die Uznach eigentlich stolz sein müsste.
Er kritisiert vor allem, dass die Gemeinde ihre Pläne nicht zuerst mit spezialisierten Fachstellen wie «Storch Schweiz» oder der Vogelwarte Sempach abgestimmt habe. Bachmann glaubt zudem, dass die derzeitige Situation auch eine Momentaufnahme sein könnte. Die Vögel würden sich zunehmend andere Brutgebiete suchen.

Und ganz untätig ist der Storchenverein ohnehin nicht: Jährlich fliessen zwischen 10'000 und 15'000 Franken in Dachreinigungen. Auch die 5000 Franken, welche die Gemeinde erstmals in diesem Jahr zugesprochen hat, sollen dafür eingesetzt werden. Bachmann nimmt die Angelegenheit sogar mit Humor.
Schliesslich verfügt Uznach über ein Spital mit Geburtenabteilung. Dass sich der Storch hier besonders wohlfühle, sei da eigentlich keine Überraschung.
Gemeindepräsident will nicht zuschauen
Gemeindepräsident Diego Forrer sieht die Sache naturgemäss etwas anders. Der Storch soll Uznach keineswegs verlassen – im Gegenteil: Er gehört für den Gemeindepräsidenten weiterhin zum Ortsbild. Doch die Entwicklung der vergangenen zwei Jahrzehnte habe eine Dimension erreicht, bei der die Gemeinde nicht einfach zuschauen könne.
Forrer und der Gemeinderat lancierten deshalb einen Vorstoss zur Halbierung der Storchenzahl. Eine stattliche Population sollte dabei erhalten bleiben. Allerdings in einem Verhältnis, das mit Menschen, Siedlung und Natur vereinbar sei.
Die Gemeinde setzt dabei auf die Fachstellen von Bund und Kanton und will Möglichkeiten schaffen, wie sich Eigentümer schneller gegen neue Nester schützen können. Konkret forderte Uznach, den Bestand innerhalb von vier Jahren um 50 Prozent zu senken. Zudem sollten Nester ausserhalb der Brutzeit einfacher entfernt werden können und Hausbesitzer bei Reinigungskosten oder Schäden entschädigt werden.

Wer diese Entschädigungen dereinst bezahlen soll, ist allerdings noch offen. Aus Sicht der Gemeinde wären Bund und Kanton gefordert. Unterdessen relativiert der Gemeindepräsident sein Vorhaben etwas: «Wenn wir nur 20 Störche weniger hätten, wäre das auch okay.»
Zwischen Romantik und Realität
Die Frage ist also längst nicht mehr nur, ob der Storch schön anzusehen ist. Natürlich ist er das. Er gehört zu Uznach wie die Kirche und das «Städtli».
Aber ein Wahrzeichen kann auch anstrengend werden. Wenn der Balkon nicht mehr benutzbar ist, die Regenrinne verstopft, der Dachdecker regelmässig ausrücken muss und selbst ein toter Storch zur privaten Entsorgungsfrage wird, verliert das Märchen an Glanz.
Uznach steht damit vor einem ziemlich speziellen Dilemma: Die Gemeinde möchte die Störche behalten – nur bitte nicht alle. Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Kunst der Storchenpolitik: nicht das Glück aus Uznach zu vertreiben, sondern ihm beizubringen, wo es gefälligst hinmachen soll.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in der «Toggenburger Zeitung» erschienen.








