Erdbeben

Venezuela-Erdbeben: Diese St. Gallerin suchte Opfer

Astrid Nakhostin
Astrid Nakhostin

Rorschach,

Nach dem Erdbeben in Venezuela half Catherine Perren aus Mörschwil bei der Suche nach Verschütteten. Vor Kurzem kehrte sie zurück.

Catherine Perren mit einem der Einsatzhunde vor dem Abflug nach Venezuela.
Catherine Perren mit einem der Einsatzhunde vor dem Abflug nach Venezuela. - pd

Als die Rettungshunde zwischen den Trümmern eines eingestürzten Wohnhauses anschlagen, wagt niemand mehr, auf ein Wunder zu hoffen. Mehr als drei Tage sind seit dem Erdbeben vergangen. Die Hitze ist drückend, die Luft steht, Staub liegt über den Strassen.

Die Person konnte nicht mehr lebend geborgen werden. Für Catherine Perren aus Mörschwil sind es Momente wie diese, die sie nicht vergisst. Eine Woche lang war sie im Erdbebengebiet von Venezuela als Equipenleiterin eines Schweizer Suchhundeteams im Einsatz.

Menschen lebend zu retten, gelang nicht mehr. Dennoch ist sie überzeugt, dass ihre Arbeit einen Sinn hatte. «Wir konnten den Familien ihre Angehörigen zurückgeben. Für ihren Trauerprozess bedeutet das sehr viel.»

Der internationale Einsatz von rund fünfzig Such- und Rettungsteams, darunter auch der Rettungskette Schweiz, hat die Rettung von zwölf Menschenleben ermöglicht. Alle Teams hatten durch die Bergungsarbeit und die Markierung der Orte zu diesem Ergebnis beigetragen.

Erschöpfte Rückkehr

Als Perren zurück in Zürich landet, klingt ihre Stimme erschöpft. «Ich bin müde. Sehr müde.» Mehr als eine Woche lang bestimmten zerstörte Häuser, endlose Arbeitstage, unendlich heisse und viel zu kurze Nächte ihren Alltag.

Seit vielen Jahren engagiert sich die Mörschwilerin bei der Schweizer Rettungshundeorganisation «Redog». Der Alarm erreichte sie am frühen Morgen des 25. Juni, nur wenige Stunden nach dem schweren Erdbeben in Venezuela.

«In meiner Funktion ist man auf so etwas irgendwie immer vorbereitet.» Noch am selben Abend versammelte sich das Schweizer Such- und Rettungsteam am Flughafen Zürich. Zu Perrens Einheit gehörten acht Hundeführer mit ihren Rettungshunden sowie vier Equipenleiter.

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Rettungskräfte suchen in Venezuela nach Überlebenden. - keystone

Ihre beiden eigenen Hunde blieben in der Schweiz. Der eine ist seit einer Rückenoperation nicht mehr aktiv bei «Redog», der andere befindet sich erst in der Ausbildung. Kurz nach Mitternacht startete die Sondermaschine, beladen mit der gesamten Infrastruktur für eine Woche, Richtung Südamerika.

Nach rund zehn Stunden erreichte das Team Venezuela. Doch der Einsatz begann nicht in den Trümmern, sondern mit Warten. Weil der Flughafen von Caracas beschädigt war, landete die Maschine auf einem Ausweichflughafen.

Etliche Zeit harrten die Einsatzkräfte aus, bevor sie mit Bussen weiterfahren konnten. Die Strassen Richtung Küstenstadt La Guiara, das von der Katastrophe besonders stark betroffen ist, waren völlig verstopft.

«Alle wollten zu ihren Angehörigen oder Freunden. Wir standen praktisch nur im Stau – stundenlang und in brütender Hitze.» Die Fahrt führte vorbei an Müllbergen, zerstörter Infrastruktur und Stränden, an denen sich Abfall türmte.

Kurz vor dem Ziel übernahm das Militär die Eskorte. Fast 22 Stunden nach dem Abflug erreichte das Schweizer Team schliesslich das Basislager. Untergebracht wurden die internationalen Einsatzkräfte in einem Baseballstadion.

Teams aus Deutschland, den Niederlanden, Spanien und weiteren Ländern bereiteten sich dort auf ihre Einsätze vor. Die Schweizer hatten alles Notwendige selbst mitgebracht, von den Zelten bis zur Verpflegung.

Unermüdlicher Einsatz

Schon kurz nach der Ankunft begann die Suche. Die Zerstörung war gewaltig. Ganze Wohnhäuser waren in sich zusammengesackt oder zur Seite geknickt. «Daneben standen Gebäude, die das Erdbeben beinahe unbeschadet überstanden hatten.»

Bevor die Hunde eingesetzt wurden, prüften Bauingenieure jedes Gebäude. Erst wenn keine akute Einsturzgefahr bestand, begann die Suche. Gebäude um Gebäude. Strasse um Strasse.

Perren und ihr Kollege Gian Forster koordinierten die Einsätze ihrer Rettungshunde in ihrem Team. Menschen und Hunde arbeiteten unermüdlich, obwohl Temperaturen und Luftfeuchtigkeit ihnen alles abverlangten.

Für die Rettungskräfte blieb kaum Zeit zur Erholung. Geschlafen wurde nur wenige Stunden. Nach etwa 72 Stunden sinken die Überlebenschancen verschütteter Menschen drastisch.

Venezuela Erdbeben
Die Anzahl der Venezuela-Erdbebenopfer ist enorm hoch. - keystone

Auch das Schweizer Team fand keine Überlebenden mehr. Eine Person wurde zwar noch lebend geortet, starb jedoch kurze Zeit später leider bis zu ihrer Bergung.

«Dass wir niemanden lebend aus den Trümmern holen konnten, machte uns alle sehr traurig.» Trotzdem zweifelt Perren nicht am Sinn des Einsatzes. «Für die Angehörigen ist es unendlich wichtig, Abschied nehmen zu können.»

Da die entscheidende Frist von 72 Stunden nach der Katastrophe bereits überschritten war, beendete die Rettungskette Schweiz nach einer Woche unermüdlicher Arbeit ihren Einsatz. Die Schweiz setzt ihre Hilfe für die Überlebenden der Katastrophe jedoch fort.

Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) des EDA hat nun Fachleute des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe entsandt, die vor Ort den Überlebenden weiterhin helfen. Für Perren war es nicht ihr erster Katastropheneinsatz.

Bereits nach dem Erdbeben in der Türkei stand sie im Einsatz. Die Reaktion der Menschen in Venezuela hat sie besonders berührt. «Es gab kaum Wehklagen. Beeindruckend war die grosse Dankbarkeit, die überall zu spüren war.»

Inzwischen ist sie wieder in der Schweiz und mit ihren beiden Hunden in den Mörschwiler Wäldern spazieren gegangen. Einen Tag nach ihrer Rückkehr fuhr die gebürtige Zermatterin in ihre Heimat.

In den Walliser Bergen möchte sie zur Ruhe kommen und vor allem schlafen. Die Bilder aus Venezuela aber werden bleiben.

Hinweis

Dieser Artikel ist zuerst in den «St. Galler Nachrichten» erschienen.

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