Olma

    St. Gallen: Hier spricht der Mister Olma-Halle 4 und 5

    Lui Eigenmann
    Lui Eigenmann

    Stadt St. Gallen,

    Er kennt die Menschen, die in den Olma-Hallen 4 und 5 ein und aus gehen. Reto Valaulta (73) ist Hallenchef, Problemlöser und längst ein vertrautes Gesicht.

    Mister Olma
    Reto Valaulta kennt die Hallen 4 und 5 wie seine Westentasche. - Lui Eigenmann

    «Hoi Reto!» Kaum hat Reto Valaulta seinen Rundgang durch die Halle 5 begonnen, wird er bereits von allen Seiten begrüsst. Ein kurzer Schwatz hier, ein Händedruck dort, dazwischen ein Schulterklopfen. Der 73-Jährige kommt kaum ein paar Meter weit, ohne dass ihn jemand anspricht.

    Er bleibt stehen, lacht und erkundigt sich, ob alles gut läuft. Man kennt sich. Und das nicht erst seit gestern.

    Es ist Montagmittag, kurz nach halb zwölf. Sein Arbeitseinsatz hat gerade begonnen. In den Hallen 4 und 5 herrscht bereits reger Betrieb.

    An einem Stand wird Bier ausgeschenkt, am nächsten Wein degustiert. Dazwischen schieben sich die Besuchenden durch die Gänge, treffen Bekannte und suchen nach einem freien Platz.

    Mittendrin bewegt sich Valaulta, als wäre er hier zu Hause. Ist er irgendwie auch. «In diesen Hallen finden Begegnungen statt», sagt er. Rund 90 Prozent der Gäste seien wiederkehrende Gäste.

    Auch bei den Ausstellern gebe es viele bekannte Gesichter. Etwa 90 Prozent der Stände seien jedes Jahr wieder dabei. «Es gibt Leute, die kommen definitiv nur wegen dieser Hallen.»

    Die alte Olma lebt weiter

    Halle 4 und 5 verkörpern die frühere Halle 7, die abgebrannt ist. «Viele sagen, man solle die alten Hallen doch abbrechen», erzählt Valaulta. Er sieht das anders.

    «Das ist die alte Olma. Hier darf es so sein. Hier drin treffen sich Generationen.» Früher sei der Montag der Tag der Coiffeusen gewesen, heute gehöre er vor allem den Sportlerinnen und Sportlern.

    Viele Vereine kommen nach ihren Wettkämpfen am Wochenende an die Olma.

    parmelin olma
    Die Olma zieht auch die Politprominenz an. Im Bild: Bundespräsident Guy Parmelin. - keystone

    Valaulta ist selbst ein Vereinsmensch. Er ist in St. Gallen-Neudorf aufgewachsen und war zehn Jahre Trainer beim Handballclub St. Otmar.

    Seine Geschichte mit der Olma beginnt schon als Primarschüler. Gemeinsam mit seinen Schwestern verkaufte er bei den Kühen Olma-Kataloge.

    «Man hat einfach an der Olma gearbeitet. Da ging es nicht ums Geld, es war einfach schön.» Nach seiner Pensionierung reizte ihn die Vorstellung, nochmals für die Messe tätig zu sein. Seit der Coronapandemie ist er Hallenchef.

    Problemlöser mit Schleichwegen

    Drei Veranstaltungsbetreuer kümmern sich um die beiden Hallen. Der Erste beginnt um 6.30 Uhr, der Letzte beendet seinen Dienst erst um ein Uhr nachts. Valaulta arbeitet vorwiegend am Nachmittag und in der Nacht.

    Am Sonntag war erst um 00.30 Uhr Schluss. Zweimal täglich gibt es einen Rapport. Dazu kommen zahlreiche kleine Absprachen und spontane Einsätze. Ein Aussteller möchte die Fenster geöffnet haben, der nächste lieber geschlossen.

    Irgendwo fehlt ein Pet-Sack, andernorts wird etwas gesucht. «Für mich sind das keine Probleme, sondern Situationen, die man möglichst schnell lösen muss.» Er telefoniert, organisiert und vermittelt. Die Betreiber sollen sich auf ihr Geschäft konzentrieren können.

    «Es ist wichtig, dass es ihnen gut geht.» Persönliche Beziehungen helfen dabei: Wer sich kennt, spricht miteinander.

    So lassen sich manche Konflikte entschärfen, bevor sie entstehen. Die Hallen heizen sich schnell auf. Am Nachmittag kann es bereits 25 Grad warm werden.

    Olma Messe
    Die diesjährige Olma in St. Gallen findet vom 8. bis 18. Oktober statt. (Archivbild) - keystone

    Entsprechend regelmässig drehen sich die Diskussionen um offene oder geschlossene Fenster. Ab 16 Uhr bewegt sich Valaulta kaum noch mitten durch die Hallen. Dann kennt er seine Schleichwege.

    Wenn der Gong ertönt

    Um 19 Uhr schliesst die Messe ihre Tore. Dann beginnt das Räumen, das Valaulta als legendär bezeichnet. Im vergangenen Jahr besuchte er eigens eine vergleichbare Messe in München, um zu sehen, wie dort vorgegangen wird.

    Dort ertönt um 17.50 Uhr ein Gong, um 18 Uhr folgt ein zweiter. Die Besuchenden verlassen die Hallen gestaffelt und in Ruhe. An der Olma läuft es anders. Um 19 Uhr ertönt der Gong.

    Dabei sind die kräftigen Stimmen seiner Kollegen Andy Wyss und Roland Fey zu hören. Doch nur wenige Besuchende verlassen die Hallen freiwillig. Der Rest muss hinausbegleitet werden.

    Mit Unterstützung der Securitas wird von Osten nach Westen geräumt. In Halle 5 bleibt dafür ungefähr eine Stunde, in Halle 4 mindestens eineinhalb Stunden, oft länger. «Es braucht Geduld. Die haben nicht alle.»

    Ein Treffpunkt voller Geschichten

    Reto Valaulta geht weiter durch Halle 5. Er zeigt auf den Frifag-Pouletstand. «Der ist bei den Frauen beliebt.» Hier gebe es einmal etwas anderes als Bratwurst.

    Ein paar Schritte weiter steht der Stand von Goba. Auch dort laufe es gut, obwohl auch nicht-alkoholische Getränke verkauft würden. Kaffee sei ebenfalls gefragt.

    Beim Bierstand ist bereits einiges los. «Um diese Zeit kommen wir noch durch. Später nicht mehr.»

    Ein Grilleur bringt es auf den Punkt: «Egal, wohin man schaut, man kennt immer wieder jemanden.»

    Die Hallen seien ein Treffpunkt. Auch die Gläser müssen ihren Weg zurückfinden. Viele gelangen von der SGKB-Halle in die Hallen 4 und 5. Zehn Kantischülerinnen und -schüler, viele von ihnen aus Trogen, sammeln sie ein und bringen sie zu den jeweiligen Ständen zurück.

    In Halle 4 füllen sich die Gänge ebenfalls. Hallenchef Valaulta entdeckt einen Winzer, dessen Stand seit 34 Jahren an der Olma vertreten ist. Die beiden scherzen miteinander.

    Es ist ein vertrauter Umgang, wie er sich nur über Jahre entwickelt. Mitten in der Halle liegt Valaultas Büro. Hier trifft sich das Team, hier werden Jacken verstaut und kurze Besprechungen abgehalten.

    Nicht nur über Negatives reden

    Alkohol werde an der Olma teilweise über das Mass hinaus konsumiert, sagt Valaulta. Besonders bei jungen Menschen in Gruppen beobachte er, dass Einzelne zeigen wollten, wer sie seien. Trinken die Jungen heute weniger als früher?

    «Nein, das merkt man hier nicht. Definitiv nicht.» Er selbst trinkt keinen Alkohol.

    «Grundsätzlich noch nie.» Was ihn störe, sei die Fixierung auf einzelne negative Vorfälle.

    «Eigentlich läuft der Tag ruhig. Dann gibt es zwei Scharmützel, und plötzlich spricht man nur noch darüber. Das finde ich schade.»

    Besuchst du stets die Olma?

    Er wehre sich dagegen, die Olma auf solche Szenen zu reduzieren. Denn was sich während eines langen Messetags abspiele, sei viel mehr als das.

    Fit für elf lange Tage

    Der schönste Moment sei für ihn der erste Messetag. Dann gehe er durch die Hallen, gebe allen die Hand, wünsche viel Erfolg und umarme alte Bekannte. «Es ist ein eingespieltes Team hier in der Halle.»

    Damit die elf Messetage und der Aufbau nicht zur Belastung werden, hält Valaulta an seinen Routinen fest. Jeden Tag geht er ins Fitness. Beginnt sein Spätdienst um 14 Uhr, sitzt er vorher auf dem Velo.

    Zu Hause liest er die Nachrichten. «Ich möchte informiert sein und nicht in einer Bubble gefangen sein. Das ist mir sehr wichtig.»

    Am Montagmittag liegen noch viele Stunden vor ihm. Später werden die Gänge so voll sein, dass er seine Schleichwege braucht.

    Am Abend wartet das Räumen, danach die letzten Kontrollen und offenen Fragen. Valaulta möchte alles abschliessen, bevor er nach Hause geht.

    Doch bis dahin wird er noch viele Hände schütteln und Fragen beantworten. Und schon ist wieder ein vertrautes «Hoi Reto!» zu hören.

    Hinweis

    Dieser Artikel ist zuerst in den «St. Galler Nachrichten» erschienen.

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